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Dynamo und die Stasi - so hat es Co-Trainer Scholz erlebt

Dynamos Co-Trainer Heiko Scholz erzählt von seiner Freundschaft zu Jörg Stübner und wie er einst die Stasi abwimmelte.

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Heiko Scholz (l.) spricht mit Buch-Autor Uwe Karte über Jörg Stübner.
Heiko Scholz (l.) spricht mit Buch-Autor Uwe Karte über Jörg Stübner. © Juergen Loesel, loesel-photograp

Dresden. Das Geständnis kommt überraschend. "Ich war auch IM", sagt Heiko Scholz. Und nach einer kurzen Pause klärt er grinsend auf: "Instandhaltungsmechaniker." Damit hat Dynamos Co-Trainer die Lacher auf seiner Seite, ansonsten ist es weniger lustig, sondern eher nachdenklich an dem Donnerstagabend im Stasi-Unterlagen-Archiv in Dresden. "Ein Fußballstar im Visier der Stasi" lautet das Thema der Diskussionsrunde. Es geht um den am 24. Juni 2019 im Alter von 53 Jahren verstorbenen Jörg Stübner, einen guten Freund von Scholz.

Im Interview für sächsische.de spricht er über die gemeinsame Zeit und seine eigenen Erfahrungen mit der Stasi.

Heiko Scholz, Sie waren mit Jörg Stübner an der Kinder- und Jugendsportschule in Dresden, haben gemeinsam bei Dynamo gespielt. Welche Erinnerungen haben sie an ihn?

Ach, der Stübs! Er kam aus Halle, hatte großes Heimweh. Deshalb war er ein bisschen in sich gekehrt. Aber ein richtig toller Fußballer, Mittelstürmer, und auch ein absoluter Kumpel.

Er hat sich also nicht abgekapselt?

Nein, überhaupt nicht. Er war nicht so wie ich, also zu jedem offen. Aber er hat sich diejenigen, denen er vertraute, genau ausgesucht. Ich gehörte glücklicherweise dazu, genau wie Ulf Kirsten. Einen so engen Kontakt hatte er nicht mit allen.

Ihre Wege haben sich erst getrennt, dann wieder gekreuzt. Was haben Sie mit ihm erlebt?

Ja, wir waren bis zur zehnten Klasse gemeinsam an der Sportschule und bei Dynamo. Ich wurde dann ausgemustert, weil ich zu klein war, musste eine Lehre machen. Wenn du nur auf Fußball geeicht warst, dann ist das eine schlimme Zeit. Trotzdem habe ich mich für Ulf und Jörg gefreut, dass sie mit 17, 18 Jahren bei Dynamo durchgestartet sind.

Sie mussten aber einen zweiten Anlauf nehmen...

Ich hatte das Glück, dass ich in Hagenwerder eine gute Lehrstelle als Instandhaltungsmechaniker bekommen habe und trotzdem weiter jeden Tag trainieren konnte, durfte jeden Mittag weg. Wir spielten damals in der Bezirksliga, das war ja die dritthöchste Klasse. 

Stimmt es, dass Sie eigentlich nach Riesa gehen und im Stahlwerk am Hochofen lernen sollten?

Ja, aber den Kontakt hatte sogar Dynamo vermittelt. Leider wussten sie im Riesaer Werk nicht, dass ich ein Fußballer bin, deshalb habe ich nicht die Stelle bekommen, die ich wollte. Ich sollte am Hochofen etwas machen, da bin ich abgehauen. Hinterher haben sie sich noch mal gemeldet: Wir wussten doch nicht, dass du der Fußballer bist.

Über den Umweg Chemie und Lok Leipzig sind Sie 1990 zu Dynamo zurückgekehrt - als erster Millionen-Transfer. Wie war das für Sie?

