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Ein Dynamo-Held und das schwerste Spiel seines Lebens

Dynamo schafft vor 25 Jahren sensationell den Bundesliga-Klassenerhalt. Noch turbulenter ist für Markus Kranz die Zeit danach. Er kämpft gegen den Krebs.

Für diesen Zweikampf hätten Martin Brown vom SC Freiburg (l.) und Dynamos Markus Kranz sicher auch in der Sportakrobatik gute Noten bekommen.
Für diesen Zweikampf hätten Martin Brown vom SC Freiburg (l.) und Dynamos Markus Kranz sicher auch in der Sportakrobatik gute Noten bekommen. © Archivfoto: imago

Wenn Markus Kranz von seinem ersten Jahr bei Dynamo erzählt, gerät er ins Schwärmen. „Dresden ist für mich die schönste Stadt Deutschlands. Ich bin auch nach meiner Zeit als Fußballer immer mal wieder dorthin zurückgekehrt.“ Der vierfache Vater, der nie verheiratet war, wohnte in einem der „Otto-Häuser“ in Dresden-Weißig, verliebte sich in eine Dresdnerin und fühlte sich in der Mannschaft pudelwohl. „Es war ein unglaublicher Zusammenhalt.  Ich spüre es noch heute, wie wir in den Katakomben in den alten Kabinen saßen und uns vor den Spielen einschworen. Das war ein einzigartiges Flair, hatte fast schon etwas Magisches.“

Sein erstes Bundesliga-Tor für die Schwarz-Gelben erzielte Kranz am 2. Oktober 1993 beim 3:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern, mit dem er Anfang der 1990er-Jahre Meister und Pokalsieger geworden war. Mit Bayer Uerdingen war er dagegen abgestiegen. Dynamo bot ihm die Chance, erstklassig zu bleiben. „Ich war immer ein Fußball-Arbeiter. Das haben auch die Fans in Dresden honoriert.“ Bedenken, in den Osten zu gehen, hatte er vor 26 Jahren nicht. „Wegen des Punktabzuges wurden wir zwar als erster Absteiger gehandelt, aber wir haben ein super Jahr hingelegt.“

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Wechsel nach Bochum platzt

Dagegen war die nächste Saison für ihn geprägt von Verletzungen und menschlichen Enttäuschungen. „Ich hatte bei Dynamo einen Vertrag, der auch für die zweite Liga galt, aber 1860 München wollte mich verpflichten“, erzählt Kranz. „Präsident Otto schraubte die Ablöse dann so hoch, dass die Löwen Abstand nahmen. Danach gab es ein Angebot aus Bochum.“ Inzwischen war abzusehen, dass Dynamo nach dem sportlichen Abstieg 1995 keine Lizenz bekommen würde. VfL-Trainer Klaus Toppmöller wollte den Mittelfeldspieler unbedingt verpflichten. Bochum war bereit, eine Ablösesumme zu bezahlen. Was sich danach abspielte, ist mit etwas Abstand kaum zu glauben. „Manager Klaus Hilpert rief mich dann an und meinte, Bochum könne das Geld aber nur in zwei Raten überweisen“, erzählt Kranz. „Dynamo willigte ein, mit der Bedingung, für die zweite Rate Zinsen zu kassieren - ein normaler Vorgang. Aber als alles in trockenen Tüchern zu sein schien, machte der Verein einen Rückzieher und wollte die komplette Ablöse sofort. Bochum lehnte ab, und ich stand im Regen.“

Vier Wochen später startete Dynamo in der Regionalliga unter Trainer Hans-Jürgen Kreische. Neben Thomas Hoßmang und Nikica Maglica stand auch Kranz im Kader. „Ich hatte einen Amateurvertrag unterschrieben, war bis zum elften Spieltag dabei. Nach einer 0:1-Niederlage zu Hause gegen Hertha Zehlendorf stempelte mich Kreische in einem Interview praktisch zum alleinigen Sündenbock. Das ließ ich mir nicht gefallen, setzte mich verbal zur Wehr und wurde suspendiert.“ Doch diesmal hatte er Glück. Der SC Fortuna Köln nahm den inzwischen 27-Jährigen unter Vertrag. „Da ich Amateur war, konnte ich sofort wechseln und wurde wieder Profi.“

