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Dresden in Lehrernot

Schulbescheide in der Kritik: Mancher Fünftklässler hat bald sehr lange Wege.

© André Wirsig

Von Claudia Schade und Kay Haufe

Die Nacht war kurz für Annett Grundmann. Als sich am Mittwochabend herumsprach, dass das Kultusministerium die Versendung der Bescheide für die weiterführenden Schulen stoppt, klingelte ihr Telefon Sturm. Besorgte Eltern wollten von der Vorsitzenden des Kreiselternrats mehr erfahren.

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Noch am Dienstag hatten Vertreter der Sächsischen Bildungsagentur mit den Schulleitern der Dresdner Gymnasien über das kommende Schuljahr beraten. Dabei fiel kein Wort zum Stopp der Briefe. Nur wenige Stunden später kam abends die Anweisung der Agentur über das Internet.

Nun müssen Eltern von mehr als 4 000 Kindern, die auf eine weiterführende Schule wechseln, eine weitere Woche auf Antwort warten. Der Grund: Dem Freistaat fehlen Lehrer. Um den Mangel zu kompensieren, sollen nun alle Klassen bis zur maximalen Schülerzahl von 28 belegt werden. Das heißt, dass mancher Zehnjährige noch auf eine andere Schule umgelenkt wird. „Wir sind enttäuscht“, sagt Jürgen Karras, Schulleiter am Gymnasium Cotta. „Hunderte Lehrer haben in Dresden an der Vorbereitung des neuen Schuljahres gearbeitet, allein bei mir sind es fünf Mitarbeiter.“ Das sei jetzt alles hinfällig. „Warum haben uns die Verantwortlichen nicht erklärt, dass die Not so groß ist? Warum haben sie nicht mit uns gesprochen?“ fragt der Schulleiter. 140 Briefe liegen bei ihm auf Eis. Ob er sie neu datieren und ausdrucken muss, bleibt zunächst offen.

Wegen der kurzfristigen Aktion konnte nicht mehr jeder Schulleiter reagieren. So haben das Pestalozzi-Gymnasium und das Gymnasium Bühlau ihre Briefe fristgerecht am Mittwoch früh verschickt. „Ich habe noch versucht, sie über die Post zu stoppen, ohne Erfolg“, sagt Silvia Sobieraj. Die Bühlauer Schulleiterin ist jedoch in einer glücklichen Lage: Sie konnte allen 159 Bewerbern zusagen, weil sie sechs fünfte Klassen aufnehmen wird.

Doch das ist nicht überall so. Auswirkungen gibt es bereits für eine Familie vom Trachenberger Platz. Der Sohn hatte sich als künftige Schule das Pestalozzi-Gymnasium gewünscht. Zweit- und Drittwunsch waren die Dreikönigschule und das Marie-Curie-Gymnasium. Mit der Post kam nun die Ablehnung und der Hinweis, dass das Kind auf das Gymnasium Südwest in Gorbitz gehen müsse, in acht Kilometern Entfernung. „Letztlich entscheidet die Bildungsagentur darüber“, sagt Pestalozzi-Schulleiter Falk Barthel. Er könne dort zwar seinen Vorschlag für die Dreikönigschule abgeben. „Doch es ist nicht klar, ob die Plätze an der DKS für alle Schüler mit diesem Zweitwunsch ausreichen. Und für das neue Gymnasium in Gorbitz müssen weitere Schüler gewonnen werden. Denn dort hatten sich nicht einmal 20 Kinder angemeldet“, so Barthel. Im Gegensatz zum zentral gelegenen Gymnasium Bürgerwiese, wo 248 Anmeldungen eingingen. Die finden selbst in sechs neuen fünften Klassen keinen Platz. Also müssen einige Schüler woanders lernen.

Ob die unterschiedlichen Versendungszeiten der Briefe rechtliche Auswirkungen haben, bleibt zunächst offen. Annett Grundmann rät allen Unzufriedenen, Widerspruch einzulegen. „Ich finde die Vorgehensweise der Bildungsagentur unverantwortlich“, sagt sie. Im Mai noch hatte die Agentur den Elternvertretern mitgeteilt, dass Dresden 69 Gymnasial- und 62 Oberschulklassen bekommen soll. Fraglich ist nun, ob es dafür genügend Lehrer gibt und diese Klassenzahl zustande kommt.

Die Bildungsagentur verweist auf laufende Gespräche. Sie kann 108 Lehrer unbefristet und 46 befristet einstellen. Wo die genau in Dresden sowie den Landkreisen Meißen und Sächsische Schweiz eingesetzt werden, wird gerade festgelegt. „Am 12. Juni sollen aber alle Eltern informiert werden, wo ihr Kind künftig lernen kann“, sagt Agentursprecherin Katrin Reis. „Für die Kinder erwachsen aus dieser zeitlichen Verschiebung keine Nachteile“, so Reis.

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Auch an den Schulen ist man gespannt, ob alle nötigen Lehrer kommen. Vor allem Französisch-Lehrer werden händeringend gesucht, unter anderem an den Gymnasien Klotzsche, Bühlau und Romain Rolland. „Unsere Planungen gehen nur auf, wenn wir zwei neue Lehrer bekommen, die Englisch, Französisch und Sport unterrichten“, sagt Peter Rieth, der stellvertretende Klotzscher Schulleiter. Gleich zwölf neue Lehrer braucht die Bühlauer Schule. „Kommen die nicht, hat die Stadt zwar Platz geschaffen, doch das Land lässt uns im Stich“, sagt Sobieraj. Kommentar