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Die Dresdner Verpackungsweltmeister

Vor 50 Jahren wurde das Kombinat Nagema gegründet. Es ist Teil einer langen Dresdner Tradition von Verpackungsmaschinen.

Von Ralf Hübner
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Zwölf Geschosse hoch: Die Zentrale des einstigen VEB Kombinates Nagema, das sogenannte Schokopack-Hochhaus, zeugte vom Selbstbewusstsein der Dresdner Verpackungsmaschinenbauer.
Zwölf Geschosse hoch: Die Zentrale des einstigen VEB Kombinates Nagema, das sogenannte Schokopack-Hochhaus, zeugte vom Selbstbewusstsein der Dresdner Verpackungsmaschinenbauer. © Archiv: Kurt Neumann

Tüten, Schachteln, Beutel: Seit mehr als einem Jahrhundert sind Verpackungsmaschinen aus Dresden weltweit gefragt. Die Branche stand wohl immer etwas im Schatten von Fotoapparaten, Flugzeugen und Mikroelektronik, und dennoch ist sie einer der traditionsreichsten Industriezweige in der Stadt. 

Von 1945 bis 1989 wurden in Dresden mehr als 25.000 Bonbon- und Pralinenpackmaschinen gebaut und verkauft. Vor 50 Jahren wurden am 1. Januar 1970 aus zwölf Betrieben des Verpackungs- und Schokoladenmaschinenbaus, der Getränkeabfüll- und Wägetechnik das Kombinat Nagema gegründet.

Der Name stand für Nahrungs- und Genussmittel-Maschinenbau. Stammbetrieb war der VEB Schokopack, der spätere VEB Verpackungsmaschinenbau Dresden; der Kombinatssitz war das Schokopack-Haus in Dresden-Reick. In den Betrieben des Kombinates waren zeitweise fast 21.000 Menschen beschäftigt.

Die Anfänge des Verpackungsmaschinenbaus im Dresdner Raum reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Die Versorgung der wohlhabenden Bürger der Residenzstadt und des Hofes mit Luxusartikeln wurde damals zu einer einträglichen Geschäftsidee. Die Zuckersiederei von Heinrich Wilhelm Calberla war einer der ersten Industriebetriebe in Dresden und die Basis für die spätere Dresdner Süßwarenindustrie. Gottfried Heinrich Christoph Jordan und August Friedrich Timaeus hatten die erste Schokoladenfabrik gegründet. Adolf Collenbusch und die Compagnie Laferme brachten die Tabak- und Zigarettenindustrie nach Dresden. Karl August Lingner stand für Mundhygieneprodukte.

Der VEB Schokopack entsteht

Der Bedarf an Verpackungen für den Versand und Verkauf dieser Produkte stieg rasant. Deshalb boten immer mehr Maschinenbauunternehmen ihre Hilfe an. Die 1871 gegründete Firma Julius Große für Getreidemühlen etwa entwickelte Verpackungsmaschinen für Mehl. 1888 eröffnete Richard Gäbel einen Betrieb der Bonbons herstellte. 1898 legte Otto Bergsträsser den Grundstein für die Zigarettenmaschinenfabrik „Universelle“ und 1918 stellte das Unternehmen Otto Hänsel in Freital eine Bonbonverpackungsmaschine mit Wachspapier vor. Die Firma Ernst Bernstein stieg von Textilmaschinen unter anderem auf Teeportionsbeutelmaschinen um. Maschinen für Teebeutel und Dosierapparate kamen auch von der 1937 gegründeten Firma Seelig und Hille.

Das Schwergewicht der Branche aber war Max Loesch, der von 1919 an Verpackungsmaschinen für Schokolade produzierte. Zunächst hatte er Maschinen der Schweizer Firma Sapal für Schokoladentafeln, Riegel und Napolitains nachgebaut und später zusammen mit Gäbel eine Anlage für Schokoladentafeln und -riegel sowie massive Figuren entwickelt. Von Loesch kam unter anderem auch die sogenannte LU3, eine Verpackungsmaschine für unterschiedliche Produkte und Einschlagarten, die deshalb auch als „Mutter der Einschlagmaschinen“ bezeichnet wurde.

Die Weltkriege setzten den Dresdner Verpackungsunternehmen heftig zu. Viele der Betriebe wurden 1946 zu Volkseigentum erklärt. Doch Loesch konnte schon im Mai 1946 wieder eine Keksverpackungsmaschine präsentieren. Aus dem Unternehmen ging durch die Fusion mit weiteren Betrieben 1950 der VEB Schokopack hervor, der unter anderem an die erfolgreiche LU3-Entwicklung anknüpfte.

Mitarbeiter des VEB Verpackungsmaschinenbau Dresden. 
Mitarbeiter des VEB Verpackungsmaschinenbau Dresden.  © Archiv: Kurt Neumann

In den Jahren 1957 bis 1963 erhielt der VEB Schokopack nach Plänen des Architekten Johannes Junghans einen Neubau, das zwölfgeschossige Schokopack-Hochhaus in Dresden-Reick mit Werkhallen.

1972 wurden der VEB Schokopack und VEB Tabakuni, der aus der Universelle hervorgegangen war, zum „VEB Verpackungsmaschinenbau Dresden“ zusammengelegt. Das Kombinat Nagema hatte damit einen leistungsstarken Leitbetrieb, der im Bereich des damaligen Rates der gegenseitigen Wirtschaftshilfe, dem Wirtschaftsverbund der sozialistischen Länder, zu einem Leitzentrum aufstieg. Und es war weltweit die erfolgreichste Firma für Süßwaren-Verpackungsmaschinen, die zwischen 1972 und 1990 bis zu 70 Prozent des weltweiten Bedarfs an diesen Maschinen deckte.

Herzstück des Unternehmens war die Hochleistungsanlage für Hartkaramellen EK1, die 1.300 Süßigkeiten je Minute einzeln verpacken konnte. In der Fachwelt galt das als Sensation. Bis in die 1990er-Jahre wurde das auf 1.800 Stück noch gesteigert und auf Schokoladenpralinen sowie Kaumasse ausgeweitet.

Doch auch so etwas gehörte zum Angebot: Auf der Agrar-Landwirtschaftsmesse in Markkleeberg stellte Schokopack 1969 ein Maschine für die Herstellung von Viertelliter-Milchbeuteln mit eingeschweißtem Strohhalm vor. „Besonders für die Versorgung der Schulkinder wären diese kleineren Milchbeutel eine großartige Neuerung“, lobte die Sächsische Zeitung.

Ende 1990 wurde das Kombinat in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die Dresdner Verpackungsmaschinenbau GmbH „Pactec“, die sich auf den Bau von Süßwarenverpackungsmaschinen konzentrierte, entstand und löste sich so wie weitere Firmen aus dem Nagema-Verbund. Die Belegschaft wurde deutlich reduziert. Durch den Zusammenschluss mit der 1934 gegründeten Kölner Rose-Theegarten ging die „Pactec Verpackungsmaschinenfabrik Theegarten“ mit Sitz in Dresden hervor.

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