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Diplomarbeit hinter Gittern

Die Filmhochschule Potsdam hat jetzt in Görlitz „Das richtige Leben“ gedreht. Es ist bereits der dritte Film, der hinter Gefängnismauern spielt.

Von Ralph Schermann

Der junge Mann ist entlassen. Mit seiner Reisetasche geht er durch den Torbogen des Görlitzer Gefängnisses. Er ist wieder frei, setzt langsam Schritt für Schritt, während das Licht der aufgehenden Sonne am Torbogenrand blinzelt.

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2009: Hauptdarsteller Gerdy Zint kam im Film „Lebendkontrolle“ von Florian Schewe auch mal ohne Kostüm aus. Schon damals spielte der Görlitzer Justizbedienstete René Melchior mit (Mitte).
2009: Hauptdarsteller Gerdy Zint kam im Film „Lebendkontrolle“ von Florian Schewe auch mal ohne Kostüm aus. Schon damals spielte der Görlitzer Justizbedienstete René Melchior mit (Mitte).
1986: Mit Wolf-Dieter Lingk (l.) in der Hauptrolle drehte Hans-Werner Honert die Folge „Bedenkzeit“ vom „Polizeiruf 110“. Auch Peter Borgelt und Fred Delmare waren damals in Görlitz.
1986: Mit Wolf-Dieter Lingk (l.) in der Hauptrolle drehte Hans-Werner Honert die Folge „Bedenkzeit“ vom „Polizeiruf 110“. Auch Peter Borgelt und Fred Delmare waren damals in Görlitz.

Die Szene ist nicht neu. 1986 spielte sie Wolf-Dieter Lingk. Ohne den alten Film zu kennen, ging jetzt Vincent Redetzki diesen Weg. In beiden Streifen spielt die Schwangerschaft einer Freundin eine Rolle, in beiden Filmen geht es um Kriminalität. Wer den alten Film kennt, dem fällt aber schon bei den Dreharbeiten des neuen ein gewaltiger Unterschied auf: Während man 1986 die „Bedenkzeit“ einfach nur routiniert herunterkurbelte, nicht einmal zuschauende Passanten aus dem Bild gebeten wurden, setzt jetzt „Das richtige Leben“ auf viel Liebe zum Detail.

Immer wieder wird jede Feinheit geprobt, immer wieder lotet der Regisseur Nuancen und Lichtstimmungen aus. Kameramann Johannes Thieme macht das zu schaffen, denn er dreht alles ohne Stativ. „Das macht es authentischer“, ist er überzeugt. Und schwerer. Denn die Kamera auf seiner Schulter wiegt 14 Kilogramm. Sie ist auch noch wie ein rohes Ei zu behandeln, denn sie kostet stolze 1 500 Euro Miete. Jeden Tag.

Solche hochwertigen Kameras können durchaus bis 90 000 Euro kosten. Nur gut, dass die gesamte Technik von der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam zur Verfügung gestellt wird. Denn „Das richtige Leben“ ist einer von zeitgleich sechs entstehenden Diplomfilmen, die außer der Technik fast mit einer Nullfinanzierung auskommen: Alle arbeiten ohne Gage, vom Beleuchter bis zum Schauspieler. „Das machen wir gern, denn solche Filme bieten immer interessante Rollen“, sagt Hauptdarsteller Vincent Redetzki.

Der junge Mann muss es wissen, immerhin zählt die Filmografie des 22-Jährigen bereits dutzende Rollen. Man sah ihn in den „Wilden Hühnern“ ebenso wie in einer Handvoll „Tatorte“. Seit 2013 spielt er im Magdeburger „Polizeiruf 110“ den Sohn der Kommissarin, und stolz trägt er bereits Förderehren des Deutschen Fernsehpreises. Die Einschaltquoten interessieren ihn nicht: „Diplomfilme kommen oft auf Festivals, bei denen wirklich Leistung bewertet wird, das ist mir wichtiger“, sagt er.

Das trifft auch auf den Film „Lebendkontrolle“ zu, der 2009 ebenfalls als Diplomfilm in der Görlitzer Justizvollzugsanstalt entstand und mittlerweile gleich mehrere Preise und Anerkennungen abräumte. Damals war Johannes Thieme als Kameraassistent dabei, heute dreht er hier seinen Diplomfilm ebenso wie der Regiestudent Robert Heber. Dabei ist der gebürtige Bautzener vom Jahrgang 1981 längst in der Branche bekannt. Er gestaltete Musikclips und Kurzspielfilme, arbeitete für die London Film School und studierte bereits von 2003 bis 2006 an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig Film und Fotografie. Dann wechselte er an die Hochschule für Bildende Künste Dresden, Fachklasse Neue Medien, die er 2008 mit dem Diplom-Spielfilm „Harry“ beendete. Er assistierte in Fernsehfilmen wie „Der Pfarrer und das Mädchen“ oder der Reihe „Ein starkes Team“ und liefert mit „Das richtige Leben“ nun wohl sein Meisterstück. „Ich muss dann nur noch die Diplomarbeit schreiben, und nach dem Filmschnitt wird alles wohl im September fertig sein“, überlegt er.

Zwischen 70 und 90 Minuten lang soll der Spielfilm dann sein. Erzählt wird die Liebesgeschichte zwischen Tommy aus sozial schwachen Verhältnissen und Julia aus einem begüterten Elternhaus. Als Julia unerwartet schwanger wird und die beiden sich entschließen, das Kind zu bekommen, gerät Tommy in Geldnöten auf die schiefe Bahn und wird kriminell. Der Film behandelt dabei die aktuelle Drogenproblematik an der sächsisch-tschechischen Grenze. Und damit kam auch die Görlitzer Justizvollzugsanstalt auf den Drehplan.

