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Die Stadt der Straßenbäume

Die Bäume in Dresden leiden unter dem extremen Wetter. Vor mehr als 120 Jahren wurde groß damit begonnen, die Straßenränder zu bepflanzen. 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts standen am Stübelplatz viele Bäume.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts standen am Stübelplatz viele Bäume. © Postkarte: Sammlung Holger Naumann

Fast 54.200 Bäume stehen an Straßenrändern und in Parks in Dresden. Sie sorgen auch an heißen Sommertagen für Schatten und angenehm frische Luft. Stadtteile mit viel Grün wie Blasewitz oder Striesen gehören nicht zufällig zu den beliebtesten Wohnquartieren der Stadt. Doch jetzt hat die extreme Witterung der vergangenen Jahre mit langen Trockenphasen und Stürmen den Bäumen heftig zugesetzt. In diesem Jahr wurden etwa 300 abgestorbene Bäume erfasst. Auch einige zum Teil mehr als 100 Jahre alte Baum-Veteranen haben aufgegeben wie etwa eine Rotbuche am Albertplatz.

Die Dresdner lieben ihre Bäume. Schon vor 100 Jahren hagelte es Anfragen und Beschwerden, wenn in Grünanlagen Bäume gefällt wurden. Vor allem unter Oberbürgermeister Paul Alfred Stübel (1827–1895) und Stadtgärtner Wilhelm Moritz Degenhard (1845–1924) wurde Dresden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer Stadt der Straßenbäume und einer international beachteten Gartenstadt. Vor allem die Artenvielfalt an den Straßenrändern war auffällig. Gegenwärtig stehen dort 139 verschiedene Baumarten.

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Während des Mittelalters war in den engen Gassen der Stadt zunächst wenig Platz für Bäume. 1576 ließ Kurfürst August auf neue Schutzwälle im Westen der Stadt Kirschbäume pflanzen. Um 1580 wurden an allen nach Dresden führenden Straßen Obstbäume gesetzt.

Straßenbäume sind auf dieser Postkarte aus dem Jahr 1910 an der Johann-Georgen-Allee zu sehen. Heute heißt die einstige Prachtstraße  Lingnerallee. 
Straßenbäume sind auf dieser Postkarte aus dem Jahr 1910 an der Johann-Georgen-Allee zu sehen. Heute heißt die einstige Prachtstraße  Lingnerallee.  © Sammlung Holger Naumann
Blick um 1910 auf das Amstgericht in Dresden. 
Blick um 1910 auf das Amstgericht in Dresden.  © Sammlung Holger Naumann
Die Bäume an der Hauptstraße in der Inneren Neustadt sind mittlerweile wesentlich größer als auf dieser mehr als 100 Jahre alten Karte. 
Die Bäume an der Hauptstraße in der Inneren Neustadt sind mittlerweile wesentlich größer als auf dieser mehr als 100 Jahre alten Karte.  © Sammlung Holger Naumann
Auf dieser Postkarte sind  junge Bäume am Löbtauer Bünauplatz zu sehen. 
Auf dieser Postkarte sind  junge Bäume am Löbtauer Bünauplatz zu sehen.  © Sammlung Holger Naumann

Im Stadtgebiet selbst dürfte die Hauptstraße von 1706, die nach einem großen Brand 1685 angelegt wurde, die erste Baumallee gewesen sein. Sie führte von der Augustusbrücke zum Schwarzen Tor, dem jetzigen Albertplatz. Auch an der jetzigen Königstraße wurden Bäume gepflanzt. 1724 erinnerte Kabinettsminister Graf von Wackerbarth daran, dass auf dem Platz vor dem königlichen Palais und an der Allee keine Wäsche getrocknet werden dürfe. „Ihre Königlichen Majestät hat diese Lindenallee nicht zur Kommodität der Bürgerschaft, sondern zu eigenem Pläsier verfertigen lassen“, schrieb er. Im Klartext: Straßen mit Bäumen waren in der Barockzeit vor allem für den König und Kurfürsten da.

Nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon, als die Befestigungsanlagen geschliffen wurden, entstanden im Bereich der ehemaligen Festungswälle mit Linden, Robinien und Platanen bepflanzte Promenaden. Kritiker bemängelten jedoch, dass deren Schatten feuchte und schlüpfrige Wege verursachten und durch sie zudem die Wirkung der Gebäude gemindert sei.

Auf Neustädter Seite wurden zunächst vor allem Pappeln gepflanzt. Die Grundstückseigentümer ärgerten sich über Ungeziefer und das Wurzelwerk der Bäume, das ihre Gartenmauern beschädige. In der Stadtverordnetenversammlung machte sich Unmut wegen unsachgemäß gepflanzter und schlecht gepflegter Bäume breit. Der Ruf nach einem Fachmann wurde laut. 1875 berief die Stadt deshalb den Hofgärtner von Großsedlitz, Wilhelm Moritz Degenhard, zunächst zum Stadtgärtner. Mit ihm begannen von Oberbürgermeister Paul Alfred Stübel unterstützt die umfangreichsten Straßenbaumpflanzungen in der Geschichte der Stadt, die bis in die 1920er-Jahre dauerten. Dabei wurden die meisten Straßen in den Vorstädten mit Bäumen bepflanzt: Ebereschen an der Altzeller Straße, Flatter-Ulmen an der Leubnitzer Straße, Silber-Ahorn an der Liebigstraße, Eichen und Rotdorn abwechselnd auf der Eisenstuckstraße. Vor allem in den Villenvierteln im Süden der Stadt entstanden auch Kirsch- und Birnbaumalleen. 1919 gab es an 49 Straßen noch fast 4.000 Obstbäume. Die Stadt verpachtete die Bäume. Die Pächter mussten die Bäume pflegen und abernten. Mit zunehmendem Verkehr wurden später jedoch kaum noch Obstbäume gesetzt.

Nach Stübels Tod 1895 richteten Rat und Stadtverordnete eine Stübelstiftung ein, aus deren Mitteln unter anderem die Gestaltung der Stübelallee finanziert wurde – die damals längste und aufwendigste Baumallee Dresdens mit sechs Baumreihen. Der Mittelstreifen zwischen den beiden Fahrbahnen wurde mit 650 Silber-Linden bepflanzt. Zu DDR-Zeiten war eine Erneuerung nicht möglich. Die Bäume waren nicht zu beschaffen. Später wurden die großteils erkrankten Silberlinden durch 561 Kaiserlinden ersetzt.

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1932 gab es in Dresden fast 59.900 Stadtbäume von 84 Arten und Sorten. Bei der Zerstörung der Stadt im Februar 1945 gingen rund 20.000 von ihnen verloren. Im Zerstörungsgebiet trieben oft nur besonders regenerationsfreudige Baumarten wie etwa die Platanen auf der Hauptstraße wieder aus. Viele Bäume wurden auch in der Notzeit nach dem Krieg zu Brennholz verarbeitet. Die erneute Begrünung der Stadt galt zwar als dringlich, ging aber nur zögernd voran. Die 1.020 Neupflanzungen von 1950 waren bis 1990 der absolute Spitzenwert. 1975 wurden gut 38.600 Bäume und 113 Arten gezählt, bei denen mit 36 Prozent der größte Anteil auf die Linde entfiel. Zu den neuen Anlagen aus DDR-Zeiten gehören unter anderem der Mittelstreifen auf der jetzigen St. Petersburger Straße.

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