merken
PLUS

Dorfhainer Rauchzeichen

Vor 15 Jahren baute sich Uwe Jopp seine erste Tabakspfeife. Heute schmauchen sogar die Chinesen mit seinen Unikaten.

© Egbert Kamprath

Von Jörg Stock

Görlitz – Immer eine Reise wert

Die Stadt Görlitz wird von vielen als „Perle an der Neiße“ oder „schönste Stadt Deutschlands“ bezeichnet. Warum? Das erfahren Sie hier.

Dorfhain. Ein Pappkarton voll schrumpliger Klötzchen steht im Heizraum. Feuerholz? Keineswegs! Die Klötzchen sind ein Schatz. Zumindest für Uwe Jopp, der sie extra aus der Toskana hat kommen lassen. Es handelt sich um Bruyère, die Wurzelknolle der Baumheide. Jedes einzelne Stück wird er ausgiebig mustern. Er wird die Maserung betrachten, wird bohren und sägen, schleifen und polieren, wird stundenlang alleine sein mit sich und diesem Holz, wird vielleicht wieder mal die Zeit vergessen, bis das Kunstwerk fertig ist und bereit, irgendwo, in Köln oder Mailand, in Peking oder Alabama über den Ladentisch zu gehen, für Hunderte von Euro.

In Jopps Pfeifenwerkstatt

Uwe Jopp, 54 Jahre alt, lebt in Dorfhain, in einem netten Einfamilienhaus. Von Beruf ist er Bauleiter. Aber das ist vorbei. Seit etwa 15 Jahren ist die Baustelle bei ihm daheim. Im Technikraum, zwischen Gaszähler und Wasseruhr, entwirft er edle Tabakspfeifen, und im Garten, in einem staubigen Schuppen, baut er sie. Als Einzelkämpfer vom Tharandter Wald hat er es fertig gebracht, seine Ware bis nach Amerika und nach China zu verkaufen. In ganz Deutschland gibt es wahrscheinlich keine zehn ernstzunehmenden Pfeifenbauer. Zählt er sich nun dazu? „Ich zähle mich zu denen, die davon leben“, sagt Uwe Jopp, „da muss ich wohl ernstzunehmen sein.“

Uwe Jopp stopft eine von seinen „Jopp Handmade“, demonstrationsweise, für den Besuch. Blaue Wölkchen kräuseln über den Schraubstock. Er ist Gelegenheitsraucher, „nicht süchtig“, stellt er klar. Wenn er mal raucht, dann meist im Schuppen, an der Schleifmaschine, ganz und gar versunken in seiner Arbeit. Ist Pfeifen bauen Kunst? Er überlegt. Kunst? Das klingt ihm etwas zu hoch gestochen, nach etwas, das man studieren muss. Er dagegen ist Autodidakt. Die Gestaltung kommt einfach aus ihm raus, sagt er, aus seinem Inneren. „Ob das Kunst ist, müssen andere beurteilen.“

Dass ihm Kontakt mit Holz Spaß macht, wusste Uwe Jopp schon länger. Er besaß eine Drechselbank, mit der er Dosen und Schalen herstellte. Pfeife geraucht hatte er auch schon mal, in den 1980ern, bei der Armee. Eines Tags sah er zufällig einen Fernsehbericht über Karl-Heinz Joura, den Altmeister des deutschen Tabakspfeifenbaus. Der Film war Jopps Offenbarung. Joura tat genau das, was er immer tun wollte, sagt Jopp, aus kleinen Holzstücken eine „ganz besondere Geschichte“ machen. „Das passte, wie die Faust aufs Auge!“

„Jopp Handmade“ ist eine Ein-Mann-Firma. Im Monat baut Uwe Jopp etwa ein Dutzend Pfeifen. Für gewöhnlich bietet er sie paketweise seinen Händlern an, die sich heraussuchen, was ihnen gefällt. Dass ein Pfeifenfreund direkt bei ihm bestellt oder gar nach Dorfhain kommt, passiert herzlich selten. Freilich arbeitet Jopp auch nach Kundenwunsch. Doch findet er es schwierig, ein bestimmtes Muster zu bauen. Meistens muss er dann drei Pfeifen anfangen, um am Ende eine zu haben, die den Vorgaben des Bestellers entspricht. Immerhin: Bisher hat er das immer geschafft. „Es gab noch keine Ablehnung.“

Dass Auftragswerke so schwierig sind, liegt am Rohstoff. Die Bruyère-Knolle, dreißig Jahre und länger im Boden gewachsen, ist unberechenbar. Von außen wunderschön, können drinnen Schmutzkrümel und Sandkörner lauern. Oder die Maserung ändert urplötzlich die Richtung und passt nicht mehr zum Plan. Dann muss man flexibel sein, muss tun, was das Holz einem erlaubt, sagt Jopp. „Dann entstehen Formen, an die man gar nicht gedacht hat.“

Über 2 000 Pfeifen hat Uwe Jopp bisher gebaut. Alles Unikate. Eine eigene Handschrift ist das Wichtigste für den Pfeifenmacher, sagt er. Kommt ein Raucher daher, sollten Eingeweihte gleich erkennen: Er hat eine „Jopp Handmade“. Und was ist seine Handschrift? So genau kann Uwe Jopp das gar nicht erklären. Inspirieren lässt er sich von den dänischen Manufakturen. Er bevorzugt klassische Formen, die er nach eigenem Gusto verändert. Was rund ist, flacht er ab, was glatt ist, kriegt eine Kante, was symmetrisch ist, wird asymmetrisch. Und er hat einen Dreh gefunden, bogenförmige Rauchkanäle zu bohren. So lassen sich schwungbetonte Pfeifen wie die sogenannten Hörner noch eindrucksvoller modellieren. Das alles, sagt Jopp, hat im Laufe der Zeit sein Profil geschärft.

Profil hin oder her: Rosige Zeiten für Raucher sind es nicht gerade. Mit seinen Anti-Nikotingesetzen hat der Staat das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, findet Jopp. Die Raucher flüchten ins Private. Das tut dem ohnehin gesättigten Pfeifenmarkt nicht gut. Auch in Amerika, wo Jopp bei der Chicagoer Pfeifenmesse mitmischt, stagniert es. Nun setzt er seine Hoffnung verstärkt in die Chinesen. Ein Bündel Messe-Ausweise von der „International Pipe Art Show“ in Chengde baumelt bereits in seinem Werkstattschuppen. Chengde liegt etwa 160 Kilometer nordöstlich von Peking und ist mittlerweile sein liebster Termin. Junge Mädels mit großem Schild holen ihn vom Flieger ab. Er wird zum Hotel chauffiert und zur Messehalle, muss nur noch seine Pfeifen ausbreiten und ein bisschen Englisch reden. Die Sprache ist allerdings der Haken. „Damit quäle ich mich.“ Funktionieren tut es offenbar trotzdem. Inzwischen verkauft Uwe Jopp die Hälfte seiner Produktion ins Reich der Mitte.

www.jopp-pipes.de