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Die Koala-Retter in Australien

Hunderte Millionen Tiere sind bei Buschbränden in Australien bereits verendet - vor allem Koalas. Es ist damit auch die Stunde vieler freiwilliger Helfer.

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Wildtierretter Simon Adamczyk trägt einen Koala aus einem brennenden Wald in der Nähe von Cape Borda auf Kangaroo Island, südwestlich von Adelaide.
Wildtierretter Simon Adamczyk trägt einen Koala aus einem brennenden Wald in der Nähe von Cape Borda auf Kangaroo Island, südwestlich von Adelaide. © dpa/David Mariuz

Von Sissi Stein-Abel

Kängurus, die im Buschland durch Rauchschwaden hüpfen. Vögel, die von der Hitze erschöpft zu Boden stürzen. Und Koalas, die auf den Bäumen verbrennen. Seit Monaten toben die Feuer in Australien. Ganze Landstriche sind zerstört – und auch sehr viel von der einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt des Kontinents. Wie viel, ist noch nicht abzusehen.

Hunderte Millionen Tiere sind nach vorsichtigen Schätzungen von Wissenschaftlern allein im Bundesstaat New South Wales an der Südostküste getötet worden. Bilder von verkohlten Kängurus treffen die Leute ins Mark. Geschichten von geretteten Tieren sind da Balsam: So wie die eines kleinen Koalas, der gerade in einem Lastwagen Unterschlupf fand. Oder Geschichten davon, dass Feuerwehrleute die Tiere bergen und ihnen Wasser geben. Koalas können nicht wie Kängurus oder Wallabys weghüpfen. Die Beutelsäuger rollen sich während der Brände in den Bäumen zusammen, was verheerend ist.

Für den Lebensraum und die Population der Koalas – wie Kängurus sind auch sie nur in Australien heimisch – sieht es nicht gut aus. Sue Ashton, die Chefin des landesweit einzigen Koala-Krankenhauses in Port Macquarie, schätzt, dass es landesweit Zehntausende Tiere nicht geschafft haben. „Allein in unserer Gegend sind Hunderte Koalas gestorben“, sagt sie. In einem über lange Zeit untersuchten Gebiet seien etwa zwei Drittel der Population verendet.

Auch auf der Känguru-Insel, einem beliebten Urlaubsziel im Süden des Landes, ist nach Schätzungen von Wildschützern die Hälfte der Tiere verendet – oder wird es wohl noch. Darunter ist möglicherweise die Hälfte der etwa 50.000 Koalas. Es gibt keine Nahrung mehr, viele der Tiere, die nicht im Feuer umgekommen sind, werden verhungern, wie ein Parkbesitzer schildert. Für die Tierwelt werde es Jahre dauern, bis sie sich erhole.

© David Mariuz/AAP/dpa

In den Feuergebieten ist es die Stunde der freiwilligen Tierretter, 2.600 Leute zählt etwa die Organisation Wires. Auch deren Sprecher John Grant kann nicht sagen, wie folgenreich die Brände letztlich sind. Doch allein im Dezember gingen bei Wires 20.000 Anrufe ein, die um Hilfe baten. Die Organisation kümmert sich etwa um Vögel, Kängurus und Wallabys, dabei besonders um die Babys, sowie um Wombats und Opossums. Viele Känguru-Mütter werfen ihren Nachwuchs aus dem Beutel, um sich zu retten, wie Grant sagt. „Wir sorgen uns um die nächste Generation.“ Viele Tiere müssten auch eingeschläfert werden.

In Onkaparinga, einem kleinen Ort rund 35 Kilometer südlich von Südaustraliens Hauptstadt Adelaide, sitzt Harry im Birnbaum im Garten von Mish und Wade Simpson. Erst klettert der junge Koala auf den Ästen, ehe er sich auf den Boden gleiten lässt und dann Mish als Kletterbaum benützt. Das ist schmerzhaft, denn Koalas springen mit Schwung auf Bäume und krallen sich fest, und je jünger ein Koala ist, desto schärfer sind die Krallen. Sie stumpfen erst im Lauf der Jahre durch das Klettern ab.

Kratzer und Narben an Händen, Armen und Hals sind die Erkennungsmerkmale von Menschen, die verwaiste, verletzte und kranke Koalas pflegen. Und oft Augenringe, denn ähnlich wie Menschenkinder müssen Koala-Babys – in Australien Joeys genannt – alle vier bis sechs Stunden mit Muttermilchersatz aus der Flasche gefüttert werden.

