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Die Wiege der Neustadt am Scheideweg?

Einem geplanten Abriss stehen Millioneninvestitionen und privates Eigentum gegenüber.

Der Hoyerswerdaer WK I vor fünf Jahren aus Richtung Westen aufgenommen.
Der Hoyerswerdaer WK I vor fünf Jahren aus Richtung Westen aufgenommen. © Archivfoto: Uwe Schulz

Hoyerswerda. Die Fakten und die Legenden rund um Brigitte Reimann haben hier ihren Ursprung. Hier ist die Wiege der Hoyerswerdaer Neustadt, wurde der Grundstein gelegt, der erste Plattenbau errichtet. Der WohnkomplexI galt irgendwie als abrisssicher. Und ausgerechnet hier wird 2021 ein Block, die Dameraustraße 1-7, abgerissen. Die Wohnungsgesellschaft Hoyerswerda hat sich dafür entschieden. Und da es ein kommunales Tochterunternehmen ist, auch die Stadtverwaltung. 

Bei TAGEBLATT ging ein Protestschreiben ebenso ein wie eine Anfrage, warum nicht auch gleich der parallel stehende Block Reimannstraße 2-8 mit abgerissen wird. Beide Verfasser sind der Redaktion bekannt, wollen aber lieber anonym bleiben.

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Es ist schon so, dass sehr aufmerksam beobachtet wird, wo sich was im WK I tut. Da sind die sechs Blöcke mit Eigentümergemeinschaften, die untereinander klären müssen, ob Balkone an- und Aufzüge eingebaut werden – oder nicht. Die leerstehende ehemalige Wohngebietsgaststätte „Glückauf“ in Privatbesitz harrt einer neuen Zukunft. Und mancher Anrainer fürchtet, dass es wieder eine Kneipe werden könnte. Die neue Oberschule geht nächste Woche in Betrieb. Aber was hat die Wohnungsgesellschaft Hoyerswerda, der alle anderen Wohngebäude hier gehören, vor?

Geschäftsführer Steffen Markgraf, seit drei Jahren im Amt, hat einen besonderen Fokus auf dem WK I. Als er antrat, gab es in diesem Teil der Stadt im kommunalen Wohnraum einen hohen Leerstand von im Schnitt 30 Prozent, hier und da sogar 50 Prozent. Andererseits gilt der Komplex als beliebt. Standardsatz des Geschäftsführers aus diesen Tagen: „Die Hoyerswerdaer wollen ihren Balkon, also bekommen sie ihn.“

Unter seiner Vorgängerin wurde noch der Umbau der Dameraustraße 20 angegangen. Der Aufgang, der jahrzehntelang von der Kriminalpolizei genutzt wurde, bekam 2017 für 650.000 Euro das volle Erneuerungsprogramm, unter anderem auch Balkone. 1,8 Millionen Euro investierte das Unternehmen im Folgejahr in die beiden Mehrfamilienhäuser Herrmannstraße 12-20 und 22-26, baute beispielsweise Balkone an, schuf Mietergärten. 2019 war der Nachbarblock Herrmannstraße 2-10 dran. Für rund 840.000 Euro wurden auch hier Balkone angebaut, die Fassade neu gestrichen. „Die Rechnung ist aufgegangen. Der Leerstand geht gegen Null“, sagt Steffen Markgraf. Im vergangenen und in diesem Jahr nahm man insgesamt 4,1 Millionen Euro in die Hand, um das Gebäude Petersstraße 2-8 mit 48 Wohnungen komplett umzubauen. Zur Relation: Im gesamten Jahr 2019 investierte die WH 9,6 Millionen Euro in ihren Bestand. So etwas wie in der Petersstraße könne man nicht jedes Jahr machen, sagt Steffen Markgraf. Prinzipiell sei das Projekt auf der anderen Straßenseite in den Hausnummern 1-7 auch machbar. Doch Steffen Markgraf will jetzt erst mal eine Sache zu Ende bringen, abrechnen, auf die Vermietung schauen. Hob er vor drei Jahren vor allem auf die Balkone ab, kommen jetzt die Personenaufzüge dazu. Balkon allein reicht nicht mehr. In diesem Jahr wird im Block Niederkirchnerstraße 21-25 in jedem Treppenhaus ein Personenaufzug eingebaut. Die halten in jeder Etage und auch im Keller. Hersteller „Kone“ hatte coronabedingt Lieferschwierigkeiten. Jetzt sollen die drei Aufzüge im September kommen und montiert werden. Auch das kostet insgesamt 450.000 Euro. Klar ist schon, dass die Wohnungsgesellschaft die beiden Nachbargebäude 11-19 und 1-9 ebenso ausstatten wird – im kommenden Jahr. Ob das zur Vollvermietung führen wird, bleibt abzuwarten. Was lange niemand für möglich hielt, verkündete die WH daher in diesem Jahr: Ein Block mit 48 Wohnungen, eben die Dameraustraße 1-7, wird im kommenden Jahr abgerissen. Die Mieter sind informiert, werden, wenn sie das bei der WH wünschen, mit neuem Wohnraum versorgt und das de facto bei voller Kostenübernahme.

Was mit der Fläche geschieht? Erst einmal Wiese. Und wird der ebenfalls mit großem Leerstand und schlechter Fassade da stehende Wohnblock Reimannstraße 2-8 abgerissen? Oder genießt er etwa besonderen Schutz, weil die Brigitte-Reimann-Begegnungsstätte sich darin befindet? Steffen Markgraf weicht der Frage nicht aus. Nein, besonderen Schutz wegen der Begegnungsstätte gibt es nicht. Die original von Brigitte Reimann bewohnte Wohnung befand sich ohnehin im benachbarten Haus direkt an der Herrmannstraße. Aber es ist offenbar so, dass die WH aktuell überhaupt keine Pläne für dieses Haus hat – weder, was Investition, noch, was Abriss anbelangt. Niemand weiß, worüber man in fünf oder zehn Jahren reden wird. Im Rahmen des Strukturwandels ist der WK I auch Teil des Projektes Smart City. Das wohl so lange nicht detailliert vorgestellt wird, wie das Geld dafür nicht sicher ist. Der Abriss eines Hauses, so signalisiert jedenfalls die WH, ist angesichts der in den letzten Jahren getätigten Investitionen jedenfalls nicht der Startschuss zum Abriss des WK I.

Erklärung zum Bild: Das E steht für Eigentümergemeinschaften, das Kreuz markiert den Block Otto-Damerau-Straße 1-7, der abgerissen werden soll. 1: Die drei Blöcke Liselotte-Herrmann-Straße, allesamt mit Balkonen nachgerüstet, zwei Gebäude auch mit Mietergärten. 2: Die drei Blöcke an der Niederkirchnerstraße erhalten allesamt innenliegende Aufzüge im Treppenaufgang. 3: Der ehemals von der Polizei genutzte Aufgang wurde für 650.000 Euro umgebaut und mit Balkonen versehen. 4: Grundrissänderungen, Balkonanbau, außenliegende Aufzüge und Verteilergänge zu allen Wohnungen – allein eine 4,1-Millionen-Investition. 

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