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Die Kämpfernatur

René Wyßuwa gehörte zu den besten Gewichthebern der DDR. Heute hat er eher mit Zahlen zu tun – in Radeberg.

© Bernd Goldammer

Von Bernd Goldammer

Radeberg. Seine Freundlichkeit kommt ungekünstelt. Und Humor ist ihm wichtig. In diesen Tagen bereitet sich der Versicherungskaufmann René Wyßuwa auf das fünfjährige Jubiläum seiner LVM-Versicherungsagentur in Radeberg vor. „Der Charme der Innenstadt kam meinen Vorstellungen am nächsten“, erinnert er sich. Er übernahm das gut eingeführte Büro von Angela Scope, die sich aus gesundheitlichen Gründen zurückzog.

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René Wyßuwa war einer der besten Gewichtheber der DDR.
René Wyßuwa war einer der besten Gewichtheber der DDR. © privat

Sportfreunden sagt der Name René Wyßuwa allerdings noch viel mehr. Bei Ebay werden seine Autogrammkarten immer noch gehandelt. Vor 33 Jahren gehörte René Wyßuwa zu den stärksten Gewichthebern Europas. Schwerste Hanteln hatten es ihm besonders angetan. Er feierte große internationale Erfolge. Doch er erlebte auch, wie schnell sich das Leben ändern kann. Vielleicht ist er deshalb nach der Beendigung seiner aktiven Laufbahn als Gewichtheber in die Versicherungsbranche gegangen. Angefangen hat alles Anfang der 70er Jahre bei der Betriebssportgemeinschaft Schwarze Pumpe. Zupacken und kämpfen, das lernte Wyßuwa als Erstes.

Sportschule in Dresden besucht

Olympiasieger war schon sein Kindheitstraum. Dafür trainierte er hart. Durchhaltevermögen kristallisierte sich als weitere Eigenschaft heraus. Seine Kämpfernatur blieb nicht unbemerkt. Schon als Jugendlicher kam René Wyßuwa an die Sportschule des SC Einheit nach Dresden. Die Zeit seiner sportlichen Höchstleistungen fiel unglücklicherweise in die eisigsten Jahre des Kalten Krieges. Athleten in Ost und West trainierten auf Hochtouren für die Olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau. Doch sieben Monate zuvor war die Sowjetunion in Afghanistan einmarschiert. Olympiaboykott war die Folge. Von 148 anerkannten Nationalen Olympischen Komitees fehlten 65 in Moskau. Darunter waren auch die leistungsstarken Mannschaften USA, Bundesrepublik, Kanada, Japan, China, Kenia und Norwegen. Die Olympiade verlor an Sinn und Ausstrahlung. René Wyßuwa war damals verletzt. Seine Karriere schien nach einem Unfall beim Pokal der Blauen Schwerter in Meißen infrage zu stehen. Nach seiner Genesung kämpfte der Sportler verbissen weiter. 1981 wurde er zum wiederholten Male DDR-Meister. Dieser Sieg war der einzige Schlüssel zu Wettbewerben auf internationalem Parkett. 1983 konnte er den Titel erneut holen und 1984 wurde er DDR-Vizemeister. Die Vorbereitungen auf die Olympiade in Los Angeles 1984 liefen prächtig. „Ich war in Hochform“, erzählt René Wyßuwa. Im Mai wurde er mit 225 Kilo im Stoßen Vizeeuropameister. Im Zweikampf hob er damals sogar 352,5 Kilo und bekam am gleichen Tag auch noch eine Bronzemedaille. Seinem Traumziel vom Olympiasieg war er sehr nah. „Olympia war für uns DDR-Sportler auch ein Fest der Völkerverständigung auf der Ebene des Sportes“, erinnert er sich. Kenner der internationalen Gewichtheberszene räumten ihm diesmal besonders große Chancen auf einen olympischen Medaillenplatz ein. „Vor mir lag der sportliche Höhepunkt meines Lebens. Ich war topfit“, erinnert sich René Wyßuwa. Dann aber verhängte die altersstarre Führung der Sowjetunion einen Olympiaboykott als Retourkutsche für den „Moskau-Boykott 1980“. Dem schloss sich das NOK der DDR gehorsam an.

Nachwuchstrainer in Riesa

Für René Wyßuwa war das sehr hart. Er konnte das lange nicht wegstecken. Wieder war Olympia für Politik geopfert worden. In Los Angeles waren 140 Staaten am Start. Doch mit den Ostblockstaaten und Kuba fehlten genau die sieben Nationen, die zuvor in Montreal über die Hälfte aller Medaillen erkämpft hatten. „Politischer Zeitgeist zerstörte meine sportlichen Hoffnungen. Wie alle anderen nominierten DDR-Leistungssportler saß ich bereits auf gepackten Koffern. Als diese Entscheidung kam, waren wir alle zutiefst enttäuscht“, sagt der Versicherungsexperte. Der Olympiasieger von Los Angeles, Norberto Oberbürger stemmte damals 390 Kilo im Zweikampf. Bei den „Ersatz Spielen“ in Schwedt schaffte René Wyßuwa 407 Kilo in der gleichen Klasse. Man spürt, dass ihn das heute noch bewegt. Nach diesem Fiasko versuchte er es erneut. Bei den Europameisterschaften der Gewichtheber 1986 im damaligen Karl-Marx-Stadt erkämpfte er sich noch mal eine europäische Bronzemedaille und wurde DDR-Meister in den Disziplinen Reißen und Stoßen. Dann machte sein Körper nicht mehr mit. René Wyßuwa zog sich zurück, begann ein Sportstudium und wurde Nachwuchstrainer in Riesa.

Nach der Wende machte er seinen Versicherungskaufmann. Er erkannte schnell, was in dieser Branche Weizen und was Spreu ist. René Wyßuwa ging seinen eigenen Weg. Und der führte vor nunmehr fünf Jahren nach Radeberg. Mit dem Kapitel „Gewichtheben“ hatte er eigentlich längst abgeschlossen. Geblieben ist ein Buch Bildband mit dem Titel „Trümpfe des Sports“, in dem sein Rekord in Schwedt wenigstens verewigt ist. Seine letzten Sportschuhe und seinen Gewichthebergürtel hatte er für das SZ-Gespräch noch einmal aus dem Keller geholt.