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Die Supernase

Der Hannoversche Schweißhund spürt verletztes Wild auf. Wenn er nachts raus muss, sind immer öfter Autofahrer schuld.

Von Ines Mallek-Klein

Unter den Schuhen knirschen die Steine. Der Pfad wird immer schmaler. Rechts ragen Felskanten auf, links geht es gut zwanzig Meter in die Tiefe. Herbert Endler geht trotzdem weiter. Immer im Blick hat er Timber, seinen Hannoverschen Schweißhund. Dessen Nase fährt wie eine Staubsaugerdüse über den Boden. Herbert Endler erkennt am Verhalten seines Hundes, dass er gleich am Ziel sein wird.

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Und tatsächlich, Timber hält inne und gibt Laut. Dann geht alles ganz schnell. Ein Keiler schießt unter der Felskante hervor, findet keinen Halt, rutscht den Abhang hinunter. Timber und Herbert Endler tun es ihm vor Schreck nach. Dann entscheiden Bruchteile von Sekunden über Leben und Tod. Das Wildschwein ist als Erstes wieder auf den Beinen und jagt wütend auf Herbert Endler zu. Der greift zu seinem Oberschenkel. Dort steckt ein 30 Zentimeter langes Messer in einer robusten Scheide. Er zieht die Klinge, lässt das Schwein bis auf 50 Zentimeter an sich herankommen und sticht zu. Abfangen sagt der Waidmann dazu. Der Stoß geht in die Kammer, den Brustkorb des Schweines, und ist tödlich.

Herbert Endler sieht jetzt, was den Keiler so wütend gemacht hatte. Der rechte Vorderlauf des Tieres war nach der Kollision mit einem Auto schwer verletzt und teils abgerissen worden.

Es gibt in diesen Wochen wenige Nächte, die Herbert Endler durchgängig in seinem Bett verbringt. Immer wieder werden er und Timber gerufen, um verwundetes Wild zu suchen. Die Jagdsaison läuft, und nicht jede Kugel trifft perfekt. Doch immer öfter sind es Wildunfälle, die das Duo aus dem Schlaf reißen. Deren Zahl steigt. So registrierte das Landesamt für Statistik in Kamenz im Jahr 2009 im gesamten Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge 79 bei Wildunfällen verunglückte Personen. Im vorigen Jahr waren es schon 125 Autofahrer. Am häufigsten treffen Autos und Wild in den Monaten September bis Dezember aufeinander. Nicht immer endet die Begegnung für das Tier sofort tödlich, und dann ist der Einsatz von Schweißhund Timber gefragt. Wenn Herbert Endler ihm seine neongelbe Warnweste über die Pfoten streift, wird der sonst ruhige Hund ganz ungeduldig. Er will arbeiten. Das darf er auch, aber erst wenn sein Herrchen das GPS-Gerät befestigt hat. Während der Schweißarbeit trennen das Duo oft Hunderte Meter, und meist ist es dunkel. Da kann ein bisschen Technik nicht schaden, sagt Herbert Endler, der eigentlich das Forstrevier Ottomühle in Rosenthal leitet.

Die Suche nach dem verletzten Wild ist nicht ungefährlich. Die Tiere sind in ihrem Schmerz unberechenbar, viele werden aggressiv. Hirsche teilen mit ihren Hufen, aus und Wildschweine nutzen ihre rasiermesserscharfen Waffen. Nicht wenige Schweißhundkollegen von Timber hat das schon das Leben gekostet. Doch der vor sieben Jahren geborene Timber ist schlau genug. Hat er ein verletztes Tier gestellt, bremst er seinen natürlichen Angriffsinstinkt. Er zeigt seinen Fund durch markante Laute an und versucht mit Umkreisen, das tier an der Flucht zu hindern. Verlässt das Wild sein Wundbett, heftet sich Timber in sicherem Abstand an die Fersen und führt Herbert Endler zu dem Tier. Der sondiert die Lage, zückt das Messer und erlöst das Tier von seinen Qualen.

Es ist ein archaischer Akt. „Vielleicht der Letzte, der in unsere hochtechnologisierten Welt geblieben ist“, sagt Herbert Endler. Man braucht Nervenstärke, unendlich viel Erfahrung und Tierliebe. Noch nie hat er ein Tier am Leben gelassen, das seine Schweißhunde aufgespürt haben. Wäre es gesund, hätten wir es nicht gefunden, so seine Regel. Und er hat noch eine: „Nur Feiglinge schießen.“ Die Gefahr, dabei von einem Querschläger getroffen zu werden, das Wild zu verfehlen oder den Hund zu verletzen, ist zu groß. Herbert Endler erledigt den Kampf Mann gegen Tier mit dem Messer. Die Zahl seiner Mitstreiter ist überschaubar, und so werden die kommenden Nächte für ihn wohl unruhig bleiben.