merken
PLUS

„Die Kriegsjahre haben uns geprägt“

Wolfgang Forgber über Bischofswerdas Kirchenjugendchor, Gebete für den Sieg und Fliegeralarm auf dem Friedhof.

Die evangelische Kirchgemeinde Bischofswerda feiert an diesem Sonntag ihr Kirchweihfest. Wolfgang Forgber, Jahrgang 1934, verbindet mit der Christuskirche viele Erinnerungen.Von 1943 bis 1948, den schweren Kriegs- und Nachkriegsjahren, war er Kurrendaner, heißt: Er sang im Jugendchor der Kirchgemeinde mit.

Wolfgang Forgber vor der Bischofswerdaer Christuskirche. Fast sechs Jahre lang gehörte er als Schüler dem damaligen Jugendchor der Kirchgemeinde an.  Foto: Regina Berger
Wolfgang Forgber vor der Bischofswerdaer Christuskirche. Fast sechs Jahre lang gehörte er als Schüler dem damaligen Jugendchor der Kirchgemeinde an. Foto: Regina Berger © Regina Berger

Denkt Wolfgang Forgber an seine Schulzeit zurück, dann sind seine Erinnerungen verbunden mit Krieg, Hunger und Armut.

sz-Reisen
Mit SZ-Reisen die Welt entdecken
Mit SZ-Reisen die Welt entdecken

Bei SZ-Reisen findet jeder seine Traumreise. Egal ob Kreuzfahrt, Busreise, Flugreise oder Aktivurlaub - hier bekommen Sie für jedes Reiseangebot kompetente Beratung, besten Service und können direkt buchen.

Der Vater wurde mit meinem Eintritt in die Schule 1940 als Soldat eingezogen. Als er 1948 nach dem Krieg aus der Gefangenschaft wieder nach Hause kam, ging ich aus der Schule. Die Last meiner Erziehung oblag in diesen Jahren allein meiner Mutter, unterstützt von den Großeltern mütterlicherseits, die bei uns wohnten. Ich war in einer Familie mit christlichem Glauben aufgewachsen, wenn wir auch oft nur zu Weihnachten in die Kirche gingen.

Das sollte sich 1943 ändern. Die Jungenklasse von Wolfgang Forber hatte gerade das dritte Schuljahr begonnen, als Musiklehrer Hillmann nach dem Unterricht zu einem Vorsingen einlud.

Herr Hillmann war auch Kantor. Er erklärte uns, dass Jungen, in unserem Alter mit evangelischem Glauben gesucht werden, die zukünftig als Kurrendaner in der Kirche tätig sein wollten. Viele von uns, die nun in das Musikzimmer gingen, wussten natürlich nicht, was diese Aufgabe alles bedeutet. Doch wir waren neugierig und stellten uns in einer Reihe im Musikzimmer auf. Am Flügel begleitet von Herrn Hillmann, mussten wir dann, jeder einzeln den Anfang des damals oft gesungenen Liedes „Ich hatte einen Kameraden“ singen. Sechs Jungen aus unserer Klasse wurden schließlich in den Jugendchor aufgenommen: Rolf Möckel, Rolf Jähne, Siegfried Leuner, Joachim Warnatzsch, Wolfgang Forgber und Siegfried Lösche, der schon nach kurzer Zeit zum Dresdener Kreuzchor wechselte.

Zwölf Jungen gehörten ständig dem Jugendchor an. Zeitweilig hatte dieser aber auch 16 Mitglieder.

Wir Neuen- wurden von den „altgedienten Jungs“ liebevoll aufgenommen. Anfangs waren wir „nur“ Sänger. Erst später begriffen wir die richtige Verhaltensweise während der Gottesdienste. Nicht, dass es uns an Ehrfurcht gemangelt hätte! Aber es war ein Prozess, die inhaltlichen Dinge zu begreifen – das Warum und Wie, die unterschiedlichen Aussagen und Auffassungen zu christlichen und weltlichen Themen, wie sie von unseren beiden Pfarrern Heinze und Jäkel interpretiert wurden. So hörte ich natürlich aufmerksam die Predigten während des Krieges und beachtete die Predigten in der Nachkriegszeit. Schon als Kind und heranwachsender Jugendlicher konnte ich wesentliche und für mich interessante Unterschiede feststellten. Unterschiede, die mich gedanklich bewegten und auf die ich damals keine Antwort fand.

Die Aufgabe der jungen Sänger bestand darin, die Sonntagsgottesdienste mit anschließendem Abendmahl, dem Kindergottesdienst und den Taufen zu unterstützen. Hin zu kam das Singen zu Hochzeiten und zu Beerdigungen. Gerade in der Kriegszeit, aber auch in den Nachkriegsjahren gab es davon viele.

Bei Beerdigungen trat der gesamte Chor auf – oder es wurden nur drei Kurrendaner benötigt, die ein Holzkreuz zur Bestattung trugen. Dass besonders in den letzten Kriegsjahren die Fliegeralarme zunahmen und wir oft bei Beerdigungen auf dem Neuen Friedhof nicht so einfach uns in schützende Räume begeben konnten, das mussten wir hinnehmen. Einmal flogen bei strahlend blauem Himmel die anglo-amerikanischen Bomberstaffeln in großer Höhe über Bischofswerda hinweg Richtung Berlin. Die Fliegerabwehr von Königsbrück schoss auf diese Flugzeuge. Doch auch unter diesen Bedingungen versuchten wir, in würdiger Form die Bestattung des Toten abzuschließen, natürlich in einer verkürzten Trauerfeier.

Es kam die Zeit, wo die Schüler zur Hitlerjugend (HJ) gezogen wurden. Wolfgang Forgber wollte nicht teilnehmen. Aber es kam für ihn anders.

Eine „Aussprache“ des HJ - Gruppenführers mit meiner Mutter führte dazu, dass auch ich die Uniform, zunächst der „Pimpfe“ – so nannte man die jüngsten Mitglieder – anziehen musste. Sonntags standen wir manchmal in der Kirche, unter der Kutte die HJ-Uniform. Das geschah mit Einwilligung unseres Kantors, denn der war ja auch als Oberlehrer im Staatsdienst und wurde 1945 als Lehrer entlassen. Noch während der Gottesdienst lief, mussten wir in das HJ-Heim in Bischofswerda laufen, um dort ab 10 Uhr andere Lieder zu singen, als wir sie in der Kirche gewohnt waren. Anschließend übten wir das Marschieren.

Auch wenn wir noch fast Kinder waren, so nahmen wir doch schon sehr bewusst zur Kenntnis, dass die Pfarrer in ihrem Sonntagsgebet den Sieg der Wehrmacht auf den Kriegsschlachtplätzen und sogar das Wohlergehen des „Führers“ mit einschlossen. Gleichzeitig stellten wir mit Bestürzung fest, dass während des Sonntagsgottesdienstes im zunehmenden Maße Soldaten als Tote in der Gemeinde abgemeldet wurden. Ausgewählte gefallene Wehrmachtsangehörige aus der Stadt wurden auch noch 1944 mit militärischen Würden auf dem Neuen Friedhof beerdigt. Dabei erlebte ich noch anfangs den Schützenverein mit Musikkapelle und später eine Ehrenkompanie der Wehrmacht.

Die mannigfaltigen Erlebnisse, die wir in diesen Kriegsjahren als Kurrendaner – mehr als andere Mitschüler unseres Alters – hatten, die Erfahrungen, die wir sammelten, haben uns geprägt. Sie wirkten sich auf die Entwicklung jedes Einzelnen aus – und sie haben spätere Entscheidungen mit beeinflusst.