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Der Italiener, der in Dresden Heimweh hatte

Bei Dynamo ein Flop, hinterher top - die neue Serie. Heute: Vincenzo Grifo. Er erlebte bei der SGD extreme Emotionen. Inzwischen ist er Nationalspieler.

Von Sven Geisler
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Seine neue Heimat: Vincenzo Grifo fühlt sich im Stadion an der Dreisam und in Freiburg wie zu Hause. In Dresden war das für ihn schwieriger.
Seine neue Heimat: Vincenzo Grifo fühlt sich im Stadion an der Dreisam und in Freiburg wie zu Hause. In Dresden war das für ihn schwieriger. © Michael Bamberger

Die Rolle des Hoffnungsträgers, gar des Heilsbringers, war definitiv zu groß für ihn, auch wenn er sich selbst nicht so gesehen hat. „Druck kann ja auch positiv sein“, sagt er mit dem Abstand von sechs Jahren. „Man darf nur nicht so naiv sein, zu denken, ich müsste das richten.“ Das konnte er nicht, obwohl er gleich bei seinem Debüt für die Schwarz-Gelben ein raffiniertes Freistoß-Tor erzielte. Sein 1:0 reichte jedoch nicht zum Sieg beim FSV Frankfurt, Dynamo verlor mit 2:3 und spielte danach zu oft unentschieden, insgesamt 17-mal in der Saison. „Ich hätte mir auch gewünscht, sechs, sieben Tore zu machen, Dynamo bleibt drin, und ich bin der Star“, sagt Grifo. „Aber so läuft das nicht. Einer allein kann nichts erreichen, erst recht nicht mit 20. Ich habe versucht, mich ins Team zu integrieren, kam ganz gut zurecht.“

Die Vorschusslorbeeren waren berechtigt, allerdings sollte sich das erst später bestätigen. Das Potenzial für die besonderen Momente, die den Unterschied ausmachen, hatte Vincenzo Grifo zweifellos schon, als er im Januar 2014 zu Dynamo kam, ausgeliehen von der TSG Hoffenheim, für die er zwölfmal in der Bundesliga gespielt hatte. Steffen Menze, damals Sportdirektor, nannte ihn einen „absoluten Wunschspieler“, Trainer Olaf Janßen schwärmte von seiner fußballerischen Klasse. Doch die Sache hatte einen Haken, eigentlich zwei: Grifo war gerade mal 20, und die Dresdner steckten im Abstiegskampf der zweiten Liga.

Allerdings war es für den im schwäbischen Pforzheim geborenen und groß gewordenen Italiener auch die erste Station fern der Heimat, weg von der Familie, die für ihn der Lebensmittelpunkt ist. Selbstständig werden als Crashkurs. In Dresden zieht er in eine möblierte Wohnung, unweit vom Stadion, nahe an der Innenstadt. „Was heißt einsam?“, fragt er. „Ich wusste, meine Eltern können sich nicht spontan ins Auto setzen, um mich zu besuchen, dafür mussten sie zwei, drei Tage einplanen.“ Manchen Tag, räumt er jedoch ein, habe er allein verbracht, an der Playstation gespielt, und sich gewünscht, dass jemand anruft und sagt: Wir unternehmen was.

"Alle waren emotional am Boden"

Das passiert, aber eben zu selten. „Ein junger Mensch braucht ja auch ein bisschen Beschäftigung.“ Dabei findet der Neuzugang schnell Anschluss in der Mannschaft, hat mit der Franzosen-Clique kein Problem, die hinterher dafür verantwortlich gemacht wird, dass es schlecht lief. „In jedem Team bilden sich Gruppen, es können nicht 27 Leute aufeinanderhocken und alles ist Tritratrallala“, meint Grifo. „Sie waren trotz der angespannten Situation lebensfroh, auch auf dem Trainingsplatz. Das hat uns geholfen, denn sonst wäre die Stimmung total im Eimer gewesen.“

Das ist sie schließlich am letzten Spieltag, durch das 2:3 zu Hause gegen Arminia Bielefeld steigt Dynamo direkt ab, begleitet schon vor dem Anpfiff von einem Feuerwerk der Fans. Grifo ist nach einer Roten Karte gesperrt und sieht von der Tribüne, wie im K-Block das Transparent entrollt wird: „Ihr habt eine Stunde Zeit, die Stadt zu verlassen.“ Es gibt keinen Zweifel, das ist auf die Spieler gemünzt, die als Versager dastehen, unwürdig, für diesen stolzen Verein gespielt zu haben. „Heftig“ sei das gewesen, erklärt Grifo, der sonst von den Fans und der Atmosphäre schwärmt. „Es war geil, wenn sie Dy-na-mo gerufen haben. Es hat mega Spaß gemacht, in diesem Stadion zu spielen.“

Doch an diesem Tag im Mai ist Schluss mit lustig. Während sich auf den Rängen die Wut entlädt, nimmt Grifo weinende Mitspieler in den Arm, die meisten älter als er. „Das war schrecklich, alle waren emotional am Boden.“ Zu ihrer Sicherheit müssen sie im Stadion ausharren, vier Stunden lang. Ein beklemmendes Gefühl.

