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Ein Land, ein Lied

Peter Knauke kämpft für eine Sachsenhymne. Soll sie zum nächsten Tag der Sachsen gesungen werden, drängt die Zeit.

Von Anna Hoben

Er erinnert sich noch genau. 1989 war es, Peter Knauke durfte nach Bayern zu einem Cousin fahren. Im Radio spielten sie dort die deutsche Hymne, die Europahymne – und die Bayernhymne. Knauke fand das toll. Er dachte sich: Schade, dass es das bei uns nicht gibt. 24 Jahre ist das jetzt her.

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Zweite Szene, vor zwei oder drei Jahren: Peter Knauke hört die Hymne von Schleswig-Holstein. Eine schönere Landeshymne hat er nie gehört. Er denkt sich: Die kriegen das hin, und wir nicht? Wir sind doch kein kleines Kleckerländchen. 2,8 Millionen Einwohner hat Schleswig-Holstein, Sachsen vier Millionen.

Knauke beginnt, Briefe zu schreiben. An den Landtagspräsidenten, den Ministerpräsidenten, an Zeitungsredaktionen und das Kuratorium für den Tag der Sachsen in Freiberg, der damals kurz bevorsteht. Zu dem Zeitpunkt weiß er nicht, dass schon viele Initiativen zum Thema Sachsenhymne ins Leere gelaufen sind.

Braucht Sachsen eine Hymne? Um das zu beantworten, beauftragte man schon Meinungsforscher. 1995 fand das Emnid-Institut heraus, dass 72 Prozent der Sachsen gegen die Einführung einer Hymne sind. 2005 stieg der Anteil sogar auf 75 Prozent. Braucht Sachsen eine Hymne? Nein, sagt Peter Knauke – aber wäre es nicht schön? Angenommen, der Bundespräsident kommt in die Landeshauptstadt, man singt die Nationalhymne. Und dann? Sachsen hat eine Verfassung, eine Fahne, ein Wappen. Was fehlt, ist ein Lied.

Von Bayern lernen...

Peter Knauke, 71 Jahre alt, promovierter Pädagoge im Ruhestand, hat Wurzeln in der Oberlausitz und im Erzgebirge, seine Familie stammt aus Dresden, aufgewachsen ist er bei Chemnitz, sein bester Freund lebt in Leipzig. Nach der Wende hat er fast die ganze Welt bereist. Jedes Mal, wenn er zurückkam, sei ihm bewusst geworden, „was man daran hat“. An der Heimat. An Deutschland. Und eben an Sachsen. Knauke liebt Sachsen. Wanderungen in der Sächsischen Schweiz, Opernaufführungen in Dresden, die Moritzburger Hengstparaden. Er schwärmt vom „wunderbaren Residenzsächsisch“, das der Mann im Bürgerbüro des Landtagspräsidenten sprach.

Seine Aufgabe ist es jetzt, sich für die Sachsenhymne einzusetzen. Und wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann lässt er so schnell nicht locker. „Wir müssen ja nicht gerade die Verfassung ändern“, sagt er. „Aber eine Hymne, die die sächsische Identität verkörpert, die müsste doch verdammt noch mal drin sein.“ Da schade es nicht, ein bisschen zu den Bayern zu schielen. Wenn er sieht, wie die ihre Heimatverbundenheit ausdrücken: „Da gibt es hier einiges, was man sich trauen könnte.“

Immerhin, die Erfolgschancen stehen besser denn je. Auf ihrem jüngsten Parteitag hat die CDU sich für eine Sachsenhymne ausgesprochen. Sie war damit einem Antrag der Jungen Union (JU) gefolgt. Ausgerechnet eine politische Jugendorganisation setzt sich für eine Hymne ein. Ausdruck eines neuen Heimatgefühls? Fühlt man sich in Zeiten der großen europäischen Krise wieder regional verwurzelter?

