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Ein Schloss, dessen Zukunft in den Sternen steht

Zwischen Dresden und Berlin liegt Schloss Altdöbern, mit vielen Verbindungen nach Sachsen. Sie reichen bis in die Gegenwart.

Das Schloss Altdöbern
Das Schloss Altdöbern © Thomas Schade

Von Thomas Schade

Wenn Carl Heinrich von Heineken vor 300 Jahren aus dem Portal seines Schlosses trat, so schaute er auf seine „Avenue de Dresde“. Eine Straße, die vor der Freitreppe begann. Schnurgerade führt sie bis heute aus dem Dorf Altdöbern heraus nach Südosten. Ein Blick auf die Landkarte verrät, dass die Luftlinie der „Avenue de Dresde“ nach 75 Kilometern ziemlich genau auf der Augustusbrücke vor dem Dresdner Schloss ankommen würde.

Die direkte Achse zwischen dem Schloss in der Niederlausitz und der sächsischen Residenz ist nach Ansicht von Rolf Wünsche ein typisches Zeugnis höfischer Unterwürfigkeit in jener Zeit. „Sie sollte die enge Verbundenheit der Herrschaft zum kursächsischen Machtzentrum zeigen“, sagt er. Wünsche ist Fotograf und selbst gebürtiger Sachse. Zusammen mit seiner Frau führt er ein Fotogeschäft in Altdöbern und leitet den Heimatverein.

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Das hohe schmiedeeiserne Schlosstor ist verschlossen. Ein Seitenportal gewährt Zutritt zu dem herrschaftlichen Areal. Die „Avenue de Dresde“ führt als breiter Kiesweg vorbei an zwei Chevalierhäusern, teilt sich und umrundet einen Brunnen ohne Wasser, ehe sie vor der Venus und vor dem Götterboten Merkur endet, Sandsteinskulpturen, die den Eingang säumen. Über die Freitreppe tritt der Besucher unter die Portalhalle aus sächsischem Sandstein. Dann steht er vor der Holztür, aus der vor 300 Jahren auch Schlossherr Heineken getreten ist. Doch die Tür ist verschlossen.

Rolf Wünsche auf der Bühne des Freilufttheaters im Schlosspark.
Rolf Wünsche auf der Bühne des Freilufttheaters im Schlosspark. © Thomas Schade

Das sei alles nicht so einfach, sagt Heimatforscher Wünsche. Das Schloss sei in Schuss, aber es gebe keinen Betreiber. Beim Spaziergang durch den Park erzählt er aus der wechselvollen Geschichte und über die Gegenwart des Herrensitzes. Und, natürlich werde das Schloss geöffnet, für kulturelle Veranstaltungen beispielsweise, sagt er. Erst vor Tagen sei hier ein Buch präsentiert worden. Am zweiten Augustwochenende, wenn der Ort sein Sommerfest – in diesem Jahr mit „sächsischem Glanz“ – feiert, werde das Schloss geöffnet sein.

Das unlängst vorgestellte Buch von mehr als 500 Seiten dürfte künftig als Standardwerk gelten, wenn es um Schloss Altdöbern geht und um Carl Heinrich von Heineken, den wohl einflussreichen Kunstmanager am Dresdner Hofe im 18. Jahrhundert. „Seine Werk und sein wechselvolles Schicksal sind heute fast nur noch in Fachkreisen bekannt“, sagt Autor und Mitherausgeber Martin Schuster. Der Kunsthistoriker hat zusammengetragen, was Archive und wissenschaftliche Arbeiten zum Schloss und zu seinem interessantesten Bewohner hergeben. Er verhehlt nicht, dass einiges noch im Dunkeln liegt.

Erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts taucht die Familie von Köckritz als Lehnsherren in den Chroniken auf. Nach etwa einhundert Jahren folgen neue Herrschaften, meist kursächsische Amtsleute und Offiziere, die vermutlich in einem dreiflügeligen Renaissancebau lebten.

Anfang des 18. Jahrhunderts ließ der sächsische General Alexander von Eick-stedt das Haus weitgehend abreißen und an gleicher Stelle ein barockes, zweistöckiges Landhaus auf einer künstlichen Insel erbauen. Es sei nicht überliefert, wie der Renaissancebau aussah, sagt Martin Schuster. „Aber Bauuntersuchungen haben gezeigt, dass Teile des Mauerwerkes und eine Kassettendecke erhalten blieben.“

Die Dresdner Carl-Heineken-Gesellschaft hat in einem großen Werk zusammengefasst, was über das Schloss und Heinecken bekannt ist.
Die Dresdner Carl-Heineken-Gesellschaft hat in einem großen Werk zusammengefasst, was über das Schloss und Heinecken bekannt ist. © Thomas Schade

Jahre auf Altdöbern vergönnt, er starb 1727. Ihm folgte die Ära des Universalgelehrten Carl Heinrich von Heineken, der Altdöbern zu einem höfischen Anwesen formte – nach kursächsischem Vorbild.

