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Dresden: Trainer gesteht Missbrauch

Zum Prozessauftakt hat sich der Angeklagte weitgehend zu den schweren Taten geäußert. Von Reue ist jedoch nichts zu spüren.

Der Angeklagte (r) im Gerichtssaal des Landgerichts Dresden.
Der Angeklagte (r) im Gerichtssaal des Landgerichts Dresden. © Sven Ellger

Dresden. Mit einem überraschend ausführlichen Geständnis hat am Montag vor dem Landgericht Dresden der Missbrauchsprozess gegen einen Dresdner Aikido-Trainer begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 50-jährigen Deutschen Thomas H. Dutzende Taten vor, die er zwischen 2007 und 2019 begangen haben soll. Zahlreiche Zuschauer versuchten, an dem Auftakt teilzunehmen, darunter offensichtlich auch Freunde und frühere Schüler des Trainers. Doch nicht alle konnten einen Platz finden, denn in den Gerichtssälen ist die Anzahl des Publikums aufgrund der Corona-Auflagen weiter begrenzt.

Sehr selbstbewusst war H.s Auftritt, als zwei Wachtmeister ihn in den Saal A 0.79 führten. Er ließ sich bereitwillig fotografieren, stand aufrecht da, dem Publikum, offensichtlich seinen Freunden zugewandt. „Er sonnte sich im Scheinwerferlicht“, sagte eine Nebenklage-Anwältin entsetzt.

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H. sitzt seit 31. Oktober vergangenen Jahres in Untersuchungshaft. Erst im Februar wurde er von Dresden nach Leipzig verlegt. Ein Mitarbeiter der Dresdner Justizvollzugsanstalt (JVA) soll mitgeteilt haben, er habe ein Problem mit H., weil er ihn kannte. Das berichtete Richter Andreas Ziegel, der Vorsitzende der Jugendschutzkammer. Die Frage, ob er angegriffen oder verletzt worden sei, verneinte der Angeklagte.

Eine weitere Anklage liegt vor

Die zweite Überraschung war eine weitere Anklage der Dresdner Staatsanwaltschaft von Ende Mai gegen H. Sie sei ihm noch nicht zugestellt worden, so H., er bitte jedoch darum, dass auch dieser Vorwurf in der Hauptverhandlung mit verhandelt werden soll.

Nach dem Inhalt der beiden Anklageschriften soll sich H. über Jahre an Kindern und Jugendlichen vergangenen haben, die in seinen Kampfsportgruppen trainierten. Er hatte Aikido-AGs zunächst an einer Dresdner Grundschule aufgebaut, später einen privaten Aikido-Club gegründet und dort sowie an mehreren Schulen unterrichtet. H. soll etwa „Abschlussmassagen“ nach dem Training durchgeführt haben, bei denen er Jungs an den Genitalien massiert habe. Ein Junge sei regelmäßig nach dem Training in einem Raum einer Schulsporthalle missbraucht worden. Zu weiteren Taten kam es auch in einer Heilpädagogischen Schule in Bonnewitz bei Pirna. Auch dort habe H. Schüler beim Anziehen an ihre Geschlechtsteile gefasst.

Darüber hinaus organisierte H. jahrelang im Herbst Freizeiten, erst in Schneeberg, dann in Sebnitz. Auch dort habe er nachts Teilnehmer begrapscht und die Taten teilweise gefilmt. Insgesamt wirft die Staatsanwältin dem 50-Jährigen 28 Fälle eines einfachen und 33 Fälle eines schweren sexuellen Kindesmissbrauchs vor. Hinzu kommt der Missbrauch von Schutzbefohlenen in 32 Fällen. Dabei geht es um jugendliche Opfer, die zur Tatzeit älter als 14 Jahre waren. Insgesamt werden in der Anklage mehr als zehn Geschädigte aufgezählt.

Nicht alle Opfer sind bekannt

H. berichtete schließlich Punkt für Punkt, unterschied Fälle, an die er sich erinnern könne und andere, an die er sich nicht erinnere, die jedoch plausibel wären: „Ja, ich habe über viele Jahre an Kindern und Jugendlichen sexuelle Handlungen begangen.“ Manchmal nannte H. einen anderen Tatzeitraum. Unerklärlich blieben zwei Taten, von denen es nur bei H. sichergestellten Fotos gibt. Es sei nicht möglich gewesen, die Kinder zuzuordnen, sagte die Oberstaatsanwältin. Zwar seien alle Kinder bekannt, die an den Trainingslagern teilgenommen haben, doch die Eltern hätten auf den Fotos ihre Kinder nicht erkannt, auch nicht die Schlafanzüge.

Thomas H. blieb während seiner Aussage auffallend ruhig, nicht sichtbar aufgeregt, wie andere Angeklagte in solchen Situationen. Der Aikido-Trainer wirkt sehr kontrolliert und selbstbewusst. Einmal entgegnete er auf die Frage einer Anwältin, die mehrere Opfer als Nebenkläger vertritt, trotzig-aggressiv: Das sei hier nicht der Punkt ihm moralische Vorhaltungen zu machen. Doch das traf genau den Punkt. Völlig ausgespart hat der 50-Jährige, dass er den Kindern massive Schäden zugefügt hat, mit denen sie möglicherweise ihr Leben lang konfrontiert bleiben, wie so oft in Missbrauchsfällen. Reue oder Bedauern war seinen Worten – H. hatte sich seine Aussage ausformuliert und zum Teil abgelesen – nicht zu entnehmen. Er sagte auch nichts zu dem mit seinen gestandenen Taten einhergehenden Vertrauenmissbrauch.

Prozess wird noch Wochen dauern

H. blieb nüchtern und sachlich, einmal sagte er, dass er davon ausgegangen sei, dass dem Jungen das auch gefalle. Dieser habe sich abends nach dem Training Zeit gelassen, so dass sie dann alleine in der Halle gewesen seien.

Wie erheblich die Folgen jedoch sind, zeigt die Aussage eines heute 29-jährigen Opfers. Es ist der Sohn einer Frau, mit der H. vor vielen Jahren befreundet war. Einmal, wahrscheinlich 2008, hatte der Jugendliche als 17-Jähriger bei H. übernachtet. Laut Anklage habe H. den Heranwachsenden, der neben ihm im Doppelbett geschlafen hatte, ans Glied gefasst und ihn dort auch mit dem Mund berührt. „Ich weiß nicht, wie lange es gedauert hat. Vielleicht 15 Minuten, vielleicht eine halbe Stunde“, sagte der 29-Jährige. „Ich habe so getan, als ob ich schlafe, weil ich nicht gewusst habe, wie ich mich verhalten soll.“ Er berichtete, dass er sich erst lange später seiner Mutter habe anvertrauen können.

Da das Gericht nachmittags die ersten Geschädigten geladen hatte, wird H. seine Einlassung am Dienstag kommender Woche fortsetzen. Er sagte, er wolle den Geschädigten eine Vernehmung ersparen. Das Gericht hat vorerst vier Verhandlungstage bis zum 2. Juli geplant.

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