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Die Visionärin und der alte Gasthof

Barbara Schwabe bringt wieder Leben in das historische Haus. Sie hat viele Unterstützer und noch große Vorhaben.

© Dietmar Thomas

Von Sylvia Jentzsch

Ziegra. Es klingt wie ein Märchen – ist aber keins. Eine pensionierte Hamburger Lehrerin macht sich nach der Wende auf, um ihr Elternhaus in Ziegra, das dem Verfall preisgegeben ist, zu retten. Dafür benötigt sie jede Menge Mut, Enthusiasmus, Geld und Unterstützung.

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Was Barbara Schwabe und ihre Helfer Stück für Stück geschaffen haben, können diejenigen sehen, die von Döbeln nach Waldheim fahren. An der Kreuzung in Ziegra steht der alte Gasthof – jetzt komplett saniert und mit frischer Farbe versehen. Zum siebten Lindenblütenfest am vergangenen Wochenende wurde auch die Fertigstellung der Toilettenanlage gefeiert. „Damit wurden die Voraussetzungen für Veranstaltungen im ebenfalls sanierten Saal geschaffen“, sagte Barbara Schwabe. Nun fehle noch die Sanierung der Außenanlage mit dem alten Baumbestand im Hof- und Gartenbereich.

Ein großer Wunsch von Barbara Schwabe ist es, auch noch den Pferdestall, der hinter dem Gasthof steht, zu sanieren und zu nutzen. Aber das sei Zukunftsmusik. Doch ohne Visionen und Unterstützung wäre die Ziegraerin in Sachen Gasthof nicht so weit gekommen. Um alles finanzieren zu können, hat die pensionierte Lehrerin weitergearbeitet.

Das Grundstück befindet sich seit fünf Generationen in Familienbesitz. Barbara Schwabe, die in Ziegra geboren wurde und als Kind mit ihren Eltern nach Hamburg zog, erhielt für die Sanierung des Gasthofes den Denkmalpreis des Landkreises Mittelsachsen. Ihr Ziel ist es, Ursprüngliches sichtbar zu machen und zu erhalten. Die Würde des Hauses soll dabei im Vordergrund stehen.

35 Jahre lebte sie in Hamburg. „Nach der Wende haben wir uns überlegt, was wir mit dem Gasthof machen“, sagt Barbara Schwabe. Als sie pensioniert wurde, kehrte sie nach Ziegra zurück und nahm die Sanierung in Angriff. Beginnen musste sie mit einer Notsicherung des Objektes, denn es war einsturzgefährdet. Viel Energie und Herzblut hat Barbara Schwabe bisher in den Gasthof gesteckt. So wurden verschiedene Sanierungsarbeiten bereits abgeschlossen, alle in alter Handwerkstechnik. Beispielsweise wurde das Fachwerk originalgetreu mit Lehm verputzt und Fenster samt Gewände aufgearbeitet beziehungsweise durch solche ersetzt, die den alten gleichen.

Für Barbara Schwabe ist es wichtig, dass alles so originalgetreu wie möglich erhalten wird. Das sei nicht einfach, weil es keine Dokumentationen gibt. Dafür befragte die agile Seniorin Familienmitglieder, Verwandte und Freunde, die das Gasthaus von früher kennen. Auch viele Familienfotos wurden gesichtet. „Ich könnte so viele Geschichten erzählen, wie wir das eine oder andere entdeckt oder erforscht haben“, sagte Barbara Schwabe. In dem Flügel, des Fachwerkgebäudes, der quer zur Döbelner Straße steht, befanden sich früher im unteren Bereich die Gastwirtschaft und darüber der Wohnbereich der Gastwirte sowie das Vereinszimmer. Im anderen Flügel waren der Stall und darüber der Saal. Der ist saniert worden. Mit seinem Parkettfußboden, den Holzbalken und den vielen Fenstern ist er ein echter Blickfang und ein guter Kompromiss zwischen Historischem und Modernem. „Hier wurden allein 8,5 Tonnen Lehm verarbeitet“, so Barabara Schwabe.

Wer die Toilette benutzt, schreitet durch einen historischen Türsims – im Schlussstein ist die Jahreszahl 1825 eingelassen. Bei den Sanierungsarbeiten wurden Hinweise gefunden, dass der Gasthof mindestens 250 Jahre älter ist. Barbara Schwabe weist auf die ausgetretene Stufe hin.

Ziel der Bauherrin ist es, bei der Sanierung so viel wie möglich altes Baumaterial einzusetzen. Das wird vor dem Einbau aufgearbeitet. So stammen die Holzstufen, die von außen zum Saal führen, aus der alten Papierfabrik in Kriebstein. In einen Durchbruch an der hinteren Außenwand wurde ein Gewände aus dem alten Gasthof „Drei Lilien“ in Gersdorf eingebaut. „Alle aufgearbeiteten Bauteile sollen künftig Hinweisschilder bekommen, woher sie stammen“, so Barbara Schwabe. Ihr Wunsch ist es, mit dem Gasthof einen Ort zu schaffen, an dem sich die Dorfbewohner generationsübergreifend treffen und sich austauschen können.

Dass sie bei der Umsetzung dieses Wunsches schon viel erreicht hat, wurde beim Lindenblütenfest sichtbar, das der Dorfklub Ziegra in Zusammenarbeit mit der Gasthof-Besitzerin organisiert. Viele Einwohner engagierten sich, brachten Kuchen mit oder gaben Getränke aus. So hatte Barbara Schwabe auch Zeit, sich um die Gäste, zu denen unter anderem alte Schulfreunde und Ortsvorsteherin Helga Busch gehörten, zu begrüßen.

Doch nicht zur bei Festen soll mehr Leben in den ehemaligen Gasthof einziehen, das Gebäude ein attraktiver Treffpunkt für die Einwohner des Dorfes und der Region sein. Die Pensionärin könnte sich vorstellen, dass in einem kleinen Hofladen Produkte aus der Region angeboten werden. Auch kreative Kurse könnten für die Gemeinschaft organisiert werden. Es gab bereits Trommel-, Filz- und Spinnkurse. Um ihre Ziele zu verwirklichen, würde Barbara Schwabe gern den Verein „Freundeskreis Gasthof Ziegra“ gründen. Für sie gilt das Motto „Mach es möglich“.