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Feuilleton

Ein kritischer Geist aus Dresden

Der Dichter Volker Braun verteilt Handstreiche und erinnert an zermürbende Kämpfe mit der DDR-Zensur. Jetzt wird er 80.

© Arno Burgi/dpa

Was erwartet ihr von mir?, fragt Volker Braun. „Widersprüchliches werdet ihr hören.“ Ihn zog der Widerspruch groß. Vor Maximen scheut er zurück, vor Endgültigem. Er mag Rippenstöße, Fingerzeige, Fußangeln. „Handstreiche“ nennt der Dichter sein jüngstes Buch. Ein Zettelkasten mit Zitaten, Sentenzen, Aphorismen. Knapp hundert Seiten Einsichten, Ansichten, Aussichten aus der Werkstatt eines poetischen und philosophischen Kopfes. „Maximen und Moritzen“ ist der saloppe, heitere Untertitel des Bandes. Frei nach Goethe und nach Wilhelm Busch, dessen Buben Max und Moritz mit ihren bösen Streichen Pate standen.

Freimütig erteilt der Dichter Volker Braun, einer der wesentlichen deutschen Autoren, Auskunft über Herkunft, Denken und Fühlen. „Mein Laster: ich lasse mir nichts sagen.“ Sein Dämon, „die Unrast“, steht ihm im Wege. Lügen könne er gut, das sei keine Kunst: „Bei der Wahrheit fängt die Kunst an.“ Selbstkritisch bekennt er: „Aus Vorsicht hielt ich mir immer den Rückweg offen. Aber gerade das ist mein Fehler gewesen.“ Das Schreiben sei ein Beruf, für den man zahlen müsse, notiert Braun. „Wer schreibt, handelt. Das kann ich nicht verharmlosen.“

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Rausschmiss aus der SZ-Druckerei

Am 7. Mai 1939 wird Volker Braun in Dresden geboren, am oberen Elbhang in Rochwitz. Sein Vater fällt am letzten Tag des Krieges, „mein 6. Geburtstag war der Tag der Befreiung und Besetzung. Dresden war zerstört, meine ästhetische Schule waren die schönen Ruinen.“ Die Mutter bleibt mit ihren fünf Söhnen allein. Dankbar erinnert er sich, wie sie den Brüdern, reihum, die Schnitten schmierte, denn sonst langte der Aufstrich nicht. Und so, als wäre es „das Selbstverständlichste, Gerechtigkeit anmahnte“. Die Zeit in Rochwitz, wo er unter Kirschbäumen saß und mit der Liebsten im gelben Kornfeld, bleibt unvergessen. „Jeder hat eine Gegend, in der ihm, wie durch einen Zauber, das Herz aufgeht.“

Volker Braun eckt früh an. In der Oberschule heftet der Abiturient den Artikel „Über die Notwendigkeit der Gedankenfreiheit“ an die Wandzeitung. Dafür fliegt er aus der FDJ. Der Lehrling wird „wegen Renitenz“ aus der Druckerei der Sächsischen Zeitung fristlos entlassen. Er wird „zur Bewährung“ ins Braunkohlekombinat Schwarze Pumpe geschickt. Er lernt die rollende Woche und das raue Leben in den Baracken kennen. Den „Rausch der Arbeit“ und die „stumpfe Qual“, die augenfällige Ungleichheit „von schöpferischer und Drecksarbeit“.

Diese Erfahrung aus den späten 1950er-Jahren prägt ihn. Sie wird zum elementaren Stoff seines Schreibens. Erst nach der „Bewährung in der Produktion“ darf er in Leipzig Philosophie studieren. Das Leben lehrt ihn das „Training des aufrechten Gangs“, so der Titel eines Gedichtbandes. Braun gehört zu jener Generation von DDR-Dichtern, wie Karl Mickel oder Rainer Kirsch, die die Widersprüche zwischen sozialer Revolution und „politischer Bedrückung“ am eigenen Leib erfahren, „die konträren Wirklichkeiten diktierten unser Dichten“, schreibt Braun. Das missfällt der Obrigkeit. Es gibt kein Drama von ihm, keine Erzählung, keinen Lyrikband, die nicht auf Eis gelegt, verboten und erst nach quälenden Auseinandersetzungen zugelassen wurden.

