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Diva mit Verspätung

Ihr ganzes Leben lang wollte Monika Bethge nur eines: Theater spielen. Doch das Leben spielte anders. Im letzten Abschnitt hat sie sich ihren Traum erfüllt.

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© Thomas Kretschel

Von Anna Hoben

Sie sitzt im Licht und lächelt fein, als freute sie sich noch immer über ihren skurrilen Einfall, das Hündchen mit aufs Foto zu nehmen. Die Leine hält sie locker in der Hand, das Hündchen pariert brav, es ist ja auch aus Plüsch. Da kann es ruhig länger dauern mit dem Foto. Monika Bethge lächelt. Die 74-Jährige sitzt gern im Licht, sie fühlt sich wohl dort. Ihren Platz, sie hat ihn gefunden.

Eine Bühne bei Tag, im Hellen, hat etwas zugleich Profanes und Magisches. Der schwarze Boden verkratzt, das Licht verstaubt. Der Mensch darauf allein und klein. All dies, das Unperfekte, Vorläufige, Probenartige, kündet von den Verheißungen des Abends. Wenn das Licht stimmt, wenn der Vorhang aufgeht und das Publikum verstummt. Wenn die Schauspielerin vor die Zuschauer tritt, Lampenfieber, trockener Mund, als wär’s das erste Mal. Wenn sie anfängt zu sprechen und ihr Herzschlag sich langsam beruhigt.

„Klar habe ich Lampenfieber“, sagt Monika Bethge. Ein Schauspieler ohne Lampenfieber, der kann es nicht ernst meinen. Vor jeder Vorstellung zieht sie sich ein paar Minuten zurück. Wenn alle anderen quasseln, um sich von der Aufregung abzulenken, braucht sie ein bisschen Zeit für sich. Alle anderen, das sind ihre Kollegen in der Dresdner Amateurtheatergruppe „Ohne Verfallsdatum“. Neun Männer und Frauen im Seniorenalter, die sich einmal pro Woche im Theaterhaus Rudi in Mickten treffen, um zu improvisieren, zu proben und neue Stücke zu entwickeln. Monika Bethge ist von Anfang an dabei, seit zehn Jahren. Wenn es nach einer Vorführung Applaus gibt, „das ist ein Glücksgefühl“.

Sie hat die Räubertochter gespielt im „Teufel mit den drei goldenen Haaren“, außerdem, im selben Stück, des Teufels Großmutter. Sie hat DDR-Erinnerungen aus ihrem Gedächtnis gekramt für die Produktion „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht“ und eine Helga-Hahnemann-Parodie abgeliefert. Ein Stück, das beim Publikum besonders gut ankam, hieß „Heim oder Daheim“. Es ging um eine drängende Frage, sagt Monika Bethge: „Wohin mit uns Alten?“ Damit wurden sie zu einem Festival in Pforzheim eingeladen. „Das war für uns das Allerallerallergrößte.“ Regelmäßig sind sie Teil der Großenhainer Jugendtheatertage. Wie bitte? Monika Bethge lacht. Damals wusste sie nicht, dass es um Jugendtheater geht. „Also habe ich uns angemeldet. Jetzt sind wir immer dabei, als einzige Seniorengruppe. Und wir sind der Renner.“

Für das Foto in dieser Geschichte hat sie sich im Theaterhaus Rudi in die Zuschauerreihen gesetzt. Ihre grasgrüne Jacke leuchtet, ihr Gesicht leuchtet. Sie schaut zur Bühne, konzentriert. Würde dort jetzt ihr Leben aufgeführt, es könnte zum Beispiel mit folgender Szene losgehen.

Ein Mädchen, 15 Jahre alt, sitzt in seinem Zimmer und spielt. Natürlich nicht mehr mit Puppen oder Bauklötzen. Monika spielt Menschen. Sie ist gerade mal wieder im Kino gewesen und hat einen dieser französischen Klassiker gesehen, mit Gérard Philipe oder Jean Marais. Sie hat geweint, wie immer, wenn sie einen Film anschaut. Sie hat die Texte aufgesogen, und jetzt, da sie allein in ihrem Zimmer sitzt, schlüpft sie in Rollen, spielt die Dialoge nach. „Ach, lieber Gott, lass mich Schauspielerin werden“, sagt das Mädchen halblaut vor sich hin.

Etwas anderes kam gar nicht infrage. Film und Theater, das war die Welt, wo Monika hinwollte. Ihre Eltern hatten sich am Theater kennengelernt, im ostpreußischen Allenstein. Die Mutter war Soubrette, eine Sängerin für leichte, komische Rollen, der Vater Harfenist. 1944 wurde das Theater geschlossen, der Vater in den Krieg eingezogen. Die Mutter packte die Koffer und floh mit der dreijährigen Tochter nach Rostock zu den Großeltern. Einmal übernachteten sie auf der Flucht unter einer Brücke. Ein Abstecher über Radeberg, wo Verwandte lebten, damals kam die kleine Monika zum ersten Mal nach Dresden.