Nach der Karriere machte er den Trainerschein und ließ sich zum Physiotherapeuten ausbilden. Ab Juli 2007 wirkte Kranz für ein Jahr neben Ingo Anderbrügge als Co-Trainer bei Wacker Burghausen. Innerhalb weniger Monate lernte Kranz sofort alle Facetten dieses Berufs kennen. „Wir waren mit dem Ziel in die Saison gegangen, uns mit Wacker für die neugegründete 3. Liga zu qualifizieren. Doch dann gab es dieses für Burghausen legendäre Pokalspiel gegen die Bayern.“

Markus Kranz im November 1995 mit dem früheren Dynamo-Präsidenten Wolf-Rüdiger Ziegenbalg (r.).
Markus Kranz im November 1995 mit dem früheren Dynamo-Präsidenten Wolf-Rüdiger Ziegenbalg (r.). © Archivfoto: Wolfgang Wittchen

Die Münchner setzten sich damals erst nach Elfmeterschießen mit 4:3 durch. Miroslav Klose hatte mit seinem Ausgleichstor dem Rekordmeister die Verlängerung gerettet und Oliver Kahn mit zwei gehaltenen Elfmetern das Weiterkommen gesichert. „Unser damaliger Manager nahm diese 120 Pokalminuten zum Anlass, das Saisonziel nach oben zu schrauben. Plötzlich sollten wir den Direktaufstieg in die zweite Liga realisieren. Zur Winterpause lagen wir auf Drittligakurs, und Ingo wurde prompt beurlaubt.“ Kranz blieb sozusagen als dritter Mann bis Saisonende.

Danach suchte er seine passende Aufgabe, trainierte zwei Jahre lang den Rheinlandligisten SG Auw/Stadtkyll, arbeitete als Trainer bei verschiedenen Fußballcamps mit, entschied sich aber 2014 zu einer Umschulung zum Einzelhandelskaufmann. „Ich wollte diesen Job, aber dann gewann doch wieder der Fußball die Oberhand.“ Er bekam eine Festanstellung in einer Fußballschule, ehe 2018 eine Krebs-Diagnose sein Leben von heute auf morgen auf den Kopf stellte. „Mir wurde gekündigt, aber im Vordergrund stand natürlich erst einmal meine Gesundheit.“

Bis April lief die Chemotherapie

Der einstige Kämpfer auf dem Fußballplatz musste sich einer neuen, viel größeren Herausforderung stellen. Die Diagnose: Darmkrebs. Bis zum April 2019 lief die Chemotherapie. Er geht offen damit um, möchte aber nach vorn blicken. Die Krankheit war für ihn das Signal, einen neuen Weg einzuschlagen. Er zog nach Hamburg, heuerte beim Oberligisten Concordia als Liga-Manager an und gründete zusammen mit einem Freund eine Fußballschule. Der Name „Fußball-Monster“ ist Programm. „Wir wollen den Verein nicht ersetzen und sehen uns als Ergänzung zu den dort bestehenden Angeboten“, sagt Kranz. „Aber es gibt ja auch Kinder, die sich einfach nur austoben und Spaß haben möchten, ohne dass ihnen ein Trainer sagt, ob sie Verteidiger oder Torwart sind oder vielleicht bei einem Spiel nur auf der Bank sitzen.“

Der ehemalige Profi und einstige Olympia-Auswahlspieler weiß, wie dankbar Kinder sind für solche Erlebnisse. Seine größten Erfolge hatte Kranz unter Kulttrainer Karl-Heinz Feldkamp mit Kaiserslautern geholt: 1990 der Pokalsieg durch ein 3:2 im Finale gegen Werder Bremen, 1991 die Meisterschaft. Drei Punkte Vorsprung hatte Kaiserslautern am Ende vor Bayern München, aber die Entscheidung fiel erst am letzten Spieltag, weil der FCK zuvor zu Hause mit 2:3 gegen Mönchengladbach verloren hatte. „In Köln haben wir dann aber mit einem 6:2 den Titel perfekt gemacht.“ Zur Erinnerung erhielt jeder vom Verein eine teure Armbanduhr mit Gravur.

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Seine zwei Jahre bei Dynamo vergisst er nicht, auch wenn er zu den einstigen Mitspielern nur selten Kontakt hat. Ralf Minge war später Taufpate seiner ersten Tochter. „Es war eine turbulente, größtenteils aber wirklich sehr, sehr schöne Zeit in Dresden.“ Mit einem bitteren Ende.

Nächste Folge: Wie Torwart Stanislaw Tschertschessow zufällig zu Dynamo kam.

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