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Was nach dem Tod kommt, ist nicht entscheidend

Elisa Vogginger steht Sterbenden bei. Warum eine junge Mutter für eine solche Aufgabe Platz in ihrem Leben macht.

Die Theologin Elisa Vogginger stellt als Hospizhelferin nicht Glaubensfragen in den Vordergrund, sondern Fragen nach dem Leben.
Die Theologin Elisa Vogginger stellt als Hospizhelferin nicht Glaubensfragen in den Vordergrund, sondern Fragen nach dem Leben. © Sven Ellger/SZ-Bildstelle

Dresden. Sie würde gern ihre Hand halten. Aber das ist nicht erlaubt. Mit Mundschutz sitzt Elisa Vogginger im abgedunkelten Raum und ist froh, überhaupt hier sein zu dürfen. Seit Kurzem kommt die Sterbebegleiterin wieder zu Besuch ans Krankenbett. Vier Monate lang war das nicht möglich - eine Zeit großer Einsamkeit auf der einen und Hilflosigkeit auf der anderen Seite.  

Die Frau, der Elisa ihre Zeit widmet, hat keine Kraft und Energie mehr, um sich in den Rollstuhl setzen zu lassen. Am wohlsten fühlt sie sich in ihrem Zimmer des Pflegeheims. Woche um Woche nimmt die 87-Jährige mehr Abstand vom Leben um sie herum. Für ihre Töchter ist das schwer zu ertragen. Mutters Abkehr wird ohne Umkehr sein. 

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"Die Hoffnung stirbt zuletzt, so heißt es nicht umsonst", sagt Elisa Vogginger. Angehörige stecken viel mehr als sie im Zwiespalt zwischen dem Wissen um die todbringende Krankheit eines Angehörigen und der Rebellion gegen den Verlust. "Ich kann die Menschen, die ich begleite, so annehmen, wie sie gerade sind." Zeit und Zuwendung schenken, zuhören, Trost bieten und dabei helfen, dass ein Leben möglichst friedvoll endet, das ist Anliegen und Aufgabe der Hospizhelfer und Hospizhelferinnen.

Als sich Elisa entschloss, Hospizarbeit zu ihrem Thema zu machen, war sie sich über die Konsequenz noch nicht ganz bewusst. "Ich hatte ein kleines Kind, das zweite war unterwegs, und ich bin aus meiner bisherigen Arbeit ausgeschieden", erzählt die 37-Jährige. Nach ihrem Studium der katholischen Theologie in Erfurt war sie nach Dresden gekommen und nahm eine Stelle als Redakteurin beim Rundfunk an. "Meine Mutter hat als Hospizhelferin gearbeitet, deshalb waren mir Alter, Krankheit und Sterben schon als Kind geläufige Kapitel, die zum Leben dazugehören." 

So etwas darf nicht wieder passieren!

Als sie jedoch die Schulung begann, die alle ehrenamtlichen Sterbebegleiter, die unter dem Dach der Malteser im Einsatz sind, durchlaufen, verstand Elisa das zunächst als eine Art Weiterbildung, die sie absolviert, weil es ihr als folgerichtiger Schritt erscheint. Schon als Radiojournalistin hatte sie häufig Themen aufgegriffen, die das Lebensende betreffen. Bekanntlich ist das ein Bereich, vor dem nicht Betroffene lieber die Augen verschließen. Die Gesellschaft widmet sich den Facetten des Lebens, kaum des Ablebens - ein Zustand, den Elisa nicht für gesund hält.

Ihre Mutter hat ihren Vater recht früh verloren, Elisa den ihren ebenfalls. Wie die beiden Frauen bringen die meisten der Bewerber um ein Ehrenamt im ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienst der Malteser eine persönliche Vorgeschichte mit. "Entweder, sie haben selbst erlebt, wie gut Beistand für Sterbende und ihre Familien ist", sagt die Koordinatorin Sylvia Jaster, "oder ihnen ist Schlimmes widerfahren". So etwas darf nicht passieren! Mit diesem Entschluss melden sie sich zur Ausbildung als Sterbebegleiter an, um anderen Angehörigen schmerzvolle Erfahrungen zu erleichtern.

Insgesamt 100 Stunden umfasst ein solcher Kurs. Er erstreckt sich über ein halbes Jahr und beinhaltet auch ein Praktikum. "Im Laufe dieser Zeit habe ich verstanden, dass ich damit nicht einfach nur mein Wissen erweitere. Alles, was ich lerne, hat nur Sinn, wenn ich es mit Erfahrungen verbinde", erzählt Elisa. Also nahm sie im Anschluss an ihre Schulung die erste Begleitung eines Sterbenden an.

Zunächst sei der Zustand des Seniors akut erschienen und die Suche nach einer Unterstützung für ihn dringend. Weitere Therapien galten aus Sicht der Ärzte nicht als erfolgversprechend. Wohl früher als später werde der Mann seinem Krebsleiden erliegen. "Aber er hat noch einige Jahre gelebt und wir haben viele gute und wichtige Stunden miteinander verbracht", erinnert sich Elisa. Als er starb, war sie gerade auf dem Weg zu ihm. "Ich hatte damit gar nicht gerechnet, nicht an diesem Tag, und war sehr betroffen". Immerhin habe sie sich noch von ihm verabschieden können - für Elisa ein ganz wichtiger Moment, um Trauer beginnen und durchleben zu können. 

Musikalisches Ständchen am Fenster

Ein bis zweimal die Woche besucht sie die Menschen, die ihr anvertraut sind. Nur während der Corona-Beschränkungen musste sie auf das Telefon zurückgreifen. "Zum Glück funktionierte das mit der Seniorin, die ich gerade begleite. Sie wollte den Kontakt auf diese Weise auch aufrechterhalten." Nicht allen Todkranken war das möglich. "Manche können nicht mehr richtig sprechen oder haben gar kein Telefon", weiß Sylvia Jaster vom Malteser Hilfsdienst. Dennoch sei es mit Einfallsreichtum gelungen, zu fast allen, die nach Beistand verlangten, irgendwie Kontakt zu halten. Sei es über schriftliche Nachrichten oder die Mitarbeiter in Heimen, Kliniken und ambulanten Pflegediensten.

Elisa Vogginger hatte eine schöne Idee: Damit sich ihre Seniorin zu Ostern nicht all zu allein fühlt, postierte sie sich vor ihrem geöffneten Erdgeschossfenster. "Zusammen mit meinem Mann und unseren Kindern haben wir ihr ein Ständchen aus Volksliedern und Schlagern gebracht. Sie konnte uns hören und vom Bett aus sehen." Ein paar Wochen später, als die Sorge vor Corona noch immer nicht weichen wollte, brachte die junge Familie ein weiteres musikalisches Programm ans Fenster.

Freude und Trost spenden, das ist der tiefe Sinn der ehrenamtlichen Hospizhilfe. "Ob es wirklich Aussicht auf ein Leben nach dem Tod gibt, scheint mir dabei nicht entscheidend", meint die Theologin. "Die Beziehungen in diesem Leben sollen am Ende möglichst heil sein. Das ist wichtig für den inneren Frieden."

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