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Durchatmen im Dom der Tropfen

Der Marie-Louise-Stolln in Berggießhübel ist ein Reinraum unter Tage. Asthmatiker und Allergiker suchen hier Linderung.

© Norbert Millauer

Von Jörg Stock

Hier tropft was. Es ist kein inkontinenter Wasserhahn, der lethargisch vor sich hin leckt. Hier tropft es ganz lustig und verspielt, so, als wäre ein munterer Tropfenschwatz im Gange: Troptrip? Triptrop. Dropeditrip? Dripedidrop! Dripedidrapedidrop. Hier tropft der Berg. Und was will er mir sagen? Vermutlich dieses: Halt endlich mal die Klappe, leg das Notizbuch und den Kuli weg und entspann Dich. Und vor allem: Hol tieeef Luft!

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Ich liege im Ruhestolln. Über mir sind annähernd fünfundfünfzig Meter Gestein und Erde und obendrauf noch die Häuser von Berggießhübel. Ruhestolln. Das klingt ein bisschen nach Bestattung. Tatsächlich ist hier schon so mancher friedlich eingeschlafen, aber spätestens nach einer Stunde wieder aufgewacht. Manchmal, so erzählt mir mein Begleiter Norbert Schossig, macht es richtig Mühe, die eingenickten, gelegentlich schnarchenden Gäste munter zu kriegen. Die sind dann ganz verdattert, sagt er, und grinst süffisant unter seinem weißen Bergmannshelm.

Pirnisch Eisen für den Eiffel-Turm

Norbert Schossig, 56, ist von Haus aus Maschinenschlosser. Doch die acht Jahre, die er nun schon im Besucherbergwerk „Marie-Louise-Stolln“ arbeitet, haben ihn zum Bergmann gemacht. Mit kernigem „Glückauf!“ hat mich Schossig zum Einfahren abgeholt. Der Ruhestolln ist nur ein Teil des Bergwerks, jedoch sein wichtigster. Es handelt sich um ein ehemals enormes Erzlager, das Mutter-Gottes-Lager. Bis 1892 wurde dort Eisenerz abgebaut. Der Erzgehalt der Lagerstätte war so hoch, dass an ihren Resten noch heute Magnete klebenbleiben. Das „Pirnisch Eisen“ steckt zum Beispiel im Blauen Wunder von Dresden und, so heißt es, auch im Pariser Eiffelturm.

Ich bin hier wegen der heilsamen Kräfte des Marie-Louise-Stollns. Die Kurgesellschaft Bad Gottleuba-Berggießhübel wirbt damit, dass die Bergwerksluft Patienten mit Atemwegserkrankungen und Allergien gut tut. Den Titel „Heilstolln“ führt die Anlage aber nicht. Das Prädikat würde zu viel Geld kosten, sagt die Chefin der Kurgesellschaft, Britt Reuter-Bracklow. Sie findet das Wort „Heilstolln“ ohnedies verkehrt. Der Stollen kann Krankheiten nicht heilen, sagt sie, wohl aber die Beschwerden für eine gewisse Zeit lindern. Ihre Stammgäste, darunter Asthmatiker, berichten, dass im Bergwerk die Beklemmung in den Lungen schwindet, dass man freier atmen kann.

Norbert Schossig, der Bergwerksführer, hört das auch oft. Die befreiende Wirkung tritt bei gewöhnlichen Rundgängen genauso auf wie beim Liegen, sagt er, vielleicht sogar noch schneller, weil man ja in Bewegung ist. Selbst eingefleischte Raucher geben zu, dass es luftig wird im Brustkorb, wenn sie mit Schossig unter Tage spazieren gehen. Nur vergessen sie das meist, sobald sie wieder ans Licht treten, und stecken sich alsbald die nächste Zigarette an.

Zum Ruhestolln läuft man ein gutes Stück. Etwa vierhundert Meter sind es, die im Dämmerschein der Lampen ziemlich lang werden. Den Betreibern passt das gut ins Konzept. Auf diese Weise gewinnt der Gast automatisch Abstand von der hektischen Außenwelt. Der Gang windet sich wie ein Reptil, mal nach links, mal nach rechts, wird bald weit, bald eng. Wer jetzt schon träumt, stößt sich leicht die Schulter, oder der Berggeist klopft ihm von der tiefen Firste her an den Kopf. Mit gutem Recht gilt Helmpflicht.

Die Luft hier drin ist kühl und feucht, wie frisch gespült. Man glaubt, in einem Wald zu stehen, in dem es gerade geregnet hat. Norbert Schossig zeigt auf einige Messinstrumente, die an der Stollenwand installiert sind: 10 Grad Celsius und 88 Prozent Luftfeuchte. Wenn es draußen noch wärmer wird, steigt der Feuchtigkeitsgehalt auf bis zu einhundert Prozent, sagt er.

Die ganzjährig konstante Kühle und die hohe Luftfeuchte bewirken, dass im Bergwerk fast kein Staub herumschwebt. Es gibt nur etwa ein Viertel so viel Feinstaub wie draußen. Partikel, die beim natürlichen Luftaustausch in das Stollensystem eindringen, werden gebunden und praktisch ausgewaschen. So haben auch Pollen, die den Allergikern über Tage das Leben schwermachen, hier drin keine Chance.

Das Mutter-Gottes-Lager. Wo früher das Erz stand, ist ein terrassierter Felsendom über einen türkisfarbenen, glasklaren See gespannt. Ans Ufer dieses Sees bringt mir Norbert Schossig die Liege. Es ist eine von der Art, wie man sie nach dem Saunagang nackt mit Handtuch benutzt. Jetzt ziehe ich bloß die Schuhe aus und steige mit voller Montur in den Schlafsack. Herr Schossig hilft mit dem Reißverschluss. Dann wippt er mich rückwärts. Ich bin in Ruhestellung.

Hier liege ich nun, wohlig eingewickelt, wie ein Insekt, das sich verpuppt hat. Über mir nichts als Fels. Ich habe Zeit, jede seiner uralten Rippen zu betrachten, die Risse, an denen Kalk bizarre Grate formt, die Tropfnase eines Stalaktiten, die schon wer weiß wie lange läuft, und dabei immer länger wird. Ich schöpfe Atem. In meiner Lunge tut sich irgendwas. Was genau, das weiß ich noch nicht.

Herr Schossig bietet etwas Wellnessdudelei an, der Form halber. Er weiß, die meisten Leute verzichten darauf. So auch ich. Ich will lieber den Tropfen lauschen. Und wenn ich nicht aufpasse, werden sie auch mich in den Schlaf säuseln.

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