Die zermürbenden Kämpfe mit der Zensur, mit der „Buchhaltung der Schikanen“ hat er im Band „Werktage 1“ festgehalten. Laut seiner Akte sind neun Stasi-Offiziere und 32 Inoffizielle Mitarbeiter auf ihn angesetzt worden. Ein Kapitel der Scham. Zu seinem 80. Geburtstag, den der in Berlin lebende Schriftsteller an diesem Dienstag begeht, erscheint neben den „Handstreichen“ ein zweiter, umfangreicher und gewichtiger Band. „Verlagerung des geheimen Punkts“ versammelt Schriften und Reden, die zwischen 1977 und 2018 erschienen sind. Essays über Shakespeare und Rimbaud, Goethe und Kafka. Die Totenrede für Christa Wolf, die Flugschrift über „Büchners Briefe“, die große Rede über „Die dresdner Denkart“. In diesen Arbeiten hat man den ganzen Braun: das Dialektische, Paradoxe, Dialogische. Neben den bitteren Zweifel setzt er den trotzigen Witz. „So, wie die Welt ist, kann die Literatur nicht das reine Vergnügen sein.“ Auch solche Sätze zeigen ihn in der Tradition von Bertolt Brecht.

Zu den Fundstücken des Bandes gehört der Erstdruck des Nachworts zu Larissa Reisners Reportagen, die 1982 im Mitteldeutschen Verlag herauskamen. Volker Braun hatte das Nachwort zurückgezogen, weil das Kapitel über Trotzki, den Widerpart Stalins, herausgenommen worden war.

Mit Staunen und Freude liest man seine Kamenzer Rede von 1981, als er den Lessingpreis der DDR erhält. Er riskiert auf gut „lessingsch“ Widerworte gegen die Ruhe im Lande: „Wir sind brav. Wir sind arbeitswillig. Wir sind staatstreu.“ Er fordert Polemik, Kritik der Halbheiten und Aufklärung.

Das korrupte Auge der Parlamente

In gewisser Weise schließt sich Brauns Kamenzer „Dreinrede“ von 2018 daran an. Sie ist in voller Länge nachzulesen. Es braucht ein Denken, das sich dem herrschenden Geist entgegenstellt, sagt der Redner. Es liege auf der Hand, dass es heute nicht mehr um Ideologien oder Religionen gehe. Sondern um etwas Grundsätzlicheres, um „die sozialen Bedingungen des Menschseins“, um die größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich. Die „Eigentumsverhältnisse sind der blinde Fleck unserer Demokratiedebatten, das korrupte Auge der Parlamente“.

Die Sorge vor Armut, Alter und sozialen Verlusten befördere und bewirke bei vielen Menschen die „Neigung zu einer dumpfen Wut“, sagt Braun in der „Dreinrede“.

Volker Braun kann nicht in die Zukunft schauen, er hat keine Lösungen zu bieten. Das ist nicht seine Schreibstrategie. Die Gegenwart erkennen, „unerbittlich das Ungewisse zeigen“, das Denken ins Freie bringen, das ist seine Aufgabe. Und die macht er verdammt gut.

Volker Braun: Handstreiche. 112 Seiten, 18 Euro // Verlagerung des geheimen Punkts. Schriften und Reden. 320 S., 28 Euro, beide Suhrkamp Verlag


Das Eigentum / Von Volker Braun (1990)

Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen.

KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN.

Ich selber habe ihm den Tritt versetzt.

Es wirft sich weg und seine magre Zierde.

Dem Winter folgt der Sommer der Begierde.

Und ich kann bleiben wo der Pfeffer wächst.

Und unverständlich wird mein ganzer Text

Was ich niemals besaß wird mir entrissen.

Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen.

Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle.

Mein Eigentum, jetzt habt ihrs auf der Kralle.

Wann sag ich wieder mein und meine alle.


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