„Wir haben in den vergangenen Jahren so viel erreicht. Dann können wir das auch in einem Lied ausdrücken und bei entsprechenden Anlässen singen“, sagte Sebastian Fischer, JU-Mitglied und Großenhainer Landtagsabgeordneter, vor Kurzem. Bei ihren Zusammenkünften singen die Jungpolitiker seit einem knappen Jahr jedes Mal „Gott segne Sachsenland“ von Siegfried August Mahlmann, auf die Melodie der britischen Hymne, „God save the queen“.

Vergangene Woche hat Knauke sich mit Fischer getroffen, der Alte, der sich jetzt als „Trittbrettfahrer der JU“ bezeichnet, und der Jungpolitiker, sie hörten sich Musikbeispiele an und blätterten in einem Buch. Es ist nämlich nicht so, dass man es noch nie versucht hätte mit einer Hymne. Schon im Sommer 1994 hatte die Staatskanzlei einen Aufruf gestartet: „Machen Sie Vorschläge für ein Lied der Sachsen!“

Die Einsendungen übertrafen alle Erwartungen. 102 Lieder kamen zusammen. Kellner und Bäcker, Pädagogen und Rinderzuchtmeister, Lkw-Fahrer und Marketingberater, sie alle schickten Vorschläge ein. Am häufigsten wurde das „Sachsenlied“ genannt, mit dem Text von Maximilian Hallbauer und der Melodie von Ernst Julius Otto, entstanden um 1890: „Gott sei mit dir, mein Sa-ha-hachsenland“.

Die Staatskanzlei veröffentlichte die Vorschläge in einem Buch. Und dann passierte das, was Peter Knauke heute so zusammenfasst: „Viele Köche verderben den Brei.“ Die Kommission konnte sich nicht einigen. Die Sache verlief sich.

Offizielle Landeshymnen gibt es bislang in drei Bundesländern: in Bayern, Hessen und dem Saarland. Sie genießen als Staatssymbole besonderen Schutz. In den übrigen Ländern haben sich Lieder als inoffizielle Hymnen etabliert. Eine der bekanntesten Regionalhymnen, das Badnerlied, ist übrigens geklaut. Es war einmal ein Sachsenlied, heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Im Liederbuch der Staatskanzlei findet es sich auf Seite 44.

Peter Knauke wäre es am liebsten, wenn der Tag der Sachsen im September 2014 in Großenhain schon mit einer neuen Hymne gefeiert werden könnte. Dazu müssen nun zwei Fehler vermieden werden, sagt er. Der erste wäre: „Tausend kompetente Leute bilden Gremien und zerreden alles.“ Der zweite: „Es stehen wieder zu viele Lieder zur Auswahl.“ Bei ihrem Treffen haben der Abgeordnete Fischer und er sich darauf geeinigt, drei Titel vorzuschlagen.

„Gott segne Sachsenland“ wird mit dabei sein, das JU-Lied. Knaukes Favorit ist es nicht, zu oft ist die Melodie schon in verschiedenen Ländern verwendet worden, auch im Deutschen Kaiserreich. Ottos und Hallbauers Sachsenlied, „das verdient es schon wegen seiner Historie“, sagt Knauke. Obwohl man da manches ändern müsste, wenn es nach ihm ginge. Die ersten drei Strophen streichen, sodass Gott raus ist. „Das können die Bayern machen, hier gibt es nur Streit“, sagt er. Und mit der leichtfüßigen, flotten Melodie ist er auch noch nicht ganz glücklich. „Es müssen doch 5.000 Menschen mitsingen können.“

Vielleicht hat ja auch etwas anderes eine Chance. Bei seinen Recherchen ist Knauke auf ein Stück des Komponisten Hans-Peter Preu gestoßen, der an den Radebeuler Landesbühnen wirkt. „Es hat Charme“, sagt er. Vor allem hat es einen getragenen, hymnenartigen Mittelteil. Egal, wie die Entscheidung ausfallen wird, nach dem CDU-Beschluss ist für Knauke klar: „Der Ministerpräsident kann nicht mehr zurück.“