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Wie gefährlich ist diese Pflanze?

Das Drüsige Springkraut wuchert die Flussläufe zu. Die Behörden schauen mit Argwohn auf die Invasion, doch einen Plan gibt es nicht.

Die kräftigen rosa Blüten sehen schön aus, ein Grund, weshalb das Gewächs als Zierpflanze nach Europa kam.
Die kräftigen rosa Blüten sehen schön aus, ein Grund, weshalb das Gewächs als Zierpflanze nach Europa kam. © Karl-Ludwig Oberthuer

Vor einigen Tagen beschloss Sabine Krüger, mal wieder einen Ausflug mit der Weißeritztalbahn zu unternehmen. Doch als der Zug durch den Rabenauer Grund zuckelte, war die Dresdnerin enttäuscht oder besser gesagt entsetzt: "Man sah gar kein Wasser mehr. Alles war zugewuchert. So hatte ich meinen Rabenauer Grund nicht in Erinnerung", schildert sie am Telefon. Was der Frau so negativ auffiel, ist eine Pflanze, die zwar schön blüht, aber alles andere zu verdrängen scheint: Drüsiges Springkraut. Es hat jetzt Hochsaison und breitet sich ungehindert dort aus, wo noch ein bisschen Wasser vorhanden ist. Also vor allem an Flüssen, in Feuchtgebieten und an Teichen.

Dabei ist die auch Indisches Springkraut genannte Pflanze äußerst wuchsfreudig. Sie wird gut zwei Meter hoch, ihre dicken hohlen Stängel verzweigen sich reichlich. Die Samenkapseln haben einen Schleudermechanismus, der bei Berührung ausgelöst wird. Dazu reicht schon ein Regentropfen, die Kapsel springt auf und wirft die Samen bis zu sieben Meter weit. Eine Pflanze kann bis zu 4.300 Samen produzieren. Sie landen auf dem Boden und können dort mehrere Jahre überleben. 

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Drüsiges Springkraut wuchert die Rote Weißeritz im Rabenauer Grund zu.
Drüsiges Springkraut wuchert die Rote Weißeritz im Rabenauer Grund zu. © Karl-Ludwig Oberthür

Pflanze profitiert von Umweltverschmutzung

Impatiens glandulifera, so der offizielle botanische Name des Gewächses, profitiert von den Umweltsünden der Europäer. Es kann in unserer Region so gut gedeihen, weil die Gewässer viele Nährstoffe mit sich führen. "Diese Nährstoffe stammen aus diffusen Einträgen der Landwirtschaft, Ausschwemmungen von Düngemitteln, aus Kläranlagen und aus der Atmosphäre - durch Abgase sowie die Verbrennung fossiler Energieträger", zählt Birgit Hertzog, Leiterin des Umweltamtes des Landkreises auf. Lediglich an unbeeinflussten, nährstoffarmen Gewässern tut sich das Springkraut schwer, doch solche gibt es in der Region kaum noch.

Einmal angesiedelt, kann das Springkraut ganze Lebensräume beeinflussen, unter anderem auch verschiedene Auenwälder. Deshalb wird es von den Naturschützern durchaus mit Argwohn beobachtet: Das Springkraut gilt als invasive Art, als Neophyt, der sich ungehemmt breitmacht. Noch ist seine Ausbreitung nicht besorgniserregend, sagen zumindest die Förster. "Im Wald ist das Springkraut derzeit nicht das große Problem", erklärt Sven Irrgang, Leiter des Forstbezirks Bärenfels. Nur dort, wo zu wenig Bäume wachsen, macht es sich breit. Eine Bekämpfung wäre allerdings viel zu aufwendig, sagt Irrgang. "Die einzige Chance, die wir haben, sind die Bäume. Im Schatten wächst das Springkraut nicht so gut." Viele hohe, schattenspendende Bäume - wenig Springkraut, so das Kalkül der Förster.

So viel Zeit haben die Hochwasserschützer nicht. Denn das Springkraut kann unangenehme Nebenwirkungen haben. "Durch Verdrängung des natürlichen Bewuchses können die Gewässerböschungen Schaden nehmen. Da das Kraut ein Flachwurzler ist, können Gewässersohlen und Böschungen bei hohen Fließgeschwindigkeiten quasi aufgerollt werden", erklärt Katrin Schöne, Pressesprecherin der Landestalsperrenverwaltung (LTV). Die Neophyten engen zudem den Fließquerschnitt ein und schädigen mitunter aufgrund ihres Wurzelwachstums sogar Ufermauern und mit Steinsätzen befestigte Böschungen.

Bekämpfung ist Handarbeit

Dagegen hilft nur die Motorsense oder jäten. Zumindest in Ortslagen, wo man bei eventuellen Hochwassern keine Staus im Fluss riskieren möchte, bekämpft die LTV das Springkraut. Weil mit schwerer Technik oft kein Herankommen ist, muss es aufwendig händisch beseitigt werden - und zwar vor dem Aussamen. Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge betrifft das insbesondere Abschnitte an der Roten Weißeritz, der Wilden Weißeritz, der Müglitz, Seidewitz, Gottleuba und dem Lockwitzbach. Für den Zeitraum 2019/2020 kamen so Kosten von rund 70.000 Euro zustande.  

Den Naturschützern kann das Vorgehen der Landestalsperrenverwaltung nur recht sein. Das Drüsige Springkraut ist ein Eindringling, der im 19. Jahrhundert aufgrund seiner attraktiven Blüten nach Europa kam. Inzwischen aber nervt das Kraut. Zwar riecht es intensiv und lockt damit Bienen, Hummeln und viele andere Insekten an. Es bietet ein Nektarangebot bis zum ersten Nachtfrost. Aber das war es auch schon mit der positiven Wirkung. 

Denn das Springkraut verdrängt seltene einheimische Pflanzen und Tierarten. Gefährdet seien vor allem Sümpfe, Riede, Röhrichte, Auenwälder, Erlenbruchwälder und Weidenbrüche, zählt Umweltamts-Chefin Hertzog auf. Doch der Aufwand, das Springkraut zu eliminieren, ist hoch. Ohne ehrenamtliche Arbeit ist da kaum etwas zu machen. So beseitigen zum Beispiel Naturschutzhelfer aus Freital jährlich Springkraut auf dem Flächennaturdenkmal „Herrenwiese“ im Tharandter Wald. Auch in der Gemeinde Bannewitz gibt es eine Gruppe Freiwilliger, die mit Unterstützung der Gemeinde dem Springkraut Zuleibe rückt.

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Helfen dürfte das nur bedingt. Dort, wo das Springkraut inzwischen alle anderen Pflanzen verdrängt hat, haben Forscher bis zu 32.000 Samenkapseln verschiedener Generationen gezählt - pro Quadratmeter. 

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