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„Diese Ungerechtigkeit macht mich krank“

Was hat die Rente mit Menschenwürde zu tun? Sehr viel, sagt eine Pirnaerin. Statt zum Sozialamt geht sie weiter arbeiten.

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© Norbert Millauer

Von Jörg Stock

Pirna. Eigentlich wollte sie das Treffen abblasen. Sie muss Ruhe finden, hatte sie am Telefon gesagt, und das kann sie nicht, wenn sie über das Thema redet. Dann regt sie sich bloß auf. Dass man so hilflos ist, so ausgeliefert, das findet sie schlimm. „Diese Ungerechtigkeit macht mich krank!“ Aber dann kommt sie doch. Weil sie weiß, dass viele andere schweigen. Sie kommt nicht, um zu jammern. „Es geht hier nicht um mich“, sagt sie, „es geht ums Prinzip!“ Mit einem Stoß Papiere auf dem Schoß und der Brille in der Hand sitzt Eva Ehrlich auf dem Redaktionssofa. Der Name ist nicht echt, die Geschichte schon. Eva ist aus Pirna, 64, geschieden, adrett, helle Hose, Pünktchenbluse, Krähenfüßchen in den Augenwinkeln. Sie sieht aus, als würde sie öfters lachen. Ihr Job macht ihr Spaß. Sie ist Sprachlehrerin. Sie unterrichtet Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen, damit sie eines Tages Arbeit finden, ein Auskommen haben. Sie unterrichtet aber auch, um zu überleben. Von ihrer Altersrente kann sie das nicht. Auf ihrem Rentenbescheid, „für langjährig Versicherte“ – das ist fett gedruckt – stehen 520 Euro und 81 Cent.

Mittlerweile wurde die Rente erhöht, auf rund 537 Euro. Abzüglich der Miete für ihre Genossenschaftswohnung in der Platte, für Heizung, Strom, Rundfunk, die nötigsten Versicherungen und das Telefon – sie telefoniert auf Sparflamme, wenn sie mit jemandem schwatzen will, geht sie zu ihm hin – bleiben monatlich gut 119 Euro zum Leben, pro Tag 3,90 Euro. Gestern hat sie mal wieder überzogen, sagt sie sarkastisch. Da hat sie sich einen Döner für vier Euro geleistet. „Und dann war ich auch noch so unverschämt und habe mir ein Eis gekauft.“ Aber nur eine Kugel.

Die Altersarmut ist auf dem Vormarsch. Laut jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes liegt das Armutsrisiko von Rentnern jetzt bei rund 16 Prozent. Seit 2005 hat die Quote um beinahe fünfzig Prozent zugelegt, so stark wie bei keiner anderen Risikogruppe. Diese Woche schlug der Paritätische Wohlfahrtsverband Alarm. Altersarmut sei kein Schatten am fernen Horizont, sagte Verbandschef Rolf Rosenbrock in Berlin, sondern bereits heute Realität und werde mit hoher Dynamik weiter zunehmen, wenn die politischen Weichen nicht neu gestellt würden.

Haben die Wahlkämpfer das verstanden? Zumindest reden sie über die Rente. Auch Merkel und Schulz haben darüber geredet, bei ihrem „Duell“. Eva Ehrlich hat es sich angeschaut. Sie ist mehrfach eingeschlafen dabei. Ganz Ohr war sie aber, als die Kanzlerin sagte, es sei richtig gewesen, das Land für die Flüchtlinge zu öffnen. Die Würde des Menschen sei unantastbar. Und was ist mit ihrer Würde?, fragt Eva. Sind 537 Euro Rente für ein Leben voller Arbeit würdig? Für zwei groß gezogene Kinder, die etwas geworden sind und die dem Staat Steuern zahlen? Mensch ist doch Mensch, sagt sie. „Das muss für alle gelten, nicht nur für die Flüchtlinge.“

Minirentner werden stigmatisiert

Eva Ehrlich hat ein Vorbild: ihre Mutter. Mit drei Kindern floh die Tochter eines Bauunternehmers Anfang 1945 bei Eiseskälte aus Schlesien, verlor alles. Nach einer Odyssee durch Deutschland strandete sie mit der Familie in Dohna. Armut war das täglich Brot, auch 1953 noch, als Nachzüglerin Eva geboren wurde. Als sie zur Schule kam, sah die Mutter, ausgezehrt und krank, schon aus wie eine alte Frau. Doch behielt sie ihre Würde. Sie hat sich nicht erniedrigen, niemanden auf sich rumtrampeln lassen, war nicht kleinzukriegen, sagt Eva. Das ist auch ihr Credo. Sie hat nichts mehr zu verlieren, sagt sie, außer ihrer Würde. Und die ist ihr heilig. Deshalb will sie keine Almosen, deshalb geht sie nicht zum Amt.

