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Wie ein einstiger Bayern-Star zu Dynamo kam

Johnny Ekström startet in Dresden furios, aber nicht nur seine Hoffnungen erfüllen sich nicht. In der Serie "Dynamos vergessene Helden" blickt er zurück.

Johnny Ekström (l.) erzielt beim 1:1 im Heimspiel gegen den Karlsruher SC im November 1994 seinen vierten von sieben Treffern für Dynamo. Doch auch der Torjäger aus Schweden kann den Abstieg nicht verhindern.
Johnny Ekström (l.) erzielt beim 1:1 im Heimspiel gegen den Karlsruher SC im November 1994 seinen vierten von sieben Treffern für Dynamo. Doch auch der Torjäger aus Schweden kann den Abstieg nicht verhindern. © Wolfgang Wittchen

Dresden. Turbulent ist es bei Dynamo immer, sportlich geht es rauf und runter, aber diese Zeit war eine besonders spannende: Von 1992 bis 1995 spielten die Schwarz-Gelben in der Bundesliga. Wie wertvoll das war, zeigt sich erst im Rückblick, denn seit dem Zwangsabstieg und Lizenzentzug ist Dresden im Fußball bestenfalls zweitklassig. Die Helden von damals sind jedoch fast in Vergessenheit geraten. Deshalb gibt es jetzt ein Buch, in dem ihre Geschichten in 55 Porträts erzählt werden, dazu kommen die Trainer von damals zu Wort.

Die SZ bringt in einer Serie einige Auszüge aus der Saison 1994/95, in der Dynamo den Klassenerhalt sportlich verpasste und wirtschaftlich in heftige Turbulenzen geriet. Es war auch das Jahr, in dem einige etwas „schräge“ Typen nach Dresden kamen – wie Johnny Ekström.

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Gleich bei seinem Debüt für Dynamo scheint er alle hochgesteckten Erwartungen zu erfüllen. Gerade mal 180 Sekunden braucht der Schwede für sein erstes Tor im schwarz-gelben Trikot. Es ist das 1:0 für die Dresdner im Heimspiel gegen Werder Bremen am 20. August 1994 – ein vielversprechender Auftakt zu einer Saison, die desaströs enden sollte. Doch das ahnt an diesem Tag keiner der 20.200 Zuschauer, auch wenn Marco Bode noch vor dem Pausenpfiff für den 1:1-Endstand sorgt.

Johnny Ekström schaffte es, sich über Dynamo wieder für die schwedische Nationalmannschaft zu empfehlen, aber für die Europameisterschaft 1996 wurde der Stürmer nicht nominiert.
Johnny Ekström schaffte es, sich über Dynamo wieder für die schwedische Nationalmannschaft zu empfehlen, aber für die Europameisterschaft 1996 wurde der Stürmer nicht nominiert. © Wolfgang Wittchen

Die Verpflichtung des „Weltenbummlers“ Ekström, 1989 mit dem FC Bayern München Meister geworden, war ohne Zweifel ein Paukenschlag. Seine Schnelligkeit brachte ihm im Laufe seiner Karriere solche Spitznamen wie „Kallebäck-Express“, „Johnny in Eile“ oder auch „Zyklon“ ein. Fast schon legendär war seine Akribie. Rainer Nikol, von 1978 bis 2013 bei Dynamo als Busfahrer, Zeugwart und Greenkeeper, erinnerte sich später: „Ja, der Johnny war ein ganz großer Experte. An seinem Platz musste alles seine Ordnung haben, bis zu den Schnürsenkeln.“

Tochter Jessica in Dresden geboren

An die Zeit in Dresden erinnert sich Ekström gern, „auch weil meine Tochter dort Deutsch gelernt hat“, wie er erzählt. Zusammen mit Ehefrau Marinella, die er in Empoli kennengelernt hatte, und Töchterchen Jessica war er an die Elbe gezogen. Sohn Dennis wurde später geboren. Bei Dynamo, immerhin schon seine achte Station als Profi, fühlte sich der 1,2 Millionen Mark teure Neuzugang von Beginn an wohl, zumal es sportlich anfangs rund lief.

Noch vor dem Saisonstart demonstrierte der 1,88 Meter große Torjäger seine Klasse, traf in der Intertoto-Runde gegen Odense doppelt. „Er hat im Konterspiel die Nerven behalten, genau das erwarten wir von ihm“, freute sich Ralf Minge danach. Und Ekström hatte noch etwas vor. „Ich will beweisen, dass ich ins schwedische Nationalteam gehöre“, kündigte der damals 29-Jährige offensiv an. Der Stürmer war kurz vor der WM 1994 in den USA aus dem Kader gestrichen worden, weil Auswahlcoach Tommy Svensson auf Brolin, Dahlin und Kennet Andersson setzte. „Ich will Dresden als Sprungbrett nutzen, um 1996 bei der Europameisterschaft in England dabei zu sein.“

Doch sein Vorhaben gelang nur bedingt. Zwar schaffte er die Rückkehr in die Auswahl, aber die EM-Endrunde erlebte er nur vor dem Fernseher. Im März 1995 bestritt er das letzte seiner 46 Länderspiele, traf beim 3:3 gegen Zypern auch noch einmal.
Vor seinem Bundesliga-Einstand bei Dynamo lastete viel Druck auf den Schultern von Ekström, der einst mit seiner langen, blonden Mähne auffiel, sich in Dresden aber mit einem modischen Kurzhaarschnitt präsentierte. Er sollte die Lücke schließen, die durch den Verkauf von Publikumsliebling und Torjäger Olaf Marschall an Liga-Konkurrent Kaiserslautern entstanden war. Bereits die erste Chance im Spiel gegen Bremen nutzt der „blonde Pfeil“.