1706 in Lübeck geboren, verfügte Heineken nicht über das Geld, um für 45.100 Taler ein Schloss zu kaufen. Aber er hatte Kunstverstand und einen mächtigen Gönner: Heinrich von Brühl, den Premierminister des Königs. Bei ihm begann Heinecken nach Studien in Leipzig 1739 als Bibliothekar. Als Brühls Privatsekretär verwaltete er alsbald dessen private Kunstsammlung und die noch größeren kurfürstlichen Kunstsammlungen. Nach 15 Jahren habe Heineken ein Netz von Kunstagenten in Europa gehabt, die für ihn Kunstgegenstände von Rang suchten, so Martin Schuster. Heineken war beteiligt, dass Raffaels „Sixtinische Madonna“ und Rembrandts „Ganymed“ den Weg nach Dresden fanden. Ab 1746 erweiterte er das Kupferstichkabinett um 80.000 Blätter.

Schon 1741 hatte Brühl seinem Adlatus auch seine Haus- und Wirtschaftskasse anvertraut. Ab 1747 verwaltete Heineken alle Güter, die Brühl zusammengekaufte. Dieser Job führte ihn nach Altdöbern. Brühl, so sagt Martin Schuster, wollte Heineken dort haben, wo er seine Niederlausitzer Herrschaft ausbaute, in Pförten und Forst. Brühl habe seine Macht ausgeschöpft, damit das Schloss über Umwege dem vermögenden Schwiegervater Heinekens übereignet wurde. Der war Küchenmeister am Hofe und gab das Schloss an Heineken weiter.

So begannen Mitte des 18. Jahrhundert erhebliche Umbauten auf Altdöbern. Für Martin Schuster steht fest, dass Brühls umtriebiger Verwalter dabei die Baumeister, Handwerker und Künstler anstellte, die auch für seinen Dienstherren arbeiteten. Heineken beendete das Inseldasein des Schlosses, ließ es um ein zweites Geschoss aufstocken und das Mansardendach erneuern. Auf der Nordseite entstand ein Altan, eine auf Mauern ruhende Dachterrasse, die seither die Flügel des Gebäudes verbindet.

Den Park ließ Heineken zu einer typischen Rokoko-„Spielwiese“ umgestalten, mit künstlichen Teichen und Gräben, auf denen gegondelt wurde, mit einem Naturtheater, Springbrunnen, Wasserspielen und einem französischen Garten voller Sandsteinfiguren und Putten.

© Thomas Schade

Innen erhielten die repräsentativen Räume prächtige Malereien und Stuckaturen. Eine Haupttreppe führte zu den Gesellschaftszimmern im Obergeschoss. Man finde heute in Altdöbern Malereien, Treppengeländer und Türen, die auch in einstigen Besitzungen Brühls zu finden sind, sagt Martin Schuster. „Schloss und Park erhielten höfisches Flair, in der Hoffnung, dass der König auf seinen Reisen nach Polen auch mal in Altdöbern Halt macht“. Aber nachweisbar sei nur ein einziger Besuch.

Heineken selbst konnte all das erst nutzen, nachdem ihm 1763 das Schicksal schwer zugesetzt hatte. Der Siebenjährige Krieg endete für Sachsen im Desaster, König August III. starb und 23 Tage später auch Brühl, sein mächtiger Gönner. Sachsen lag am Boden. Brühl und sein Sekretär sollten die Sündenböcke werden für Verschwendung und Misswirtschaft am Hofe. Heineken wurde festgesetzt. Neun Tage lang suchte man im Schloss Altdöbern Beweise, um Heineken wegen Betrugs, Korruption und Misswirtschaft verurteilen zu können. Man klagte Heineken an, musste ihn aber freisprechen. Der schlaue Brühl hatte sich für all seine Staatsgeschäfte stets Rückendeckung vom König geholt. So kam Heineken nach 14 Monaten Haft frei, wurde aus Dresden verbannt und verbrachte seinen Lebensabend in Altdöbern. Mit strenger Hand soll er das herrschaftliche Gut geführt haben. Er baute Obst, Tabak und Wein an und verfasste wichtige kunsthistorischen Schriften.

Sein heutiges Aussehen erhielt das Schloss etwa 120 Jahre später, ab 1880, unter der Herrschaft des Heinrich von Witzleben und seiner Frau Marie. Ihnen verdankt das Gebäude seine neobarocke Sandsteinfassade und das begradigte Dach. Am Ende der beiden Schlossflügel ließ Witzleben zwei Türme anbauen und Zwiebelkuppeln aufsetzen. Seine Frau, ein Spross aus dem Fürstenhaus Reuß, entwarf selbst einen neoromanischen Anbau mit Rundturm auf der Ostseite, mit dem sie angeblich an den Bergfried von Schloss Weida erinnern wollte, in dem ihre Vorfahren residiert hatten. Der Anbau wirkt störend, während Witzleben das Anwesen im Westteil mit dem Marstall und einer Reithalle modernisierte.