In Sachsen beziehen laut Statistik etwa 12 000 Menschen die Grundsicherung im Alter, Hartz IV für Rentner sozusagen. Das klingt nicht dramatisch angesichts von 1,1 Millionen Altersrenten, die aktuell im Freistaat gezahlt werden. Doch die Fachleute sprechen von einer erheblichen „Dunkelziffer der Armut“. Der Paritätische Wohlfahrtsverband geht davon aus, dass etwa 40 Prozent der Berechtigten die ihnen zustehenden Leistungen nicht beantragen, auch deshalb, weil sie sich für ihre niedrigen Bezüge schämen.

Eva Ehrlich kennt das. Die Minirentner werden stigmatisiert, nach dem Motto: Hättest du mehr geleistet, dann hättest du jetzt mehr Geld. Sie hat sich nichts vorzuwerfen. Sie hat das Abitur gemacht und im Abendstudium ihren Facharbeiter. Sie hat bei einem Großhandelsbetrieb gearbeitet, im Anlagenbau, bei der Fahrzeugelektrik, nicht nur im Büro, auch in der Produktion oder in der Kantine, wenn Not am Mann war. Und in der DDR war oft Not am Mann. „Ich hab’ ganz schön gequirlt.“

Doch mit der Wende, sagt Eva, war auf einmal „Ruhe im Karton“. Die Betriebe gingen vor die Hunde. Sie wurde arbeitslos. Aber nicht hoffnungslos. „Wir hatten Rosinen im Kopf, wir dachten, dass jetzt alles gut wird.“ Eva ackerte eine Weiterbildung nach der anderen durch. Sie hatte Spaß dabei. Sie lernt eben gern. Schließlich studierte sie noch einmal, Fremdsprachenkorrespondentin. Lernen, lernen, lernen, vor allem abends, wenn die anderen schon im Bett waren. Das lohnte sich. 1994 hatte sie ihren Abschluss mit „gut“ in der Tasche. Aber Arbeit fand sie nicht.

Nach einem Intermezzo in der Altenpflege – den Beruf hätte sie gern gelernt, aber die Wirbelsäule streikte – besorgte sie sich mangels anderer Aussichten eine Lehrer-Lizenz und begann, freiberuflich Englisch zu unterrichten, auch Russisch und Deutsch. Der Verdienst war kläglich, siebeneinhalb Euro die Stunde. Ihr Mann verdiente besser. Man wurschtelte sich durch. Doch dann erlitt er einen Unfall, konnte kaum noch arbeiten. Das Haus – schuldenfrei, aber eine Baustelle – war von dem bisschen Hartz IV nicht zu halten. Der Stress machte die Ehe kaputt. Nach 34 Jahren trennte sich das Paar. Das Haus, der gemeinsame Traum, wurde verkauft.

Eine reguläre Anstellung hat Eva Ehrlich nie wieder gefunden. Voriges Jahr, mit 63, wurde sie vom Jobcenter zwangsweise frühverrentet, was zum Schrumpfen ihrer ohnehin winzigen Rente führte und eigentlich geradewegs hinein in die Sozialhilfe. Mit ihren Bezügen liegt sie etwa 250 Euro unter dem, was einem durchschnittlichen Hartz-IV-Empfänger als Existenzminimum zugebilligt wird. Das Defizit macht sie mit ihrem Verdienst als Dozentin wett, sogar ein wenig mehr als das. Wenn es gut läuft, kommt sie monatlich auf 800 Euro netto. Aber ob es gut läuft, weiß sie nie. Kommen die Kurse zustande? Bleibt sie gesund? Das Lehren ist kein Spaziergang, und bezahlt wird nur, was geleistet wird. Deshalb geht sie auch mit Grippe zur Arbeit. Mehr arbeiten als jetzt, so sie es könnte, darf sie aber auch nicht. Dann wird die Rente gekürzt.

Eva Ehrlich arbeitet gern. Wenn sie etwas tut, das ihr Spaß macht, kann sie viel leisten, sagt sie. Sie fühlt sich vom Staat gegängelt, ausgebremst. Das wurmt sie kolossal. Wer einmal in der Armutsfalle steckt, der kann sich da nicht rausstrampeln. „Das darf doch nicht sein!“ Eine Rente, die das Minimum deckt, das wäre ein Wort. Und wer mehr will, der verdient es sich eben. Doch dieses Wort ist noch nicht gesprochen. Ob es je dazu kommt? Eva Ehrlich packt ihre Papiere weg. Sie denkt nicht ans Aufstecken. Demnächst klagt sie vorm Sozialgericht, mal wieder. „Wer mich runterdrücken will, dem zeig’ ich die Krallen.“