Der erste Millionen-D-Mark-Transfer war ich. Ich kam von Lok, war dort nicht der Star wie andere. In Leipzig war ich einer von vielen. Und in der Fuwo (Fußball-Fachzeitschrift im Osten/d. Red) stand auf der ersten Seite: Ist der eine Million wert? Das war doch für DDR-Verhältnisse unvorstellbar. Meine Mutter wurde beim Bäcker in Görlitz angesprochen, sie hat sich noch mehr einen Kopf gemacht, ich nicht. Aber es war natürlich schwierig. Ich komme nach Dresden und die Stars sind weg: Sammer, Kirsten, Pilz, Döschner, Trautmann. Die sind alle in den Westen. Aber ich wollte dieses Gefühl erleben, für Schwarz-Gelb zu spielen, nachdem ich vier Jahre auf dem Hartplatz am Stadion im Training rumgerutscht bin. Da hatte ich nur den einen Traum, mal für Dynamo zu spielen.

"Sie haben mich im Kabinengang aufgezogen"

Drei gute Freunde: Für das Buch "Stübner - Popstar wider Willen" von Uwe Karte haben sich Heiko Scholz, Jörg Stübner und Ulf Kirsten (v. l.) ein paar Mal in Dresden getroffen.
Drei gute Freunde: Für das Buch "Stübner - Popstar wider Willen" von Uwe Karte haben sich Heiko Scholz, Jörg Stübner und Ulf Kirsten (v. l.) ein paar Mal in Dresden getroffen. © Uwe Karte, privat

Nun standen Sie wieder mit Stübner in der Mannschaft. Wie war das Wiedersehen?

Bei unserem ersten Wiedersehen, als ich für Chemie spielte, haben sie mich ausgelacht, Jörg und Ulf. Ich hatte mir ein paar Adidas-Schuhe gekauft, nachgemachte, und ich war total stolz drauf. Die beiden hatten natürlich die echten und haben mich noch im Kabinengang aufgezogen. Wir haben 1:0 geführt, dann aber neun Stück gekriegt - und unser Torwart bekam in der Fuwo die beste Note.

Man hätte Stübner eine große Karriere zugetraut, aber anders als Sammer und Kirsten ging er nicht in die Bundesliga. Was meinen Sie, warum?

Das war komisch. Ich denke, daran ist er ein bisschen zerbrochen. Die anderen sind in den Westen gegangen, ich weiß nicht, warum er nicht die Angebote hatte. Und dann kam ich - und wir waren zwar Freunde, aber letztlich habe ich ihm seinen Platz im Mittelfeld mit streitig gemacht. Er war dann verletzt am Knöchel, zu zeitig angefangen, wieder verletzt. So fing das Dilemma an. Stübs war einer, der hundertprozentig fit sein musste. Er war unheimlich ausdauernd, griffig, zweikampfstark. Was der schon mit 17 und sogar früher geleistet hat, jede Woche dreimal gespielt mit enormer Leidenschaft. Vielleicht war er mit 24, 25 schon in einem körperlichen Loch.

Als Sie wieder in Dresden waren, wurden die Stasi-Kontakte in der Mannschaft aufgedeckt. Wie haben Sie das erlebt?

Ich habe Torsten Gütschow drei, vier Tage bei mir wohnen lassen. Als ich ihn abgeholt habe, standen fünf Busse von Fernsehsender vor der Tür, Sat.1, RTL, Pro7, der ganze Quark. Er ist durch einen Hintereingang raus. In so einer Stadt als Publikumsliebling, dann plötzlich Stasi. Für mich war das aber kein Grund, ihm Vorwürfe zu machen. Ich war nicht in Dresden, sondern in Leipzig. Dass es bei Dynamo so viele waren - da hat man schon blöde geguckt. Einer nach dem anderen wurde entlarvt, bis Schulte (Trainer Helmut Schulte/d. Red) in der Sitzung meinte: Passt auf Jungs, mir ist es egal, ich komme aus dem Westen. Aber wir wollen hier die Klasse halten. Meldet euch, wer noch dabei war, dann ist es gegessen. Ihr müsst selber damit klar kommen, ich kann nicht beurteilen, wie das war. Wir müssen Ruhe rein bringen.