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Die Macherin mit Leidenschaft

Dorit Baumeister möchte in Hoyerswerda Oberbürgermeisterin werden.

Dorit Baumeister am Tisch in ihrem Architekturbüro. Sie hat schon viel für die Stadt und die Stadtgesellschaft geleistet, würde dies jetzt gern als Stadtoberhaupt weiter tun.
Dorit Baumeister am Tisch in ihrem Architekturbüro. Sie hat schon viel für die Stadt und die Stadtgesellschaft geleistet, würde dies jetzt gern als Stadtoberhaupt weiter tun. © Foto: Uwe Schulz

Hoyerswerda. Wenn man Dorit Baumeister in Hoyerswerda treffen will, dann muss man rausgehen. „Man trifft mich auf der Straße“, sagt sie. Das kann gut und gern abends sein auf der Terrasse der Kulturfabrik oder auf dem Marktplatz, oder auf den Straßen der Neustadt, vor allem im WK I. „Ich fühle mich in der Neustadt auf den Straßen städtischer. Ich mag Stadt, die Atmosphäre, zum Beispiel die Bautzener Allee.“ 

Nun, sie ist Architektin, hat weiterhin ihre Zulassung und ihr Büro, auch wenn sie auf dem Papier Teilzeit-Citymanagerin ist, das aber eher vollzeitmäßig betreibt. Halbe Sachen sind nicht so ihr Ding. Und wenn sie was macht, dann mit Leidenschaft.

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Als Architektin weiß sie viel über die Häuser, die Bauweise, warum wann wo etwas entstand. Es ging ihr aber nie nur um die Hüllen, die Behausungen, sondern auch immer um die Menschen, die darin wohnen. Eine Stadt ist so viel mehr als die Infrastruktur. Eine gute Stadtfunktion wirke sich gut auf die Menschen aus. Wenn Dorit Baumeister irgendwo unterwegs ist, und sie ist oft unterwegs, dann schaut sie: Was wäre auch gut für Hoyerswerda? „Ich sauge alles auf“. Vor allem die guten und witzigen Ideen.

Geboren wurde sie 1963 in Lübz in Mecklenburg. 1968, im Jahr, als in Hoyerswerda das Krankenhaus und das Centrum-Warenhaus öffneten, zogen die Eltern von Goldberg hier her. Zunächst ein Kulturschock für die sehr junge Dorit. Dort die Freunde, unbeschwertes Spielen im Freien, im Grünen, hier im gerade entstehenden WK VIII Dreck, Kies, Matsch, schmucklose Blöcke – „Ich dachte, meine Eltern hatten etwas angestellt.“

Mit zwei Geschwistern wächst sie hier auf. Zuerst im WK VIII, dann im WK IX. Sie erinnert sich an eine schöne Jugend mit Kastanienhof, Alfred-Scholz-Halle und Treff 8. Aber auch auf den Dörfern war sie am Wochenende. Kunst und Gestalten mit Ideen waren schon immer ihr Ding. Das Reißbrett ihres Vaters stand in ihrem Jugendzimmer. Schnell war ihr klar, dass Hoyerswerda zu klein sei. Großstadt und Kunst lockten.

In Hoyerswerda hat sie die zehnte Klasse absolviert. Die erweiterte Oberschule, das Abitur, blieben ihr anschließend verwehrt. Gut möglich, dass die Familie nicht systemkonform genug war, nicht auf Linie. Bespitzelung durch die Staatssicherheit spielte eine Rolle. Aber letztlich gehörte das wie alle anderen noch folgenden Widrigkeiten einfach zum Leben dazu. Dorit Baumeister hebt so etwas nicht auf den Sockel, um sich dann klagend daran zu ergötzen. Aus Steinen, die einem im Leben in den Weg gelegt werden, kann man ja auch was Schönes bauen. Eine Lehre in Schwarze Pumpe oder in einem Job, den man früher gern mal als typischen Frauenberuf bezeichnete, schloss sie für sich aus. Sie ging als eine der wenigen weiblichen Jugendlichen den Weg der Baufacharbeiterausbildung in Zeißig. Betonwerk, Baustelle, das volle Programm. Anschließend kam sie beim Vater im Wohnungsbaukombinat Cottbus als Hilfszeichnerin unter. Und schließlich doch noch die Bauingenieursschule für Hochbau in Cottbus. Das Problem der Dorit Lienig, heute Baumeister, war, dass sie aneckte: „Ich wollte die DDR nicht abschaffen, sondern besser machen.“ Das brachte ihr Ärger ein. Heute denkt sie, dass 1984 die Geburt ihre Sohnes sie vor einigem staatlichen Unbill rettete. Im selben Jahr der Umzug nach Berlin. Beim VEB Baureparaturen Berlin-Mitte bekam sie einen Job in der Projektierungsabteilung Hochbau. Parallel Fernstudium im Bereich Denkmalschutz.

Sie war fasziniert vom Theater in Cottbus und nach dem Umzug nach Berlin von der dortigen Kulturszene. In der Hauptstadt der DDR spielte sie auch selbst mit Theater. Privat Scheidung, neuer Mann, Und ja – irgendwann kam auch Baumeisters die Idee zur Ausreise. Doch der Mauerfall kam ihrem Antrag zuvor. Noch vor der Währungsunion 1990 siedelten sie nach Bayern in die Nähe von Regensburg in ein 5.000-Einwohner-Dorf um – mit der drei Wochen alten Tochter. Sie hatten Arbeit, wurden gut aufgenommen, lebten sich ein und gingen zwei Jahre später wieder zurück, und zwar ganz zurück nach Hoyerswerda. Vater hatte sein Architektenbüro gegründet und brauchte Verstärkung. Dorit Baumeister brachte sich ein, konnte gestalten und musste schnell feststellen, dass im Rathaus der frühen 1990er-Jahre nur West-Kompetenz bei Architektur und Gestaltung zählten, weil die Ossis ja „Schuld an der Neustadt“ hatten. Es gab viel Demütigung. Aber Dorit Baumeister befasste sich mit der Stadt, entdeckte ihre Nähe, brachte gleichzeitig aber Erfahrung und eine Außenperspektive mit. Und sie wurde zu einer der glühendsten Verfechterinnen der Hoyerswerdaer Neustadt. Sie sieht sie als Lebensleistung so vieler Leute. „Ich habe mich nie gegen die Menschen gewandt bei dem, was ich tue“, sagt sie.

Und sie rückte den Rückbau in Hoyerswerda ins überregionale Bewusstsein. Das erste Kunstprojekt „Superumbau“ begleitete zufälligerweise ausgerechnet ihren eigenen Block aus den Kindheits-WK-VIII-Tagen. 2003 war das. Sie weiß, wie man Fördermittel bekommt, dass man Klinken putzen und mit Leuten reden muss. Ja, sie ist gut vernetzt. Sie engagiert sich, sie macht.

Sie ist überzeugt davon, dass die Bürger das eigentliche Potenzial der Stadt Hoyerswerda sind, die hier ihre ganz unterschiedlichen Lebensmodelle verwirklichen können – in Alt- und Neustadt, in den dörflichen Ortsteilen. Sie hat als Architektin gestaltet, mit der KulturFabrik Dinge initiiert. Sie hat als Citymanagerin gewirkt und es reifte die Überzeugung, dass sie den nächsten Schritt gehen, Verantwortung in der Stadt übernehmen müsse, all die Potenziale mitnehmen, miteinander verknüpfen, um so die Stadt, ihre Stadt, voran zu bringen. Mit Leidenschaft und mit ganzer Kraft. So, wie immer.

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