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Ein Elefant fürs Glück

Nach zwei tragischen Rückschlägen schöpft der Zoo Leipzig neue Hoffnung auf eine erfolgreiche Elefantenzucht. Ein Rückkehrer soll helfen.

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© kairospress

Von Henry Berndt

Äpfel sind die Ferrero-Küsschen für Elefanten. Da kann Voi Nam einfach nicht widerstehen. Trickreich wirft Pfleger Holger Wust die Früchte immer ein Stück weiter von seinem Schützling entfernt in das Badebecken. Voi Nam lässt sich nicht lange bitten, schon zieht der Elefantenbulle geradezu elegant seine Bahnen. Zur großen Freude einer Schulklasse, die in diesem Moment die Elefantenanlage im Leipziger Zoo erreicht. Wenn es regnet, wie jetzt, gehen Elefanten besonders gern baden. Damit sie nicht nass werden. Elefanten-Logik. Eine ältere Dame fragt: „Ist das der, der zurückgekommen ist?“ Holger Wust nickt. „Zu den anderen darf er wohl noch nicht?“ Holger Wust schüttelt den Kopf. „Na ja, das werd’ ich ja im Fernsehen sehen“, sagt die Frau.

Trauer im Elefantenhaus: Mutter Hoa und die Kühe Trinh und Don Chung verabschieden sich im vergangenen März von dem toten Elefantenmädchen.
Trauer im Elefantenhaus: Mutter Hoa und die Kühe Trinh und Don Chung verabschieden sich im vergangenen März von dem toten Elefantenmädchen. © Zoo Leipzig

Seit zwölf Jahren berichtet der Mitteldeutsche Rundfunk mit seiner Zoo-Sendung „Elefant, Tiger & Co.“ aus Leipzig. Voi Nam gehört ohne Frage zu den Stars. Seine Geburt im April 2002 war der erste Zuchterfolg bei den Elefanten in Leipzig seit 1936. Und bislang auch der letzte.

Vor fünf Jahren wurde der Jungbulle zunächst nach Heidelberg abgegeben, wo er in die erste Elefanten-Junggesellen-Wohngemeinschaft Deutschlands einzog. Im Mai kam er zurück nach Leipzig. Inzwischen passt sein Name nicht mehr so ganz zu ihm. Voi Nam ist vietnamesisch für „kleiner Junge“. Bei einer Schulterhöhe von 2,70 Metern bringt er bereits vier Tonnen auf die Waage.

„Voi Nam ist toptrainiert. Er hat sich in Heidelberg zu einem schönen jungen Bullen entwickelt“, schwärmt Gerd Nötzold. Er ist als Kurator in Leipzig auch für das Zuchtprogramm der Elefanten zuständig. Diesen Job macht der 59-Jährige seit mehr als 30 Jahren.

Als er 1982 in den Zoo kam, da sah es hier noch ein wenig anders aus. Die Elefantenanlage stammte praktisch unverändert aus den 1920er-Jahren. Erst 2006 wurde das Areal umgestaltet – dann aber so richtig. Mit zehn Millionen Euro entstand eine der modernsten Elefantenanlagen der Welt.

Sie heißt Ganesha Mandir und ist einem verfallenen Tempel nachempfunden. Die insgesamt 4 600 Quadratmeter große Freianlage kann nach Belieben unterteilt werden. Sie umfasst zudem Schlammsuhlen, diverse Futterautomaten, drei Außen- und ein Innenbadebecken. Für die Besucher wurde das erste unterirdische Elefanten-Aquarium Deutschlands eingebaut, vor dem man erleben kann, wie ein tonnenschwerer Koloss fast schwerelos wirkt.

Auch die Haltung selbst läuft inzwischen ein bisschen anders. Früher wurden in Leipzig wie auch anderswo afrikanische und asiatische Elefanten zusammen präsentiert. „Damals wurde ja eher ausgestellt als gezüchtet“, sagt Nötzold. Und wenn ein Elefant starb, dann wurde einfach flugs ein neuer in Asien oder Afrika gekauft.

Heute ist das nicht mehr denkbar. Sämtliche Änderungen im Zoobestand werden über ein europäisches Zuchtprogramm geregelt. „Es gibt keinen Supermarkt für Elefanten, in dem man frei Haus bis nächste Woche sein Wunschexemplar bestellen kann“, erklärt Nötzold. Stattdessen wird jeder Zuchtversuch, jeder Neuerwerb und jeder Tausch genau abgewogen. Zweimal im Jahr trifft sich die Artenkommission zu einer Tagung.

Wechselt ein Elefant von einem Zoo in den anderen, dann ist dafür keine Ablösesumme fällig. „Geld spielt keine Rolle“, sagt der Kurator. Nur die Transportkosten müsse der neue Zoo übernehmen; die können schnell mal mehrere Tausend Euro erreichen.

So war es im Mai auch bei Voi Nam. Die Rückkehr des Eigengewächses war für den Leipziger Zoo eine Herzensangelegenheit. Das ist der Unterschied zu Zebras oder Fröschen, bei denen kaum ein Besucher das eine oder andere neue Exemplar bemerkt. Außerdem hat der „kleine Junge“ auch noch eine wertvolle Blutlinie. Er ist das bisher einzige Jungtier des Bullen Mekong, der von 1984 bis 2009 in Leipzig lebte und dessen Vater wiederum ein wilder Bulle in Vietnam war. Deswegen stellt Nötzold auch klar: „Voi Nam soll nicht nur rumstehen und für die Besucher schön aussehen. Ganz klar, wir wollen mit ihm züchten.“

Sechs Pfleger kümmern sich derzeit um acht Elefanten. Als einer von wenigen Zoos in Deutschland kann Leipzig auf der neuen Anlage zwei erwachsene Bullen halten. Als Einzelgänger bekommen sie sich allerdings gegenseitig so gut wie gar nicht zu Gesicht. Voi Nams Konkurrent im Werben um die Kühe ist der stattliche Bulle Naing Thein, der 2009 im Tausch mit Mekong aus Prag kam. Er mag nicht so schön und wohlproportioniert sein wie Voi Nam, aber an Erfahrung hat er ihm einiges voraus. 14 Kälber zeugte er bereits.

