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Dresdens unbekannte Carolabrücke

Die Brücke auf der Stauffenbergallee bekommt den Namen wegen der größeren Schwester nicht zurück. Ingenieure vollbrachten beim Bau 1876 Meisterleistungen.

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Von Peter Hilbert

Von Kindesbeinen an kennt Holger Kalbe die Sandsteinbogenbrücke, die auf der heutigen Stauffenbergallee den Prießnitzgrund überspannt. Der Brückenfachmann wohnte mit seinen Eltern ganz in der Nähe. „Wenn die Russenpanzer drüberfuhren, haben bei uns im Schrank die Gläser gewackelt“, berichtet er. War die Schranktür gar nur angelehnt, kam es damals schon vor, dass Gläser rausfielen und zersprangen. Schließlich hatte die 1876 fertiggestellte Brücke nach über 100 Jahren schon erhebliche Schäden, wie Kalbe heute weiß. Als Sachgebietsleiter Brückenplanung und Bausteuerung im Tiefbauamt hat sich der 42-Jährige intensiv mit dem Bauwerk befasst. Bei der Sanierung hatte er die Arbeiten zwischen 2001 und 2003 mit überwacht. Das Bauwerk war im Zuge der Heerstraße in der Albertstadt gebaut worden, die im östlichen Teil Carolaallee hieß. Folgerichtig wurde die Brücke ebenfalls nach der sächsischen Königin benannt. Ihren Namen trug auch die 1895 fertiggestellte Königin-Carola-Brücke über die Elbe, die später als Dr.-Rudolf-Friedrichs-Brücke neu gebaut wurde. 1991 benannte die Stadt sie in Carolabrücke um. Die Albertstadt war Jahrzehnte zuvor Ortsteil Dresdens geworden. Namensdoppelungen sollen ausgeschlossen werden. Deswegen konnte die Prießnitzbrücke nicht wieder nach Carola benannt werden.

Sachgebietsleiter Holger Kalbe vor der Prießnitzbrücke. Bei der Sanierung hatte der 42-Jährige die Arbeiten überwacht.Brückenbau für die Paradestraße
Sachgebietsleiter Holger Kalbe vor der Prießnitzbrücke. Bei der Sanierung hatte der 42-Jährige die Arbeiten überwacht.Brückenbau für die Paradestraße

„Zu ihrer Bauzeit war sie eine ingenieurtechnische Meisterleistung“, sagt Kalbe. Die Brücke mit drei sehr flachen Sandsteinbögen sei eine gewagte Konstruktion gewesen. Die sogenannten Widerlager an beiden Enden mussten große seitliche Kräfte aufnehmen. Deshalb hatten die Ingenieure noch Gewölbe hinter diesen Lagern gebaut, die tief in die seitlichen Böschungen hineinreichen. Beim Bau wurden die Hänge mit einem Kalk-Sand-Gemisch stabilisiert, um einen sicheren Halt zu geben. Doch über 100 Jahre nach der Übergabe war der Kalk ausgespült, die Böschung abgesackt.

Das führte zu starken Rissen in der Brücke, die bis zu acht Zentimeter breit waren, beschreibt Kalbe den Zustand in den 1990er-Jahren. Zuvor waren lediglich in den 1930er-Jahren die Fahrbahnplatte und 1973/74 die Dichtung erneuert worden. Zudem mussten die massiven Sandsteinbrüstungen Metallgeländern weichen. Die schweren russischen Panzer hatten der maroden Brücke noch kräftig zugesetzt. Die umfassende Sanierung war dringend nötig.

Infos zur Brücke über den Prießnitzgrund

1873 bis 1876 wurde die Brücke auf der heutigen Stauffenbergallee gebaut.

Das Bauwerk steht auf zwei Pfeilern und ragt 23 Meter über dem Prießnitzgrund empor.

Auf 82 Metern Länge überspannt die Brücke das Tal.

Zwischen 2001 und 2003 wurde de facto eine neue Stahlbetonbrücke auf der Sandsteinkonstruktion gebaut.

Der neue Überbau ist mit 21 Metern 2,70 Meter breiter als der alte. (SZ/phi)

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Als geplanter Teil der Zufahrt zur Waldschlößchenbrücke konnte das Bauwerk als erster Abschnitt des Großprojekts zügig erneuert werden. Die alte Konstruktion war so kaputt, dass eine Art neue Brücke auf der alten gebaut wurde, erklärt Kalbe das Vorgehen. Dafür errichteten die Bauleute an den Seiten neue Widerlager, die auf 20 Meter tiefen Bohrpfählen liegen. Vier 1,60 Meter hohe Stahlbetonbalken sind das Herzstück der Fahrbahnplatte.

Doch bei einem so alten Bauwerk gab es viele Unsicherheiten. Das bekamen die Bauleute im September 2001 zu spüren. Mit einem Bohrer sollte es am Brückenanschluss tief hinabgehen, um ein Loch für einen Verbauträger herzustellen. „Plötzlich schoss ein 30 Meter hoher Geysir aus der Erde“, erinnert sich Kalbe. Der Bohrer habe eine Drewag-Fernwärmeleitung erwischt, die in keinem Plan verzeichnet war. Schnell musste der Bereich gesperrt werden.

Zudem gab es Streit mit der Baufirma. Denn deren Fachleute hatten kein Vertrauen mehr in die alten Sandsteingewölbe der Brücke. Sie zweifelten daran, dass diese beim Abbruch der Fahrbahnplatte halten und nicht einstürzen. „Unsere Ingenieure hatten aber berechnet, dass es funktioniert“, sagt der Brückenfachmann. Lange wurde darüber diskutiert. Deshalb hatte sich die Bauzeit von zweieinhalb auf drei Jahre verlängert. Und Kalbe und seine Kollegen behielten recht. „Wir sind froh, dass sich damit die Theorie in der Praxis bestätigt hat“, sagt er. Ende 2003 konnte die nunmehr vierspurige Brücke auf der Stauffenbergallee übergeben werden.