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Dresden erbt drei Millionen

In den vergangen Jahren ist der Stadt viel Geld vermacht worden. Es wird sinnvoll angelegt.

Von Sandro Rahrisch und Juliane Richter

Als neunjähriges Mädchen muss Helga Barbara Petzold mit ansehen, wie Dresden zerbombt wird. Zwar überlebt sie die Luftangriffe im Februar 1945, doch die furchtbaren Bilder haben sich tief eingeprägt. Helga Barbara Petzold studiert Medizin und arbeitet in den alten Bundesländern. Als die Ärztin 2006 stirbt, vermacht sie ihren Nachlass der Stadt Dresden.

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Dass die Kommune erbt, ist gar nicht so selten: Rund drei Millionen Euro hat die Stadt in den letzten zehn Jahren von Verstorbenen erhalten. Der wohl spektakulärste Fall: Die 2005 in Osnabrück gestorbene Dora Sprung hatte ihre alte Heimat als alleinige Erbin eingesetzt und ihr eine knappe Million Euro vermacht – der größte Einzelnachlass nach der Wende. Mit dem Geld der Arzt-Witwe konnte der barocke Neptunbrunnen auf dem Gelände des Friedrichstädter Krankenhauses saniert werden. Erneuert wurden auch die Sandsteinskulpturen im Blüherpark und das Friedrich-August-Denkmal am Schloßplatz.

Meistens legen die Verstorbenen im Testament fest, wofür das Geld ausgegeben werden soll. So hat Helga Barbara Petzold dem Friedrichstädter Krankenhaus 170.000 Euro vermacht. Mit dem Erbe konnte das Klinikum zum Beispiel ein Blutwäsche-Gerät kaufen. Damit werden Patienten behandelt, deren Nieren versagen.

Rund 360.000 Euro hinterließ der Mediziner Friedrich Brahm dem Krankenhaus. Das Geld investierte die Klinik in die Krebsdiagnostik. „Wir haben uns ein Bildbearbeitungsprogramm angeschafft, mit dem sich gewöhnliche CT-Röntgen-Aufnahmen in dreidimensionale Bilder umwandeln lassen“, sagt Thomas Kittner, Chefarzt der Radiologie. Der Darm, das Becken, die Wirbelsäule – alles wird so real dargestellt, als hätte der Mediziner ein Modell vor sich. „Mit der Software können wir zum Beispiel Tumore im Darm erkennen, der Patient braucht dafür nicht einmal eine Darmspiegelung.“

Stadt organisiert Beisetzung

Ein sehr beliebter Erbe ist auch der Dresdner Zoo. Trotzdem ist Geschäftsführer Karl-Heinz Ukena vor einem Monat wieder überrascht worden: Ein Dresdner Ehepaar, das er noch nie gesehen hatte, hat dem Zoo rund 420.000 Euro hinterlassen. „Beide waren Mitte 90, sie starb schon Anfang des Jahres, ihr Mann nun im Mai“, so Ukena. Das Geld fließt wahrscheinlich in die Sanierung des maroden Afrikahauses. Eine Tafel wird künftig voraussichtlich an das Ehepaar erinnern. Aus Erbschaften ergeben sich für den Zoo jährlich mitunter zwischen 500.000 und 700.000 Euro. Eine Summe, mit der sich Dresden sehen lassen kann: Der Kölner Zoo, in dem rund 7.500 Tiere mehr leben, erbte in den letzten vier Jahren 3,2 Millionen Euro – macht im Schnitt 800.000 Euro im Jahr.

Nicht immer hinterlassen Verstorbene der Stadt bares Geld: Köln erbte zum Beispiel die Rechte an Texten des Liedermachers Heinz Böninghausen und verdient mit den Tantiemen jährlich 3.500 Euro. Auch Dresden hat schon Raritäten geerbt: Nach dem frühen Tod ihres Ehemanns, dem Gründungsprofessor der chirurgischen Klinik an der Medizinischen Akademie, ging Dora Sprung 1963 zurück in den Westen. Dabei war es ihr offenbar gelungen, Meissner Porzellan, Bilder Dresdner Maler, wertvolle Uhren und barocke Möbel mitzunehmen. Die wertvollsten Stücke befinden sich heute im Dresdner Stadtmuseum.

Um die Auflösung der Wohnungen muss sich die Stadt übrigens selbst kümmern, wenn sie als Alleinerbin eingesetzt ist. „Bei uns übernimmt das die Kämmerei“, sagt Rathaussprecher Karl Schuricht. Die Mitarbeiter organisieren vor allem die gewünschte Beisetzung, lösen die Konten auf, erfüllen den letzten Willen des Verstorbenen und verwerten den Hausstand.

Warum die Verstorbenen ihr Geld der Stadt hinterlassen, erfährt das Rathaus nur selten. „In bekannten Fällen sind die Erblasser kinderlos geblieben, haben in Dresden gelebt oder ihre Kindheit hier verbracht“, sagt Schuricht.

Erbe wird zu Lebzeiten angekündigt

Aber nicht immer wird die Stadt erst bei der Testamentsverkündung vom Geldsegen überrascht. Der Stadtverwaltung sind derzeit drei lebende Personen bekannt, die Dresden als Erbin mit unterschiedlichen Zweckbestimmungen einsetzen wollen. Namen nennt das Rathaus nicht, schließlich könnten noch weitere Interessenten ihre Geldwünsche anmelden.

Im Vergleich rangiert Dresden mit seinen Erbschaften im Mittelfeld gleich großer Städte: Hannover erbte letztes Jahr zwar nur 25.000 Euro in bar, dafür vermachte eine Familie der Stadt eine Puppensammlung im Wert von 11.800 Euro. Chemnitz ging letztes Jahr leer aus.