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Ein Museum für Jacob Böhme

Die Dresdner Kunstsammlungen planen eine Ausstellung über den Schuhmacher. Sie könnte auf Dauer nach Görlitz kommen.

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© Pawel Sosnowski

Von Sebastian Beutler

Ausgerechnet der Görlitzer Schuhmacher Jakob Böhme mit seiner farbigen, aber heute so schwer verständlichen Sprache soll dem Menschen Wege in die Moderne aufweisen? Ja, sagt Hartwig Fischer. Er ist Professor, Kunsthistoriker und Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Böhme „entspricht als Autodidakt einem Menschen der Gegenwart, der durch eine unüberschaubare Fülle von Information navigiert und seine eigene Welt baut“, heißt es in einem Konzept aus Fischers Haus. Das Papier ist 70 Seiten dick und skizziert eine Ausstellung über den berühmtesten Görlitzer, die Ende 2017 erstmals in Dresden gezeigt werden soll. Anschließend könnte sie über verschiedene Stationen, darunter Amsterdam und London, nach Görlitz kommen. Und auf Dauer an der Neiße verbleiben. Wenn, ja wenn der Bund das Projekt ebenfalls gutheißt und es entsprechend fördert. Die Entscheidung fällt in nächster Zeit.

In Görlitz und vor allem in Dresden sind die Beteiligten optimistisch, dass das der Fall sein wird. „Wir sind zuversichtlich, aber die Gelder sind noch nicht definitiv zugesprochen“, bleibt Fischer vorsichtig. Der Görlitzer Bürgermeister Michael Wieler sprach jüngst im Rathaus davon, dass ein solches Böhme-Museum in Görlitz realistisch sein. Er selbst würde dafür das geplante gläserne Hallenhaus hinter dem Rathaus als Ort favorisieren. Für Wieler sind Böhme und die Hallenhäuser der Görlitzer Beitrag zum Welterbe der Unesco. Andere wie beispielsweise der Görlitzer Bundestagsabgeordnete Michael Kretschmer denken eher an die Waage auf dem Untermarkt, die zwar in städtischem Besitz ist, aber für die das Rathaus keine Verwendung im Moment hat. Kretschmer wie Wieler sind die Görlitzer Väter der jetzt konzipierten Böhme-Ausstellung. Sie knüpfen mit den Staatlichen Kunstsammlungen an die Zusammenarbeit bei der 3. Sächsischen Landesausstellung über die Via Regia im Görlitzer Kaisertrutz an.

Eine Ausstellung und ein Museum über Böhme stehen immer vor einer Herausforderung: Es gibt außer den Schriften des Theosophen nur wenig Überliefertes von ihm und aus seiner Zeit. Seine Wohnhäuser existieren kaum noch, von seinem Haushalt, seinen Möbeln oder persönlichen Utensilien ist nichts zu finden. Vor ähnlichen Problemen stand der Bund schon einmal. Beim Schütz-Haus in Weißenfels. Die Museumskuratoren dort machten aus der Not eine Tugend und schufen ein ganz modernes Museum: mit Hörecken für Kinder und Erwachsene, modernen Vitrinen und Gegenständen sowie solch pfiffigen Ideen wie eine Hörschranke im Dachgeschoss: Geht der Besucher durch diese unsichtbare Schranke, dann erklingt wunderbare Schütz-Musik. Weißenfels ist auch aus einem anderen Grund für Böhme-Fans kein schlechtes Ausflugsziel: Im dortigen Schuh-Museum wird heute noch eine Böhme-Werkstatt mit Schusterkugeln gezeigt.

Ganz ähnliche Vorstellungen haben auch die Museologen der Staatlichen Kunstsammlungen. Natürlich wollen sie frühe Drucke von Böhme, historische Dokumente und Handschriften ausstellen. Dafür sollen die Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel, wo der schriftliche Nachlass von Böhme liegt, die Biblioteca Philosophica Hermetica Amsterdam und die Sächsische Landesbibliothek sowie die Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften als Partner gewonnen werden. Auch Bilder und Grafiken sind Bestandteil des Konzeptes. Darüber hinaus aber sollen die Besucher die Sprache Böhmes hören: Schauspieler wie Christian Brückner, bekannt aus der Krabat-Verfilmung, könnten die Böhme-Texte wie ein Hörbuch aufsagen. Weitere Medienstationen sind geplant, ähnlich auch denen der Landesausstellung. Der Dresdner Museumschef Hartwig Fischer sieht seine Einrichtung für ein solch anspruchsvolles Vorhaben gut gerüstet. „Wir verfügen über große Erfahrungen“, sagt er im Gespräch mit der SZ, „sehr komplexe geistige Werke zu verbildlichen und dadurch für die Besucher zugänglich zu machen“. Als Beispiel zieht er den mathematisch-physikalischen Salon in Dresden heran, in dem die Instrumente nicht nur technisch erklärt, sondern in das Denken ihrer Entstehungszeit eingeordnet werden. So etwas schwebt ihm nun auch für Böhme vor.

Um eine Ausstellung zu kreieren, die dann in Görlitz jährlich 25 000 Besucher anziehen soll – etwa so viele, wie jetzt das Schlesische Museum im Jahr begrüßen kann – setzt Friedrich auf ein Team aus jungen und erfahrenen Forschern, auch auf internationale Experten aus Holland, England, den USA, Italien. Tatsächlich ist der Ruf Böhmes im Ausland größer als in seinem eigentlichen Heimatland Deutschland. Das zeigte auch die Verleihung des Böhme-Preises in diesem Frühjahr in Görlitz an eine Ungarin und einen Belgier, Aber das soll ja nun geändert werden.