Es ist ein unbezahlter Rund-um-die-Uhr-Job neben Beruf und Haushalt, denn nach jedem Notruf fährt das Ehepaar, egal, ob bei Tag oder Nacht, meilenweit durch die Weinregion um McLaren Vale und sammelt Koalas ein. „Es ist optimal, dass Wade flexibel ist“, sagt Mish, die in Adelaide als Datenwissenschaftlerin für die Landesregierung arbeitet, während Wade zwei Autowerkstätten besitzt und sich die Zeit einteilen kann.

© dpa/Robert Michael

Das Paar, sie 34, er 36, sind die „Southern Koala Rescue“. Wade nennt sich selbst „Koala-Mutter“, und so ist das auch. Er und Mish sind Mutter-Ersatz und müssen diesem goldigen dunkelgrauen Beuteltier alles beibringen, was es im richtigen Leben von seiner Mutter lernen würde – und später in der Wildnis braucht. Jungtier Harry schläft in einer plüschigen Kuschelhülle, dem Ersatz für den Beutel seiner echten Mutter, in dem er die ersten sechs, sieben Lebensmonate verbracht hätte, und statt sich auf Mamas Rücken festzukrallen, steigt er Mish auf die Schulter.

Mittlerweile ist Harry alt genug, um tagsüber in einem großen Gehege Eukalyptusblätter zu knabbern, zu klettern und einen Plüschteddy zu knuddeln. Vier solche Gehege für jeweils zwei Koalas haben die Simpsons im Garten, alle selbst finanziert. Wer Koalas rettet und versorgt, ist auf Spenden und Sponsoren angewiesen. Im Gegensatz zur freien Wildbahn, wo sie Einzelgänger sind, freunden sich Koalas in den Gehegen an, das verringert den Stress. Jetzt während der Hitzewelle kommen manche Tiere nur für zwei, drei Tage, werden mit Wasser versorgt und dann wieder in Freiheit entlassen.

Eine Mischung aus Schnarchen, Grunzen und Rülpsen

Nebenan sitzt Priscilla und brüllt, weil sie Angst und Schmerzen hat. Sie ist von einem Hund angefallen worden, eine ihrer Krallen fehlt. Das röhrende Koala-Brüllen passt so gar nicht zu den niedlichen Gesichtern der Beuteltiere, es klingt wie eine Mischung aus Schnarchen, Grunzen und Rülpsen. Die Behandlung von infizierten Wunden ist problematisch, weil Antibiotika die Darmbakterien töten, die Koalas zur Verdauung der giftigen Eukalyptusblätter benötigen.

In Cheryls Wohnzimmer in Greenwith in den Adelaide Hills ist ein dicker, verzweigter Ast als Kletterbaum aufgebaut. Darauf döst der sieben Monate alte Austen, und die ein, zwei Monate ältere Maisy klettert von Ast zu Ast. Austen wurde weinend unter einem Auto in Lobethal gefunden, von der Mutter keine Spur. Keiner weiß, ob sie noch lebt. Ob sie zu schwach war, um für ihr Joey zu sorgen, oder das Baby von ihrem Rücken fiel?

Damals waren die Temperaturen noch erträglich, jetzt wüten in dieser Gegend – Woodside, Lobethal, Gumeracha, Cudlee Creek – verheerende Buschfeuer. Die Lage im Krisengebiet um Cudlee Creek ist so katastrophal, dass die für solche Situationen geschulten und lizenzierten Koala-Retter keinen Zutritt mehr haben. Dennoch werden täglich verletzte Tiere aufgelesen und mit Infusionen aufgepäppelt, das angesengte Fell gestutzt, die verbrannten Pfoten mit Salbe eingecremt und bandagiert, Verbände gewechselt.

© David Mariuz/AAP/dpa

Das findet meistens beim Tierarzt statt, und der Vorgang ist so schmerzhaft, dass manche Koalas dafür betäubt werden müssen. „Das ist nicht ideal“, sagt Dee Hearne-Hellon, „aber wenn man das nicht macht, werden die Helfer verletzt. Man darf nicht vergessen, dass Koalas wilde Tiere sind. Sie können nicht domestiziert werden.“

Vor der Ankunft der europäischen Siedler 1788 in Australien lebten Millionen und Abermillionen Koalas in den Eukalyptuswäldern der Ostküste und im Südosten Südaustraliens. Durch den Handel mit Koala-Fellen wurden die Bestände dramatisch reduziert. Großbritannien importierte in den 20 Jahren von 1888 bis 1918 allein 4,1 Millionen Felle. Der Fellhandel endete 1927, als der spätere US-Präsidenten Herbert Hoover ein Importverbot verhängte.