„Nach dem problemlosen Dreh 2009 haben wir sofort wieder zugesagt“, berichtet Anstaltsleiter Frank Hiekel. Der 15. von insgesamt 24 Drehtagen ist deshalb einem Blick auf die Berliner Straße sowie Szenen im Haftraum, bei der Einlasskontrolle und im Besucherzimmer des Gefängnisses am Postplatz vorbehalten. Als Haftraum wurde die Zelle von Maik Böttcher ausgewählt, weil sie perfekt vom Hof aus beleuchtbar ist. Der Dank dafür ist eine Komparsenrolle: Auf dem eigenen Zellenbett spielt er Skat mit zwei anderen Gefangenen. Böttcher hat noch eines von insgesamt drei Jahren vor sich, eine vorzeitige Entlassung wurde nicht genehmigt. „Naja, das wundert mich nicht“, sagt Maik Böttcher, „ich habe genug auf dem Kerbholz.“

Im Gefängnis hat er Arbeit in der Küche gefunden und deshalb auch eine Aktie daran, dass am Drehtag der Speiseplan gewechselt wird. „Es sollte ,tote Oma‘ geben, das haben wir dem Team zuliebe verschoben“, bestätigt Frank Hiekel. Statt Wurstfülle kommt deshalb für alle Gefangenen unerwartet gebackener Leberkäse mit Kartoffelbrei und Mischgemüse auf die Teller.

Nicht nur Gefangene, auch Bedienstete übernehmen im neuen Film wieder kleine Rollen. „Im Prinzip spielen wir uns selbst und zeigen damit unsere Arbeit“, erklärt René Melchior, der einst bei „Lebendkontrolle“ sogar ein blaues Auge geprügelt bekam – natürlich nur vom Maskenbildner. Auch Brigitte Gramms-Mellenthin ist diesmal dabei. Die Bedienstete ist vom Anstaltsleiter nicht nur als Dreh-Verantwortliche eingesetzt worden, sondern bringt Julia zu Tommy in den Besucherraum.

Dort gestaltet sich eine der stärksten Görlitzer Szenen: Julia hat vom zu erwartenden Kind zu berichten, und trotz des Ultraaschallbildes in der Hand endet diese Begegnung mit einer Trennung. Die 22-jährige Lou Strenger vom Schauspielinstitut der Hochschule für Musik und Theater Leipzig gestaltet den Part mit viel Gefühl und tiefgreifender Mimik. „Bei diesem Film muss ich mich in jede Szene hineinfühlen und sie aus der Situation heraus gestalten, denn viel vorbereiten geht da nicht“, sagt sie. Die Rolle empfindet sie „nicht einfach, sehr anspruchsvoll, sehr persönlich“. Regie und Kamera lassen ihr aber Freiraum, die Bewegungen zu entwickeln.

„Perfekt“, sagt schließlich der Regisseur. Er muss zudem die Schnitte mit weiteren 31 Motiven zwischen Zittau und Kirschau im Kopf haben, wo sich gestandene Mimen wie Rolf Hoppes Tochter Christine, der Görlitzer Ex-Polizeiruf-Kommissar Wolfgang Winkler sowie Johannes Terne und Jens-Uwe Bogadtke vor die Kamera begaben. Da ist es sicher von Vorteil, dass Robert Heber erstens als Co-Autor auch am Drehbuch André Dyllongs mitgeschrieben hat sowie zweitens als gebürtiger Oberlausitzer die Dreh-Gegend bestens kennt und auch seine zwölf Mitstreiter für sie begeistert. Der Berliner Vincent Redetzki zum Beispiel gesteht: „So eine schöne Landschaft hätte ich nicht vermutet.“ Das Gefängnispersonal wiederum hätte nicht erwartet, dass der Drehstab mit Wiener Kennzeichen am Auto anrollt. „Darauf hatten wir keinen Einfluss, wir nutzen Mietwagen“, klärt Bodo Bergmann auf. Für ihn als Produktionsleiter sind solche Dinge noch einfach, immerhin laufen bei ihm alle organisatorischen Fäden rund um die künstlerische Produktion zusammen.

Bodo Bergmann aber ist als Profi schon mit ganz anderen Aufgaben fertig geworden, immerhin war er verantwortlicher Redakteur beim MDR und einige Jahre Geschäftsführer des Deutschen Fernsehballetts. Heute ist er als Chef der BB Entertainment GmbH Leipzig selbstständig – und betreut mit seinen Erfahrungen gern und ebenfalls ohne Honorar Diplomfilme. Von der Justizvollzugsanstalt ist er auf besondere Art beeindruckt: „Jeder findet die Arbeit des anderen spannend. Wir Filmleute lernen von den Bediensteten, diese nehmen uns nicht als abgehobene Gaukler. So eine Atmosphäre des gegenseitigen Respektes ist nicht überall üblich.“

Doch bei allem Respekt gesteht er: „Ich war froh, als ich wieder die Gitter hinter mir lassen konnte.“ In diesem insgesamt 79. in Görlitz gedrehten Spielfilm indes werden sie bleiben, auch wenn keine überbordende Hollywood-Reklame den Streifen umwerben wird. Zumindest der Abspann, das ist schon fest versprochen, soll dem Standort Görlitz danken. Und sicher war es auch nicht der letzte Besuch von Filmemachern im Görlitzer Gefängnis.