Eigentlich hätte in Leipzig längst Nummer 15 hinzukommen sollen, so war der Plan. Doch er ging nicht auf, obwohl die Elefantenkuh Hoa bereits zweimal erfolgreich von Naing Thein gedeckt worden war. Beide Anläufe endeten jedoch mit tragischen Rückschlägen. 2012 brachte Hoa ihren ersten Nachwuchs nach knapp zwei Jahren Tragezeit zur Welt. Direkt nach der Geburt griff sie den kleinen Bullen jedoch an und tötete ihn. Vor den Augen der entsetzten Pfleger.

Im März dieses Jahres dann die nächste Chance: Diesmal wurde Hoa zur Sicherheit angekettet und brachte ein Elefantenmädchen zur Welt, doch ein Happy End gab es wieder nicht. Bei der Geburt brach sich die Kleine den Oberschenkel und musste wenige Tage nach einer Operation eingeschläfert werden. Später wurde auch noch eine eingeschränkte Nierenfunktion diagnostiziert.

Aller Trauer zum Trotz bemüht sich Zooleiter Jörg Junhold, nach vorn zu schauen. „Asiatische Elefanten sind hochbedroht“, sagt er. „ Als Zoo im 21. Jahrhundert haben wir die Aufgabe, bedrohte Arten vor dem Aussterben zu bewahren.“

Jetzt ruhen die Hoffnungen auf der indischen Kuh Thura, die im vergangenen Sommer bereits trächtig aus dem Hamburger Tierpark Hagenbeck nach Leipzig wechselte, gemeinsam mit ihrer Tochter Rani. Die Geburt wird für das kommende Frühjahr erwartet.

Zu rosig aber will Nötzold sich die Zukunft auch diesmal nicht ausmalen. „Das wird nicht einfacher als bei Hoa“, sagt er. Bislang habe Thura sich nie so recht für ihre Kälber interessiert und sie nur zum Trinken in ihre Nähe gelassen. „Wenn sie dem Nachwuchs etwas antun will, dann kann man das unter Umständen nicht verhindern. Dann muss man damit leben.“ In den nächsten Wochen soll eine Strategie erarbeitet werden, die diese Situation möglichst verhindern soll.

Das Hauptproblem der bisher mäßig erfolgreichen Leipziger Elefantenzucht sind weder Ketten noch Pech. Was fehlt, ist eine gewachsene Gruppe mit festen Hierarchien. In der Natur bleibt eine Gruppe Elefantenkühe in der Regel lebenslang zusammen. Es gibt eine Leitkuh, die sagt, wo es langgeht, und einen außergewöhnlichen Zusammenhalt. Bei Geburten helfen die erfahrenen Kühe den unerfahrenen und beruhigen sie. Im Leipziger Zoo braucht man darauf nicht zu hoffen. Hier gibt es keine gewachsene soziale Gruppe, die Hierarchien wechseln ständig, und es gibt allerhand Befindlichkeiten. Thura ignoriert ihre Tochter Rani, Saida mag Rani gar nicht, Hoa ist Außenseiterin. Klingt ein bisschen nach „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Elefanten sind eben auch nur Menschen. Um halbwegs für Frieden zu sorgen, werden die Leipziger Elefanten in zwei getrennten Untergruppen gehalten: in die aus Vietnam stammenden Kühe und die Hamburger Fraktion. Ausnahme ist die kleine Rani. Die läuft an diesem Regentag nervös auf ihrer Freianlage von links nach rechts und zurück, argwöhnisch beäugt von Don Chung am anderen Ende des Geheges. Um sie vor den Attacken ihrer Tante Saida zu schützen, hatte Rani zuvor wochenlang allein gestanden. Jetzt soll sie vorsichtig und einzeln mit den vietnamesischen Kühen vertraut gemacht werden.

Nicht jeder sieht den Leipziger Zoo unter solchen Bedingungen als einen geeigneten Ort für die Zucht von Elefanten an. „Das Veterinäramt müsste hier eingreifen“, sagt Frank Albrecht von der Tierschutzorganisation Endzoo. „So wird jede neue Geburt ein neues Wagnis werden.“ Vor allem kritisiert Albrecht, dass die Leipziger Pfleger noch immer direkten Kontakt zu den Elefanten hätten. „Da kann sich keine natürliche Hierarchie aufbauen.“

Ach, wäre es doch alles so einfach wie in Hannover, Hamburg, Köln oder Rotterdam. Dort gibt es bereits harmonische Elefantenfamilien. „Dahin wollen wir auch“, sagt Kurator Nötzold. Doch das wird Zeit brauchen, eher Jahrzehnte als Jahre. Womöglich wird sogar ein kompletter Neustart nötig sein.

Jetzt aber sind erst mal kleine Schritte gefragt: Noch in diesem Jahr soll Rückkehrer Voi Nam wieder mit seinen früheren Artgenossen zusammengebracht werden und vielleicht schon bald für eigenen Nachwuchs sorgen. „In der freien Natur hätte er in seinem Alter sicher noch keine Chance“, sagt Nötzold. „Aber wer weiß.“ Spannend wird auch das Wiedersehen mit seiner Mutter Trinh. Werden sie sich erkennen? Können sie sich gut riechen? „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ geht weiter.