Zu diesem Zeitpunkt gab es nur noch in Queensland reichlich Koalas, in Victoria rund 1.000, in New South Wales wenige Hundert, und in Südaustralien waren sie schon ausgestorben. Zwischen 1923 und 1925 wurden 18 Koalas aus Victoria auf Kangaroo Island ausgewildert und vermehrten sich dort sprunghaft. Koalas von dieser Insel wurden zwischen 1959 und 1969 in Südaustralien angesiedelt, auch in Gegenden, in denen es früher keine Koalas gegeben hatte. Aufgrund dieser Inzucht fehlt den Koalas in Südaustralien aber die genetische Vielfalt.

Die „Adelaide and Hills Koala Rescue“-Gruppe ist mit rund 30 Mitgliedern die größte Freiwilligen-Organisation in Südaustralien. Cheryl, die nur mit Vornamen genannt werden möchte, Dee und Merridy Montarello sind die Gründerinnen – und Merridy die „Queen Koala“, die laut Cheryl „unser Guru ist und alles weiß“. Dee postet regelmäßig lustige Erfolgsgeschichten auf Facebook. Aber die Wahrheit ist, dass selbst in Zeiten ohne Buschfeuer nur 25 Prozent der geretteten Koalas überleben.

Hunde und Autos sind die größten Koala-Killer

„Wir behalten viele traurige Geschichten für uns, um die Leute, die uns anrufen, wenn sie einen verletzten oder kranken Koala finden, nicht zu demotivieren“, erklärt Dee „Wir wollen natürlich, dass sie sich weiterhin melden und Schalen mit Wasser in ihre Gärten und in Koala-Reviere stellen, damit die Tiere bei Hitze trinken können.“ Bei den extremen Temperaturen trocknen auch die Eukalyptusblätter aus, von denen sich die Koalas fast ausschließlich ernähren.

Abgesehen von Buschfeuern sind Hunde und Autos die größten Koala-Killer. Verletzte Koalas werden zum Röntgen und zu Infusionen zum Tierarzt gebracht. Andere Untersuchungen können die Ersthelfer selbst durchführen und sind Standard. Mit einem Abstrich wird auf die Infektionskrankheit Chlamydia getestet, von der in Südaustralien rund 40 Prozent der Population befallen sind. Trinkt ein Koala auffällig viel, wird eine Urinprobe genommen. Bestätigt sich der Verdacht auf eine Nierenfunktionsstörung, wird das Tier eingeschläfert, um ein langes und elendes Sterben abzukürzen.

Aufgabe der Helfer ist auch, den sogenannten Pap zuzubereiten und die Joeys damit zu füttern, die zu Waisen wurden, als sie noch im Beutel lebten. Das ist ein kotähnliches Ausscheidungsprodukt, das die Joeys fressen müssen, um nach dem Ende ihrer Ernährung mit Muttermilch die eigentlich giftigen Eukalyptusblätter verdauen zu können.

Alle paar Tage fahren Mish und Wade elf Kilometer in ein Schutzgebiet, um nach Bugsy und Evie zu schauen. Die Jungtiere, die einst als Joeys zu den Simpsons kamen, sitzen auf einem himmelhohen Eukalyptusbaum, um sich an das Leben ohne Kontakt zu Menschen zu gewöhnen. Der Rutenförmige Eukalyptus ist von einer hohen Aluminiumwand umgeben, um Hunde und Wildkatzen fernzuhalten. Unter dem Baum stehen Behälter mit Zweigen von drei anderen Eukalyptusarten aus Tasmanien, Süd- und Westaustralien. An diese Vielfalt müssen sich die Koalas gewöhnen, denn irgendwann im Jahr ist die Toxizität ihrer Lieblingsbäume so hoch, dass sie sich trotz ihres einzigartigen Verdauungssystems damit vergiften würden.

Haben sie auch diese letzte Lektion gelernt, werden sie ausgewildert. „Einmal in Freiheit, klettern sie auf einen Baum und wollen dich nicht mehr sehen“, sagt Mish. „Es ist ein bisschen traurig, aber es ist der Grund, warum wir Koalas retten.“ Oder, wie Merridy es ausdrückt: „Wir tun es für die Koalas, nicht für unser Ego.“ (mit dpa)