Als die Familie fünf Jahre später mit dem Vater wieder vereint war, zogen sie nach Magdeburg. Monikas erstes bewusst erlebtes Theaterstück: „Peterchens Mondfahrt“. Nächste Station: Greiz, hier wurde sie zur regelmäßigen Theatergängerin. Und schließlich verschlug es die Eltern nach Dresden, ans Operettentheater in Leuben. 1956 war das. In der Oberschule spielte Monika im Theater, zusammen mit anderen Schülern veranstaltete sie Brecht-Abende. In der Neustadt, da, wo heute das Kulturzentrum Scheune ist, war sie Mitglied eines dramatischen Zirkels.

Nach dem Abitur bewirbt sie sich an der Schauspielschule in Leipzig und wird zur Eignungsprüfung eingeladen. Eine Szene aus Goethes „Egmont“ hat sie einstudiert, Clärchen auf dem Markt. Außerdem einen Monolog aus der „Jungfrau von Orleans“, Schiller. Sie besteht – und ist überglücklich. Dann kommt die eigentliche Aufnahmeprüfung. Sie fällt durch, „mit Pauken und Trompeten“. Heute sagt sie sich, sie hätte einfach dranbleiben sollen. „Schauspieler fallen doch reihenweise durch.“ Manche sprechen 20-mal vor, bevor sie angenommen werden. Doch damals denkt sie, es soll nicht sein. In Rossendorf beginnt sie eine Lehre als Chemielaborantin. Mit 22 wird sie Mutter, bald ist auch der zweite Sohn unterwegs. Weil sie keine Krippenplätze bekommt, geht sie, mittlerweile vom Vater der Kinder geschieden und alleinerziehend, zur Heimarbeit über.

Im Sachsenwerk in Niedersedlitz fängt sie wieder an, nebenbei Theater zu spielen, über die Arbeiteroper kommt sie mit Musik in Berührung. Klavierunterricht hatte sie mal gehabt, jetzt zeigt sich, dass sie auch singen kann. Sie nimmt an Talentwettbewerben teil, singt Chansons. Eine Sängerin ist immer auch ein bisschen Schauspielerin, das gefällt ihr. Es ist ein Kompromiss, aber ein guter. Sie nimmt Gesangsstunden, denkt über ein Studium nach. „Dazu sind Sie zu alt“, sagt der Lehrer. Monika ist 28, und sie ahnt: Diesmal darf sie nicht klein beigeben. Es klappt. An der Hochschule für Musik in Dresden beginnt sie ein Gesangsstudium: Tanz- und Unterhaltungsmusik mit Musikpädagogik. „Ich war eine hausbackene Hausfrau und kam in eine andere Welt.“ Sie hatte ja sechs Jahre zu Hause die Söhne betreut.

Nun gehen die Jungs zur Schule, die Mutter geht zur Hochschule. Ihre Kommilitonen sind zehn Jahre jünger. Die Schauspielerfahrung hilft ihr, Bühnenpräsenz aufzubauen. „Aber abseits der Bühne war ich verklemmt.“ Ihr Staatsexamen in Pädagogik besteht sie mit Bestnote. „Ich wusste, ich kann mit 35 keine Sängerkarriere starten.“ Aber unterrichten, das kann sie. In Bischofswerda und Dippoldiswalde, in Bad Liebenwerda und Elsterwerda bringt sie Schülern das Singen bei. Irgendwann zu der Zeit lernt sie Gert Knieps kennen, einen Berufskünstler, heute leitet er die Senioren-Theatergruppe. Als Dreiergespann, mit einem weiteren Freund und Künstler tingeln sie durch die Lande und treten auf Kleinkunstbühnen und in Ferienheimen auf. Eine gute Zeit. 1986 fängt sie an der Musikschule in Freital an, im Herbst 1989 bekommt sie eine feste Stelle.

Eine Woche nach der Grenzöffnung fährt das Dreiergespann von Ilsenburg nach Goslar. „Wir sind im Westen“, stellt einer fest. Sie haben ihre 100 D-Mark Begrüßungsgeld dabei, die Männer kaufen Schokolade und Bananen, Monika kauft Lippenstift. Im Dezember steht sie mit einem Trabi am Dresdner Hauptbahnhof. Sie hatte gelesen, dass Gastfamilien gesucht würden für Besucher aus Hamburg. „Es war fast unmöglich, jemanden zu kriegen“, erinnert sie sich. „Ganz Dresden wollte Gäste.“ Noch heute lacht sie über das Bild, wie sie damals zum ersten Mal den Besuchern gegenübersteht: drei Zwei-Meter-Männern, die sich in ihren Trabi quetschen müssen. Es ist der Beginn einer Freundschaft, die sie heute noch pflegt. Zigmal ist sie in der Nordmetropole gewesen, jedes Jahr kommen die Hamburger nach Dresden. Das Nordische liegt ihr; Rostock, wo sie einst bei den Großeltern lebte, ist bis heute ihre gefühlte Heimat.