Sportlich wie privat jetzt angekommen

Vincenzo Grifo zeigt nach seinem Treffer gegen Bayern München - für seine Frau, seine Familie, aber auch für den SC Freiburg, bei dem er seine Stärken ausspielen kann.
Vincenzo Grifo zeigt nach seinem Treffer gegen Bayern München - für seine Frau, seine Familie, aber auch für den SC Freiburg, bei dem er seine Stärken ausspielen kann. © dpa/Patrick Seeger

Das nimmt er mit in den Urlaub zu den Großeltern nach Italien – und jede Menge Erfahrungen, von denen er auf einige gerne verzichtet hätte, im Rückblick allerdings alle zu schätzen weiß. „Ich habe mit 20 gesehen und erlebt, was viele vielleicht nie durchmachen. Dadurch bin ich als Persönlichkeit extrem gereift. Ich weiß, wie sich Misserfolg anfühlt, dass auch so etwas passieren kann“, meint Grifo.

Für ihn ging es seitdem bergauf, auch wenn er sich erneut zu einem Zweitligisten ausleihen ließ. Beim FSV Frankfurt zeigte er mit sieben Toren und zehn Vorlagen, was er drauf hat. Wie Janßen in Dresden schenkte ihm Trainer Benno Möhlmann viel Vertrauen, ließ ihn offensiv kreativ sein, das Spiel gestalten. Das Team hatte offenbar einen besseren Geist. „Wir waren viel gemeinsam unterwegs, nicht nur zu zweit, sondern zu siebent oder acht“, erzählt Grifo. Der Zusammenhalt zeigt sich auf dem Platz. „Wenn man sich wohlfühlt, ist man im Kopf frei.“

Mit Freiburg steigt er 2016 in die Bundesliga auf, markiert dabei selbst 14 Treffer und bereitet 15 vor. Über Borussia Mönchengladbach und noch mal Hoffenheim ist er seit Januar 2019 zurück im Breisgau, sportlich wie privat angekommen. „Meine Heimat wird immer Pforzheim bleiben, dort ist meine Familie, sind meine Freunde zu Hause“, sagt Grifo. „Aber hier fühlen meine Frau und ich uns sehr wohl, wenn es erfolgreich läuft, passt das umso besser.“

Für ihn läuft es nahezu perfekt, zumal er mit Christian Streich wieder einen Chefcoach hat, der dem fußballerischen Feingeist genug Raum lässt. Inzwischen ist Grifo sogar italienischer Nationalspieler. Dafür, sagt er, finde er eigentlich keine Worte. „Wenn ich darüber rede, könnte ich losheulen, so überwältigt bin ich.“ Obwohl er betont, „mega froh und dankbar“ dafür zu sein, in Deutschland aufgewachsen zu sein, ist er im Herzen Italiener.

"Dynamo hat mir unheimlich viel geholfen"

Der Vater stammt aus Sizilien, hat dort auch Fußball gespielt, die Mutter aus Apulien, Anfang der 1980er-Jahre zogen sie über die Grenze, weil es dort Arbeit gab. Das Lebensgefühl haben sie mitgenommen, den größten Unterschied beschreibt Grifo so: „Wir sind sehr emotional. Wenn wir uns unterhalten, denken die Deutschen, wir würden uns streiten. Aber das ist bei uns normales Reden.“

Die erste Einladung zur Auswahl im Herbst 2018 hat er mit den Eltern und den Brüdern Francesco (32 Jahre) und Pino (23) gefeiert wie einen WM-Sieg. „Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll: Das war eine emotionale Explosion.“ Wie soll man das Gefühl beschreiben, wenn man am Flughafen in Florenz empfangen wird in offizieller Mission mit Namensschild und Nationalwappen? Dann im Trikot der Squadra Azzurra die Nationalhymne zu hören: Il Canto degli Italiani, Brüder Italiens. „Noch in 30, 40 Jahren werde ich davon stolz erzählen.“

Wenn er dann auf seine Karriere zurückblickt, wird er den kurzen Aufenthalt in Dresden als wichtige Erfahrung einordnen. „Dieses halbe Jahr hat mir unheimlich viel geholfen, vielleicht war es menschlich – mit allem, was passiert ist – sogar die prägendste Zeit, weil ich unheimlich viel gelernt habe.“ Und so hat es Vincenzo Grifo im Fußball doch weit gebracht – wie damals vorausgesagt.

Am Mittwoch lesen Sie im nächsten Serien-Teil vom steilen Aufstieg eines Unterschätzten. Robert Andrich schaffte es zu Dynamos Drittliga-Zeiten vor vier Jahren nicht mal in den Spieltagskader, jetzt ist er Stammspieler bei Bundesligist Union Berlin. Das wundert viele - nur ihn nicht.