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Die zentrale Bürgerbibliothek wird 100 Jahre alt

Dresdens erste Bibliothek war die „Leih- und Lesebibliothek für geschichtliche und schöne Literatur“ und wurde 1729 von Petrus George Mohrenthal in seinem Antiquariat in der Großen Frauengasse im Merbitzischen Hause eröffnet.

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Von Sabine Bachert

Dresdens erste Bibliothek war die „Leih- und Lesebibliothek für geschichtliche und schöne Literatur“ und wurde 1729 von Petrus George Mohrenthal in seinem Antiquariat in der Großen Frauengasse im Merbitzischen Hause eröffnet. Mohrenthal wollte Bücher verwerten, die er beim Ankauf ganzer Bibliotheken mit erwarb, für deren Verkauf er aber keine Erlaubnis besaß. In seinem Geschäft lag ein „Verzeichnis mit Romanen und Historien-Büchern, so ums Geld zu lesen verliehen werden“, aus. Für einen Groschen sowie ein Pfand konnte man sie eine Woche lang behalten.

Am 24. November 1874 fanden sich in Dresden 36 Männer unterschiedlichster Herkunft zusammen und gründeten den „Gemeinnützigen Verein zur Förderung der sittlichen, geistigen und ökonomischen Interessen der Bevölkerung Dresdens“. Ein knappes Jahr später eröffnete am 3. September 1875 in Friedrichstadt auf der Bräuergasse die erste Dresdner Volksbibliothek.

Bibliothek und Lesehalle

Die Dresdner Bürgerbibliotheken jedoch ließen noch gut 30 Jahre auf sich warten. Den Anstoß gab vielleicht Ida Bienert. Die Industriellengattin hatte sich eine Bibliothek für ihre Arbeiter und die Einwohner des Stadtteiles Plauen gewünscht. Oder August Lingner, der 1903 seine kostenfreie Volkslesehalle gründete. Und obwohl die Stadtverwaltung Büchereien und Lesesäle finanzierte, gab es Probleme. Die Bestände waren veraltet, es gab kein Bestandszentrum, die Bibliotheken waren in vielen kleinen Schulräumen untergebracht, und es gab keine ausgebildeten hauptamtlichen Mitarbeiter. Die Stadtverwaltung plante schließlich die Einrichtung einer Zentralbibliothek. Am 15. Juni 1910 öffnete diese mit einem Anfangsbestand von 13000 Bänden auf der Waisenhausstraße 9. Acht Jahre später wird die Städtische Zentralbibliothek mit der Dresdner Lesehalle und der Volkslesehalle vereinigt unter dem Namen „Städtische Bücherei und Lesehalle“. Das Interesse, Bücher auszuleihen, wächst.

Der Erste Weltkrieg blieb nicht ohne Wirkung auf die Bibliotheken. Mal mussten wegen Strom- und Kohlenmangel die Lesesäle geschlossen werden, mal gab es Einschränkungen der Öffnungszeiten unter anderem wegen „Lichtnot“ in den Wohnungen. Auch der Familie Bienert setzte die Inflation zu. 1920 schenkte sie ihre „Freie Öffentliche Bibliothek“ der Stadt.

Private Initiativen führten dazu, dass die Zentralbibliothek nicht nur ihren Bestand immer wieder erweitern, sondern auch ganz neue Angebote unterbreiten konnte. So übernahm sie 1922 die Bibliothek des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes. Damit zog Arbeiterliteratur in den Bestand ein. 1927 wurde mit der Übernahme der Musikbücherei des Tonkünstlervereins eine ganz neue Seite aufgeschlagen. Mitte der 1930er-Jahre standen 24000 Noten zur Verfügung. 1934 erhielt die Musikbibliothek eigene Räume.

Fahrbücherei unterwegs

Bis 1921 hatte sich die Zahl der Ausgabestellen von acht auf 18 erhöht. Da legte der damalige Leiter der Städtischen Bücherei und Lesehalle, Alfred Löckle, einen fast kühnen Plan vor: Er wollte die Ausgabestellen durch eine fahrbare Bücherei ersetzen, die kleinere Stadtteile mobil versorgte. Schließlich wurde im September 1929 durch den damaligen Oberbürgermeister Bernhard Blüher vor dem Dresdner Rathaus die erste deutsche Fahrbücherei in Form eines Bibliobusses gestellt. Der Erfolg sprach für sich. Bereits nach sechs Monaten gab es fast 9000 Entleihungen pro Monat. Parallel mit dieser Neuerung wurde auch das Netz der Stadtteilbibliotheken immer wieder vergrößert.

Ab März 1933 gingen die „schwarzen Listen“ um im Bibliothekswesen. Tausende unerwünschte Bücher, Zeitungen und Zeitschriften verschwanden aus dem Bestand. Mitarbeiter wurden entlassen. Der Zweite Weltkrieg hinterließ seine Spuren – das Bibliothekswesen lag 1945 gewissermaßen in Schutt und Asche.

Nach dem Krieg begann der Wiederaufbau der Dresdner Bibliothek wieder mit Säuberung der Bestände und Erneuerung der Belegschaft. Die Stadt rief im Oktober 1945 die Dresdner auf, entbehrliches Schriftgut mit marxistisch-sozialistischer oder demokratischer Geisteshaltung den Bibliotheken zur Verfügung zu stellen. Nach der Freigabe der Bestände öffneten am 10. Dezember 1945 die Bibliothek Neustadt und die Musikbücherei wieder. Neue kamen hinzu. 1950 gab es zwölf städtische Büchereien. Auch die Fahrbibliothek wurde aktiviert. 1962 hielt sie regelmäßig an 26 Haltestellen.

Mehr als nur Ausleihe

Ab 1954 hieß die Einrichtung Stadt- und Bezirksbibliothek Dresden. Ihre Hauptbibliothek zog am 30. August 1968 wieder in das Stadthaus an der Theaterstraße ein. Im Erdgeschoss wurde die zentrale Kinderbibliothek eingerichtet. Mitglieder des seit 1971 bestehenden Jugendklubs für Kunst und Literatur trafen sich außerhalb der Öffnungszeiten in den Räumen der Hauptbibliothek und ab 1979 in der neu eröffneten Kinder- und Jugendbibliothek. 1988 zählte die Bibliothek fast 93000 Nutzer. Bis 1999 stieg diese Zahl auf jährlich 109000.

Umzug ins World Trade Center

Am 16. Mai 1997 öffnete im World Trade Center an der Freiberger Straße auf einer Ausleihfläche von 3000 Quadratmetern mit einem Bestand von 220000 Medien die fusionierte Haupt- und Musikbibliothek ihre Türen. Hier und in den Stadtteilbibliotheken sowie in der Fahrbibliothek kann man heute nicht nur ausleihen, man kann in freundlichen und bequemen Leseecken schmökern oder Musik hören oder sich mit Gleichgesinnten treffen. So beteiligt sich die Bibliothek Südvorstadt am 19. August am „Langen Donnerstag am Nürnberger Ei“ mit einem Detektivspiel für Erwachsene. In der Reihe „Treff für Kleinkinder“ haben junge Eltern mit ihren Ein- bis Dreijährigen die Möglichkeit, geeignete Bilderbücher kennenzulernen. Es gibt eine kurze Einführung in die Bibliothek.

www.bibo-dresden.de