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Ein steinernes Kreuz für das Seelenheil

Im Mittelalter stellten Mörder ein Sühnekreuz auf, um der Blutrache zu entgehen. Eins steht heute noch.

© kairospress

Von Beate Erler

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Wenn die Ferne ruft

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Wenn auch der Zahn der Zeit an vielen Sühnekreuzen genagt hat, zu finden sind sie immer noch. Auch geht von ihnen nach wie vor ein Hauch von Geheimnisvollem aus. Kein Wunder, die Sühnekreuze markieren Orte, an denen einst Menschen gewaltsam zu Tode kamen. „Wo der Mordstrahl jäh und ruchlos frisches Leben macht erbleichen, stellt’ der Täter einst als Sühne reuig auf des Kreuzes Zeichen“, beschreibt der Steinkreuzforscher Max Hellmich im Jahr 1923 die oft sandsteinernen Kreuze.

Sühnekreuze sind typisch für die Zeit vom 13. bis ins 16. Jahrhundert und Teil sogenannter Sühneverträge zwischen zwei verfeindeten Parteien. In dieser Zeit war es unter anderem Pflicht, am Mörder eines Familienmitglieds Blutrache zu üben. Mit einer Sühne aber konnte die Verwandtschaft des Opfers milde gestimmt und die Blutfehde beendet werden. Als Wiedergutmachung musste der Verurteilte zum Beispiel mehrere Heilige Messen besuchen, einige Pfund Wachs für Kerzen und mehrere Eimer Wein spenden. In den meisten Fällen wurde zusätzlich das Setzen eines Sühnekreuzes ausgehandelt.

In vielen Ortschroniken sind die Bluttaten festgehalten, die hinter dem jeweiligen Sühnekreuz stehen. So stammt eins in Leubnitz-Neuostra aus dem Jahre 1525. Damals erschlug ein Wenzel aus Goppeln den Bauern Wygandt im Streit. Bei einer Verhandlung wurden beide für „nicht unschuldig“ befunden, sodass Wenzel nur Buße tun und ein Kreuz aufstellen musste. Übrigens besagt die Legende, dass an diesem Kreuz ein feuriger Hund zu mitternächtlicher Stunde spukt.

In Schwarzkollm bei Hoyerswerda gibt es gleich zwei Geschichten um die dortigen Sühnekreuze. In der einen sollen zwei Soldaten ein Mädchen geschändet und ermordet haben. Die andere erzählt davon, dass ein Bursche den Liebhaber des Mädchens umgebracht hat, worauf er und das Mädchen hingerichtet wurden.

Das Sühnekreuz in Spitzkunnersdorf erinnert der Legende nach an einen Knaben, der im Dreißigjährigen Krieg beim Streit um ein Stück Brot zu Tode kam. Schließlich kündet das Kreuz in Niesky von der blutigen Tat eines Adligen, der aus gekränkter Eitelkeit ein junges Mädchen mit einem Pfeil ermordete.

Welche konkrete Gewalttat hinter dem Sühnekreuz im Großen Garten steht, ist leider nicht überliefert. Aber es zeigt, wie für Sühnekreuze typisch, die Mordwaffe, ein in Umrissen eingeritztes Schwert. Außerdem ist noch die Abbildung eines Rades zu sehen, welches vermutlich die Strafe für den Mord andeutet.

Auf den meisten Sühnekreuzen finden sich kein Text und auch keine Jahreszahlen, sondern nur bildliche Darstellungen. So erfuhren auch die Schriftunkundigen, dies war damals die Mehrzahl der Bevölkerung, von der grausigen Tat. Manchmal ist über Sühnekreuze auch zu lesen, dass sie die Menschen anhalten sollten, Fürbittgebete für die Toten zu halten, die ohne Sterbesakrament starben.

Heimatforscher und Chronisten haben in Sachsen bisher 433 Steinkreuze dokumentieren können. Doch nicht jedes Steinkreuz ist ein Sühnekreuz. Es gibt außerdem Wetter- und Pestkreuze oder Kreuze, die zur Grenzmarkierung gesetzt wurden. Das Jonaskreuz in Hellerberge wiederum ist ein Denkstein. Er wurde im Jahre 1402 für den Ritter Jonas Daniel geschaffen. An der Stelle, wo das Kreuz die Jahrhunderte überdauert hat, starb der Kriegsmann beim Fechtkampf. Vorausgegangen war ein langer Streit zwischen der Dynastie der Dohnas und der Familie von Körbitz. Letzterer gelang es, die Dohnas aus ihren Stammsitzen zu vertreiben. Ritter Jonas Daniel hatte die Aufgabe, die beiden Kinder eines Dohnaer Burggrafen sicher nach Königsbrück zu bringen. Bei dieser Flucht geriet er in einen Hinterhalt und wurde von einer Reiterschar überfallen. Die Kinder des Burggrafen konnte er noch in Sicherheit bringen, bevor er selbst im Kampf fiel. Auf dem Denkstein steht in verwitterter Inschrift: „Finis Militis Ionas Daniel –- Ende des Kriegsmannes Jonas Daniel“.

Die Einführung der Halsgerichtsordnung durch Kaiser Karl den Fünften im Jahr 1532 läutete das Ende des Setzens von Sühnekreuzen ein. Die Ordnung gilt als erstes allgemeines deutsches Strafgesetzbuch. Vor dieser Zeit war das Strafrecht sozusagen Privatangelegenheit. Ein Totschläger wurde nur gerichtlich verfolgt, wenn die Familie des Opfers ihn anklagte. Die Verbrechen wurden dadurch meist über Sühneverträge bestraft. Mit der „Carolina“, wie die Halsgerichtsordnung auch genannt wurde, gab es ein ordentliches Gericht, das die Täter nach dem neuen Recht verurteilte. Ab dieser Zeit wurden private Abmachungen und somit auch die Sühneverträge nicht mehr geduldet. Deshalb wurden nach und nach weniger Sühnekreuze aufgestellt, im 17. Jahrhundert gar nicht mehr. Jüngere Steinkreuze, die Sühnekreuzen ähneln, sind meist einfache Gedenksteine. Sie wurden allerdings viel seltener gesetzt.

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