Der schwergewichtige Präsident Rolf-Jürgen Otto geriet umgehend ins Schwärmen und lobte zuallererst sich selbst: „Der Ekström hat gezeigt, dass wir wieder ein gutes Händchen hatten. Der macht 15 Tore und bringt damit fast 30 Punkte.“ Die Bilanz fiel letztlich bescheidener aus, was Ekström kaum anzulasten ist.

Mit dem Pizza-Liebhaber macht Dynamo noch Kasse

In 30 Bundesliga-Partien erzielte er sieben Tore, Dynamo holte lediglich 16 Punkte und stieg als Tabellenletzter sang- und klanglos ab. Wegen des Schuldenberges in Höhe von 18 Millionen D-Mark, den der Verein unter Ottos Misswirtschaft angehäuft hatte, wurde den Dresdnern die Lizenz für die zweite Liga entzogen und sie mussten 1995/96 in der drittklassigen Regionalliga neu starten.

Somit war für den Pizza-Liebhaber Ekström nach nur einem Jahr Schluss in Sachsen, immerhin: Eintracht Frankfurt überwies 1,5 Millionen D-Mark als Ablöse für ihn, 300.000 mehr als Dynamo gezahlt hatte. Mehr als 20 Jahre blieb Ekström der einzige Schwede, der bei Dynamo kickte. Erst 2018 kam mit Linus Wahlqvist wieder ein Fußballer aus dem Königreich nach Dresden, es folgte 2019 Alexander Jeremejeff.

Ekström unterschrieb seinen ersten Profivertrag schon mit 16 bei IFK Göteborg, darin festgeschrieben war eine Siegprämie von umgerechnet 100 D-Mark. Als sein Klub 1987 den Uefa-Pokal gewann, war er in den Finalspielen gegen Dundee United (1:0, 1:1) nicht mehr mit dabei. „Ich habe nur in den ersten drei Runden mitgespielt, da ich während der Saison zum italienischen FC Empoli gewechselt war“, erzählt er. „Nach dem Cupsieg meiner Göteborger habe ich mich schon etwas geärgert, dass ich beim Triumph dann nicht mehr dabei war.“ In Dresden gab er später in einem Kicker-Interview zu: „Ich würde nicht mehr so jung ins Ausland wechseln. Das war einfach drei, vier Jahre zu früh.“

Dabei wäre Ekström schon 1986 fast beim FC Barcelona gelandet, hatte bereits einen Acht-Jahres-Vertrag unterschrieben. Allerdings hatten die cleveren Spanier eine Klausel festgeschrieben, die es ihnen ermöglichte, den Vertrag bis zum 1. Juli wieder auflösen zu können. Das passierte, weil Barcelona den englischen WM-Torschützenkönig Gary Lineker verpflichten konnte. Ekström wechselte nach Italien, bevor er 1988 zum FC Bayern kam.

Sven Geisler, Jürgen Schwarz: Dynamos vergessene Helden. Verlag DDV-Edition. 192 Seiten, 22,90 €. ISBN: 978-3-943444-88-9. Bestellung auch online: www.ddv-lokal.de
Sven Geisler, Jürgen Schwarz: Dynamos vergessene Helden. Verlag DDV-Edition. 192 Seiten, 22,90 €. ISBN: 978-3-943444-88-9. Bestellung auch online: www.ddv-lokal.de © SZ

„Ich glaube, ich war mit 23 etwas zu jung für diesen großen Verein“, blickt er zurück. Trotzdem erzielte er sieben Tore in 23 Spielen für den Rekordmeister. Ein spätes Wiedersehen mit den Münchnern gab es für ihn in der Saison 1997/98. „Am Ende mit Göteborg noch mal Champions League zu spielen, war ein schöner Abschluss.“ Im letzten Gruppenspiel gewannen die Schweden bei den Bayern mit 1:0.

Viele Jahre war Ekström bei einer Zeitung in Göteborg angestellt, für die er Anzeigen verkaufte. 2009 schulte er um, betreut heute Immobilien in der Nähe von Eriksberg. Von seinem Wettkampfgewicht ist er nicht weit entfernt. Schließlich fährt er unabhängig vom Wetter mit dem Fahrrad die rund 13 Kilometer vom Villenviertel bis nach Hause. Und nicht selten, legt er auf dem Heimweg einen Zwischenstopp im Fitnessstudio ein.

(Gekürzte Fassung aus dem Buch: Dynamos vergessene Helden.)

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