Der „Wessi Winfried“, wie sie sagt, ist es auch, der ihr rät, sich auf den Chefposten der Musikschule Freital zu bewerben. „Du schaffst das“, ermutigt er sie, die – typisch Frau? – sich die Herausforderung zunächst nicht zutraut. 1994 beginnt sie den Job. Sie ist stolz darauf, dass sich in ihrer Zeit als Musikschulleiterin die Kluft zwischen E- und U-Musik verkleinert hat. „Es waren neun richtig schöne Jahre.“ Als ihr Mann in Rente geht, schließt sie sich einfach an. Von ihrem Vater und dessen zweiter Frau weiß sie, dass es nicht so gut funktioniert, wenn ein Partner zu Hause ist und der andere noch arbeiten geht.

Auf Honorarbasis unterrichtet sie trotzdem weiter – bis heute. Ein Nachmittag im Theaterhaus Rudi. „Blob, blob, blob, blob, blob“, singt ihre Schülerin, immer höher steigen die Töne. Diana ist um die 30 und tritt jetzt mit ihrer Gitarre ans Mikrofon. Monika Bethge legt eine CD in den Player ein. Zu Playback singt Diana den James-Bond-Hit „Tomorrow Never Dies“. Die Lehrerin rückt ihre Brille zurecht, stemmt die Hände in die Hüften und wippt leicht im Rhythmus mit. „Von Anfang an mehr Spannung aufbauen“, rät sie, als die letzten Töne verklungen sind, „und dann nach vorne treiben“. Noch ein paar Durchgänge, dann weiter zum nächsten Song, etwas Neues von Sarah Connor. „Atmen nicht vergessen“, empfiehlt die Lehrerin.

Fünf Schüler hat sie noch, die Jüngste 15, der Älteste 55. „Zehn Jahre brauch ich dich noch“, hat der kürzlich zu ihr gesagt. Monika Bethge ist seit 1998 zum dritten Mal verheiratet. „Das Ziel ist, wenigstens eine Silberhochzeit zu erleben.“ Sie lacht. 2023 wäre es so weit. „Mal sehen, vielleicht höre ich dann auf zu arbeiten.“

Ist das nun eigentlich schon der letzte Akt im Theaterstück des Lebens? Musikalisch gesprochen ist es wohl die Reprise, in der sie sich gerade befindet, die leicht veränderte Wiederaufnahme des Themas vom Beginn: Schauspielern. Theatralisch gesprochen ist zumindest klar, dass ihr Stück mit der glücklichen Erfüllung des Lebenstraumes eine Komödie ist, keine Tragödie. „Vielleicht ist es doch alles gut gelaufen so.“ Wer weiß, wie schwierig das Leben gewesen wäre als Berufstheaterfrau. Sie sieht das immer wieder bei ihrem Sohn, einem freien Regisseur und Schauspieler.

Und wie ist es sonst so, das Älterwerden? „Bis ich 70 war, hab ich mir überhaupt keinen Kopf darum gemacht, weil ich immer aktiv war. Jetzt überlege ich schon manchmal, wie viele Jahre wohl noch bleiben.“ Zu klagen hat Monika Bethge aber nicht. Höchstens darüber, dass die Modeindustrie es nicht hinkriegt, moderne Kleidung für ältere Menschen zu produzieren. „Man will doch noch nicht in so bunten Blüschen rumlaufen. Und bei Schuhen hat man die Wahl zwischen hohen Absätzen und Omalatschen.“ Die Gesundheit spielt nicht mehr ganz so mit. Und das Treppensteigen fällt schon etwas schwerer.

Ansonsten steht sie mit ihren 74 Jahren mitten im Leben, wie man sagt. Am Computer bearbeitet sie aktuelle Popsongs für ihre Gesangsschüler. Jeden Montag trifft sie sich mit einer Gruppe Freunde zum Saunieren und Schwimmen. Sie fährt viel Fahrrad und immer noch leidenschaftlich gern Auto, auf Reisen auch mal 800 Kilometer am Stück, ihr Mann ist dann der Beifahrer. Pausen braucht sie kaum, nur ein wenig ruhiger ist sie geworden, braust nicht mehr mit Tempo 160 durch, sondern eher mit 140. Gerade erst hat sie sich ein neues Auto gekauft, einen Renault Scénic. Wer weiß, wohin die Fahrt noch geht.