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Zwei Whisky vor der Selbst-Behandlung

In Großbritannien machen die Zahnarztpraxen nur allmählich wieder auf: Da muss man sich den Zahn selbst ziehen.

Salisha Amin, Zahnärztin in der Klinik „Woodford Dental Care“, bereitet sich im Schutzanzug auf eine Behandlung vor. Da viele Praxen noch geschlossen sind, greifen viele Patienten zur Selbsthilfe.
Salisha Amin, Zahnärztin in der Klinik „Woodford Dental Care“, bereitet sich im Schutzanzug auf eine Behandlung vor. Da viele Praxen noch geschlossen sind, greifen viele Patienten zur Selbsthilfe. © Victoria Jones/PA Wire/dpa

Von Jochen Wittmann 

Bevor es zur Sache ging, musste Billy Taylor sich erst einmal zwei Glas Whisky genehmigen. Dann hielt er einen Eisbeutel gegen die linke Wange, bis er den Schmerz in seinem Kiefer nicht mehr fühlen konnte. Seit Wochen hatte er unter einem entzündeten Backenzahn gelitten, der sein Gesicht grotesk anschwellen ließ. „Jede halbe Stunde schien es größer zu werden“, sagte Taylor, ein Mechaniker aus Axminster in der Grafschaft Devon. „Ich sah aus wie der Elefantenmensch“.

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Zugang zu einem Zahnarzt war für ihn nicht möglich, denn wegen der Corona-Pandemie haben alle Zahnarztpraxen in Großbritannien geschlossen. Taylor blieb nichts anderes übrig, als selbst Hand anzulegen. Mithilfe seines elfjährigen Sohnes setzte er die Zange an. Nach anderthalb Stunden war der Backenzahn draußen. „Der Schmerz ließ sofort nach“, meinte der 33-Jährige.

Wie Taylor erging es vielen im Königreich. Die Leute müssen sich selber helfen. Abzesse werden mit Nadeln gestochen, herausgefallene Füllungen mit Kaugummi ersetzt. Abgebrochene Zähne schleift man mit Nagelfeilen glatt und wacklige Kronen werden mit Sekundenkleber befestigt. Die Briten haben zur Do-it-yourself-Behandlung keine Alternative, denn der örtliche Zahnarzt verschreibt nur Antibiotika oder Schmerzmittel. Immerhin gibt es Notfallzentren für die allerschlimmsten Fälle. Als Fay Rayward aus Telford ihren Zahn selbst ziehen wollte, brach der in zwei Teile. „Dann begann der Ärger erst richtig“, so Rayward. „Der Schmerz war schlimmer als eine Entbindung.“ Ihr wurde schließlich eine Behandlung angeboten: die Extraktion.

Seit dem 25. März wurden alle Routinebehandlungen abgesagt. Die wenigsten Patienten qualifizierten sich dann für einen Termin in den rund 550 Notfallzentren im Land. Dort wurden nur jene empfangen, die lebensbedrohende Infektionen oder Atembeschwerden wegen einer Gesichtsschwellung haben. Kate Mansey hat einen fünfjährigen Sohn, der starke Schmerzen bekam, nachdem eine Füllung herausfiel. Sie verzweifelte, als ihr gesagt wurde, dass keine andere Behandlung außer einer Extraktion möglich sei. Aber sie könne ja versuchen, wurde ihr gesagt, die Füllung selber mit Wachs zu stopfen. „Ist das jetzt die Covid-Zahnbehandlung“, empörte sich Mansey. „Herausreißen oder es selber machen? Es ist mittelalterlich.“ Doch so ist es zurzeit: Die Zahnheilkunde ist wieder beim Zahnreißen angekommen. Weil Patienten nicht mehr von Dentalhygienikern behandelt werden können, befürchten Experten mehr Fälle von nicht rechtzeitig entdecktem Mundhöhlenkrebs.

Eine vorsichtige Lockerung hat die Regierung ab dem 8. Juni wieder erlaubt. Zahnarztpraxen sollen wieder allmählich geöffnet werden. Doch es gibt Probleme mit der Versorgung von speziellen Atemmasken, und deswegen sind Eingriffe, bei denen Aerosole entstehen können wie beim Bohren, Schleifen oder Zahnsteinentfernung immer noch untersagt. In der Zwischenzeit, so wird geschätzt, sind mehr als 600.000 Fälle von Zahnproblemen aufgelaufen. Zunächst werden nur die dringendsten Fälle angenommen. Die Briten müssen sich noch eine Zeit lang gedulden, bevor Normalität einkehrt. Bis dahin bleibt für viele nur die Do-it-yourself-Behandlung.

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