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Die reine Zerstörungswut

Unbekannte zerschießen in Weißwasser reihenweise Straßenlampen. Jetzt hofft die Polizei auf Hinweise von Zeugen.

Von Thomas Staudt

Das Telefon klingelt. Schon den ganzen Tag. Nach dem soundsovielten Anruf kann sich Ralf Nestler denken, was der Anrufer will: Licht. Als der Mitarbeiter des Bauhofs Weißwasser abnimmt, berichtet die Frau am anderen Ende der Leitung tatsächlich, dass fast alle Laternen in der Straße, in der sie wohnt, nicht funktionieren. Seit dem 11. November gehen solche Meldungen täglich im Bauhof ein. Lustig findet das allerdings niemand.

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Unbekannte zerschossen die Glühbirnen der Straßenbeleuchtung ganzer Straßenzüge, berichtet Nestler der SZ. Überall in der Stadt, und gehäuft in Süd. Betroffen sind Uhland-, Brecht-, Heine oder Lutherstraße. Am Wagenfeldring war es zeitweise zwischen Pizzeria und Kursana-Heim stockdunkel.

Ob es sich um einen oder mehrere Täter handelt, ist offen. Die Stadt hat Anzeige gegen unbekannt erstattet. Die Polizei ermittelt. Klar ist dagegen die Tatwaffe. Nestler und seine Kollegen fanden zwischen den Laternenmasten orangefarbene Plastemunition, wie sie für sogenannte Softairwaffen typisch ist. Dass sie tatsächlich in ursächlichem Zusammenhang mit der Zerstörung der Glühlampen stehen, lässt sich beweisen. „Wir haben die Kügelchen in einigen der kaputten Birnen gefunden“, so Nestler, der glaubt, dass Jugendliche dahinterstecken. Doch die Polizei wiegelt ab: Softairwaffen seien nicht ausschließlich bei Jugendlichen in Gebrauch. Meist werden sie bei Geländespielen benutzt. Der Haken: Sie sehen echten Waffen oft zum Verwechseln ähnlich. Nicht nur deshalb sind sie hier und anderswo in Verruf geraten.

In Deutschland sind sie aber nicht grundsätzlich verboten, informiert Thomas Knaup, Pressesprecher der Polizeidirektion Görlitz. „Es kommt immer auf den Einzelfall an“, so Knaup. Entscheidend sei beispielsweise, mit welcher Leistung, gemessen in Joule, die Plastegeschosse den Lauf verlassen. Auch der Kauf solcher Schusswaffen an sich ist nicht zwangsläufig strafbar. Nur wer sie in der Öffentlichkeit trägt oder benutzt, kann sich schuldig machen. Das deutsche Waffenrecht ist kompliziert. „In anderen Fällen ist schon das Führen solcher Schusswaffen erlaubnispflichtig oder an die Altersgrenze von 18 Jahren gebunden“, so Knaup. Das trifft beispielsweise auf Druckluft- oder CO-2-Pistolen zu.

Damit auf die Glühlampen der Straßenbeleuchtung zu feuern, ist in jedem Fall strafbar und erfüllt mindestens den Tatbestand der Sachbeschädigung. Glühlampen sind teuer. 400 Euro allein für neue Glühlampen wird die Stadt wohl ausgeben müssen, schätzt man im Bauhof. Aber allein mit der Bestellung ist es nicht getan. Dazu kommt der Aufwand des Austauschs. Das heißt Anfahrt mit dem Hubsteiger, Ausfahren des Auslegers, Ersetzten des Leuchtmittels und das geschätzt hundertmal. Wie viele Birnen insgesamt beschädigt wurden, kann noch niemand sagen. „Wir finden immer wieder Laternen mit Treffern“, berichtet Ralf Nestler. Wie hoch der Aufwand insgesamt ist, kann er deshalb nur schätzen: „Vielleicht 1 200 Euro?“

Schon vor zwei Jahren zerschossen ein oder mehrere Unbekannte Straßenlampen in einem Wohnviertel am Sorauer Platz. Die Ermittlungen der Polizei sind längst abgeschlossen. Ein fassbares Ergebnis lieferten sie nicht. Damit sich das nicht wiederholt, ist jetzt die Mithilfe der Bürger gefragt. „Ob eine Straftat aufgeklärt werden kann, ist nicht unerheblich davon abhängig, ob die Polizei Ermittlungsansätze hat“, sagt Thomas Knaup. Wichtig seien vor allem Zeugenhinweise. Nicht nur in diesem Fall, sondern grundsätzlich sei entscheidend, dass Bürger ihre Beobachtungen möglichst zeitnah, präzise und direkt an die Polizei weitergeben. Auch aus anderen Kommunen sind ähnliche Vorfälle bekannt. Sie zu erfassen, ist bisher nicht möglich. Sie gehen in der Polizeistatistik einfach unter. Die lässt nur den Eintrag bestimmter Parameter zu. Das Stichwort „Softairwaffen“ gehört nicht dazu.

Ralf Nestler rechnet nicht damit, dass die Zerstörungen weitergehen. Aber das ist mehr so ein Gefühl. Ihn und seine Kollegen treffen die Vorfälle zur ungünstigsten Zeit. Sie sind mit dem Aufstellen der Christbäume und dem Aufhängen der Weihnachtsdeko fast fertig. Anschließend wird der Hubsteiger erst einmal keine ruhige Minute haben. Solange, bis auch die letzte Glühlampe ersetzt ist.