Der Rundturm auf der Ostseite des Schlosses.
Der Rundturm auf der Ostseite des Schlosses. © Thomas Schade

Nach dem Zweiten Weltkrieg verblasste der sächsische Glanz. Der katholische Caritasverband pachtete das Schloss und betrieb ein Heim für Waisenkinder und alte Leute. „Die Nonnen taten, was sie konnten“, sagt Rolf Wünsche vom Heimatverein, „aber sie konnten den Verfall mit Notreparaturen allein nicht aufhalten.“

1974 wollte die West-Kirche Geld investieren und das Schloss instand setzen, verlangte aber einen Erbpachtvertrag über 99 Jahre. „Der Deal kam nicht zustande“, sagt Wünsche. Daraufhin hätten die Nonnen Altdöbern verlassen, einige zog es nach Sachsen. Drei Jahre später kam noch einmal Leben ins Schloss. Das DDR-Fernsehen drehte im Park und auf der Nordterrasse einen Märchenfilm. Danach, so erzählt Rolf Wünsche, hätten Bilder und andere Ausstattungsstücke aus dem Schloss gefehlt. Der Titel des Filmes: „Der Meisterdieb“.

Den letzten Versuch, das Schloss vor dem Verfall zu retten, unternahm vor 1990 die Liberaldemokratische Partei der DDR, die das Anwesen zur Parteischule machen wollte. „Sie reparierte das Dach und entkernte den Westflügel, dann kamen die Wende und das Ende der LDPD“, erzählt Rolf Wünsche. Ende 1989 seien Lkws vorgefahren. Fremde hätten Kisten aus dem Keller verladen. Einwohner hätten später in den Kellern abgehackte Kabelstränge gesehen, die aus den Wänden hingen. Seither hielten sich Gerüchte, dass die Stasi im Schlosskeller saß, erzählt der Fotograf.

Seiner historischen Bedeutung wegen und wegen des inzwischen bedrohlichen Zustandes wird Schloss Altdöbern 1996 ins Portfolio der Brandenburgischen Schlösser GmbH aufgenommen – einer Betriebsgesellschaft, die zu 95 Prozent der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und zu fünf Prozent dem Land Brandenburg gehört.

Ein Raum im Schloss heute.
Ein Raum im Schloss heute. © Thomas Schade

Wenn Jürgen Klemisch heute die schwere Tür aus Heinekens Zeiten öffnet, so entsteht der Eindruck, der Herr mit der schweren Fellmütze könnte jederzeit höchstselbst um die Ecke kommen. Erd- und erstes Obergeschoss haben nach 23 Jahren denkmalpflegerischer Arbeit wieder ihren alten Glanz. Im Erdgeschoss beeindrucken die Holzvertäfelungen und der Lichthof aus der Zeit Witzlebens. Hier rauchte und plauderte der Preuße mit einem König Wilhelm II.

Aus Heinekens Zeit stammt das restaurierte Holländische Zimmer mit den Darstellungen des bäuerlichen Lebens und der Treppenaufgang voller Landschaften und Allegorien, die dem Dresdner Hofmaler Franz Karl Palko zugeschrieben werden. „Hier ist erhalten geblieben, was in Dresden vom Krieg zerstört wurde“, sagt Jürgen Klemisch, bei der Schlösser GmbH zuständig für Altdöbern. Er begleitet die Restaurierung und weiß, dass es auch unwiederbringliche Verluste gibt. So fehlt jede Spur von den großformatigen Wandbildern des Watteauzimmers. Heute füllt moderne Blumenmalerei der Berlinerin Kerstin Heymann die einst leeren Flecken.

Watteauzimmer. Moderne Malerei ersetzt verschollene Bilder.
Watteauzimmer. Moderne Malerei ersetzt verschollene Bilder. © Thomas Schade

Die wichtigsten Arbeiten zur Erhaltung sehe der Besucher nicht, sagt Klemisch. Um die Statik zu sichern, halten Stahlstäbe die Schlossmauern wie ein Korsett zusammen. Zum Schutz vor dem steigenden Grundwasser des 1994 ausgelaufenen Tagebaues Greifenhain wurde das Schloss Stück für Stück mit einer 50 Zentimeter starken Betonplatte unterzogen. Mehr als 14 Millionen Euro sind bisher in die Schlossrettung geflossen. Mit dem neuen Schieferdach ist es für die kommenden Jahrzehnte instandgesetzt, komplett saniert ist es nicht.

Klemisch lässt durchblicken, dass er die Arbeit gern zu Ende geführt hätte. Aber politisch sind die Würfel anders gefallen. Anfang Juni verkündete Brandenburgs Kulturministerin Münch das Ende der Erhaltungsarbeiten an den zehn Schloss- und Parkanlagen der Schlösser GmbH. Die Objekte sollen bis 2022 privatisiert werden.

So habe Altdöbern nun ein solides Schloss, dessen Zukunft aber in den Sternen steht. Deshalb sei es auch nicht durchgängig zu besichtigen, sagt Rolf Wünsche vom Heimatverein. Zum Glück bleibe die Jugendbauhütte der Stiftung Denkmalschutz hier. „Sie hat den riesigen Schlosspark rekultiviert.“ Das könne man nicht hoch genug schätzen.“

„ParkSommerTräume“: Sommerfest in sächsischem Glanz in Altdöbern am 10. und 11. August 2019

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