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Erst angelockt, dann zurückhaltend

Dresdner Firmen legen ein Solarprojekt in der Ukraine auf Eis und bremsen ihre Verkehrsexperten.

© Messe Berlin

Von Georg Moeritz

Ausgerechnet Charkiw! Im Osten der Ukraine, nahe der russischen Grenze, hat das Dresdner Unternehmen WSB Neue Energien eine Niederlassung. Fünf Sachsen hatten in den vergangenen Jahren dort zu tun, auf der Suche nach geeigneten Plätzen für Solar- und Windkraftanlagen. Denn für den Dresdner WSB-Geschäftsführer Andreas Dorner war die Ukraine ein „Entwicklungsmarkt“. Kein Land also, in dem sich rasch viel Geld verdienen ließ – aber ein Gebiet mit guten Aussichten. Im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung berichtete Dorner vor einem Jahr von den wichtigen Stromtrassen zwischen Ukraine und Europäischer Union und von den Kernkraftwerken im Osten, die „irgendwann eine Restlaufzeit“ bekommen würden.

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Dorner wollte dabei sein mit seiner Unternehmensgruppe, die schon mehr als 350 Windkraftanlagen in Deutschland und den Nachbarländern bauen ließ. Dass er seine Tochterfirma so weit im Osten gründete, lag an guten Verbindungen zu einer Universität in Charkiw (russisch: Charkow). Die schloss 2011 einen Kooperationsvertrag mit der Hochschule Mittweida, und Dorners WSB gab Geld für einen Stiftungslehrstuhl, also einen Professorenposten.

Doch nun besteht die Niederlassung des Dresdner Unternehmens nur noch aus einer Mitarbeiterin, die in Charkiw wohnt. Die Sachsen sind nach Hause gefahren. Geschlossen sei die Niederlassung nicht, sagt Dorner – „aber alle Aktivitäten ruhen momentan“. Auch ein Projekt in der West-Ukraine, das weit gediehen schien: eine Solaranlage auf einem großen Fabrikdach, mit 800 Kilowatt Leistung. Deren Aufbau wurde „aufgrund der politischen Situation für unbestimmte Zeit auf Eis gelegt“. Dorner hofft, dass die Ukraine bald solide Bedingungen bietet, auch für sein Geschäftsfeld erneuerbare Energien.

Etwas mehr Glück mit seiner Standortsuche in der Ukraine hatte der Dresdner Markus Reichel, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Dreberis. Er gründete vor sechs Jahren eine Tochterfima in Lwiw (früher: Lemberg), im Westen der Ukraine nahe der polnischen Grenze. Er fand dort einheimische Experten, stellte Volodymir Motyl als Geschäftsführer an und hat den Schritt nach Osten nie bereut. Auch wenn einer seiner beiden Geschäftszweige dort nicht vorankommt: Dreberis will deutsche und polnische Firmen beraten, wenn sie auf den ukrainischen Markt wollen.

Da sei „zurzeit wirklich nicht viel los“, sagt Reichel. Doch weiterhin im Geschäft ist sein Dresdner Unternehmen, wenn im Auftrag staatlicher Organisationen Projekte zu organisieren sind – zum Beispiel Tagungen für Manager aus den Branchen Telekommunikation, Verkehr oder zivile Sicherheitstechnik. Dafür gibt es immer wieder Geld von der Europäischen Bank für Wiederaufbau oder der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Auch die Stadtentwässerung Dresden lud Manager aus ihrer Branche ein. Die Kontakte in den Osten der Ukraine seien allerdings „eingeschlafen“, sagt der Firmensprecher.

Aufzubauen gibt es viel in der Ukraine, davon ist Reichel überzeugt. Derzeit beteiligt sich Dreberis an Beratungen zum öffentlichen Personenverkehr. Die Dresdner Verkehrsbetriebe machen mit. Auch Städte in der Ost-Ukraine standen auf dem Plan, aber dort heiße es nun abwarten, sagt Reichel. Denn derzeit könne „kein Deutscher, der bei Sinn und Verstand ist“, weit im Osten der Ukraine arbeiten. Eindeutig liest sich die Warnung des Auswärtigen Amtes: „Von Reisen in östliche und südliche Landesteile wird dringend abgeraten. Deutschen Staatsangehörigen, die sich in diesen Landesteilen aufhalten, wird die Ausreise empfohlen.“ Schwierig war das Geschäft in der Ukraine schon vor den jüngsten Konflikten, berichtet Reichel. Unsicherheit der rechtlichen Verhältnisse, Korruption – das habe auch Dreberis im Umgang mit Kunden erfahren. „Dinge, wo es einen graust“, sagt der Geschäftsführer.

Außerdem sei der Alltag in der Ukraine sehr umständlich. Auf der Tagesordnung der Dreberis-Seminare findet sich häufig ein Vortrag über „interkulturelle Aspekte“ und Mentalitätsunterschiede. Ukrainer und Deutsche brauchen nach Reichels Erfahrung bei gemeinsamen Projekten erst einmal viel Zeit, um zur gleichen Analyse eines Problems zu kommen.

Dennoch arbeiten rund 400 deutsche Unternehmen in der Ukraine, schätzt der Ostausschuss der deutschen Wirtschaft. Niemand hat die Sachsen darunter gezählt, bekannt ist aber der Wert des Außenhandels: Waren im Wert von je rund 200 Millionen Euro hat Sachsen voriges Jahr in die Ukraine geliefert und von dort bekommen – das ist weniger Handel als mit Australien oder Brasilien. Doch Kontakte gibt es viele, zumindest in die Hauptstadt Kiew. Dort hat zum Beispiel die Leipziger Comparex AG eine Tochtergesellschaft. Das Software-Unternehmen, früher als PC-Ware bekannt und dann von Österreichern übernommen, ist seit 2009 in der Ukraine.

Die Internetseite grüßt auch in ukrainischer Sprache. Deutsche Mitarbeiter gebe es nicht in der Niederlassung, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit. Wie das Software-Geschäft dort jetzt läuft, wollen die Leipziger nicht sagen. Diplomatie ist ein schwieriges Geschäft: Comparex ist nicht nur in der Ukraine aktiv, auch in Russland.