SZ +
Merken

Die Tabus im Blick

Frauen mit Behinderungen haben es oft schwerer als Männer. Ein Verein will das ändern. Auch in Radeberg.

Teilen
Folgen
© Thorsten Eckert

Von Jens Fritzsche

Radeberg. Während sie in Dresden versucht, so manche sprichwörtliche Tür zu öffnen, gehen sie in Radeberg fast von allein auf. So beschreibt Janet Räubig ihre ersten Eindrücke von Radeberg. Die Dresdnerin ist Projektkoordinatorin bei einem ganz besonderen Verein – dem Verein „Lebendiger leben!“ nämlich, der sich um die Unterstützung von Frauen mit chronischen Krankheiten und Behinderungen kümmert. Und der seit einigen Monaten nun auch in Radeberg eine Anlaufstelle hat; neben seinen Standorten in Dresden, Hoyerswerda, Stolpen oder auch Riesa zum Beispiel. Und Janet Räubig hat durchaus das Gefühl, „dass in Radeberg eine spürbare Offenheit gegenüber den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderungen besteht“.

Und diese offenen Türen hängen dabei mit der bereits seit Jahren in Radeberg laufenden Arbeit von Einrichtungen wie dem Epilepsiezentrum Kleinwachau oder dem Taubblindendienst zusammen, die sich um Menschen mit Behinderungen kümmern – aber auch mit Projekten wie dem „Off-Road-Travel“-Verein, der Urlaubsreisen in die Wüsten Marokkos für Rollstuhlfahrer organisiert. Chef ist Frank Hantschmann, der letztlich auch das Fußfassen des Vereins von Janet Räubig in Radeberg mit unterstützte. Und der sich als Badvereinschef in Radeberg beispielsweise auch dafür stark gemacht hat, dass das Stadtbad behindertengerecht ist. „Auch das ist eine dieser offenen Türen, denn in Dresden beispielsweise ist es für Rollstuhlfahrer sehr schwierig, ein Freibad oder eine Schwimmhalle für sich zu finden“, so Janet Räubig.

Recht auf selbstbestimmtes Leben

Wobei sich ihr Verein nicht ausschließlich um Barrierefreiheit im öffentlichen Raum kümmert. „Obwohl das natürlich wichtig ist“, unterstreicht die Dresdnerin. Und weiß, dass es da auch in Radeberg noch viel zu tun gibt. Fußwegkanten sind für Rollstuhlfahrer hier und da noch zu hoch, viele Läden entlang der Hauptstraße haben zudem unüberwindbare Treppen. Doch dem Verein geht es vor allem um den Abbau von nicht sichtbaren Barrieren in der Gesellschaft. „Und die sind gerade für Frauen mit Behinderungen oft wesentlich höher als für Männer“, weiß Janet Räubig. Deshalb kümmert sich der Verein ausschließlich um die Belange von Frauen. „Es geht uns darum, dass sich Frauen nicht unterkriegen lassen, auf ihre Rechte pochen – da sind sie oft zu zaghaft“, beschreibt sie. Und so begleitet der Verein die Betroffenen beispielsweise zu Sozialgerichtsprozessen oder hilft, Kontakte zu Ämtern zu knüpfen. Zudem gibt es Beratungen, in denen selbst betroffene Frauen andere Betroffene über Lösungsmöglichkeiten informieren, ihnen Mut machen. Auch das Thema Sicherheit spielt eine wichtige Rolle. „Es gibt Studien, die zeigen, dass Frauen mit Behinderungen viel häufiger Opfer von Gewalt werden, als Frauen ohne Behinderungen“, so Janet Räubig. Es gehe um den Kampf gegen gesellschaftliche Tabus, sagt sie. Auch Frauen mit Behinderungen haben das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. „Und wir wollen beispielsweise auch chronisch kranken Frauen Mut machen, zum Beispiel einen Behindertenausweis zu beantragen – viele scheuen das, weil sie das Stigma fürchten, als behinderte Frau zu gelten“, weiß Janet Räubig aus ihrer Arbeit. Auch deshalb brauche es eine gesellschaftliche Offenheit für das Thema, findet sie. Und so gehört es dann auch zur Vereinsarbeit, mit den Verantwortlichen vor Ort, aber auch mit der Landespolitik dann über die auftretenden Probleme zu reden. Und die gibt es, selbst in einer Stadt mit so offenen Türen.

Die Beratungen des Vereins „Lebendig leben!“ finden jeden zweiten Dienstag im Monat von 10 bis 12 Uhr im Assistenzbüro Schloßstraße 12 inRadeberg statt. Informationen: 0351 8996204

www.lebendiger-leben-ev.de