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Verschwörungs-Theoretiker bei den Jazztagen Dresden

Daniele Ganser klagt vor ausverkauftem Haus „illegale Kriege" der Nato an und sagt: Der 11. September 2001 in New York - das war kein islamistischer Anschlag.

Daniele Ganser möchte eine „Gegenöffentlichkeit“ herstellen.
Daniele Ganser möchte eine „Gegenöffentlichkeit“ herstellen. ©  Christian Juppe

Das Angebot der Jazztage Dresden wird immer umfangreicher und bandbreiter. Am Sonntag erreichte die Vielfalt einen neuen Höhepunkt. Erstmals lud das Musikfestival zur nicht musikalischen Veranstaltung: Daniele Ganser hielt am Sonntag den viel erprobten Vortrag zu seinem Buch „Illegale Kriege“ über die Frage, warum das Uno-Gewaltverbot so oft verletzt wird durch „Illegale Kriege“ von Nato und USA. Denn Daniele Ganser möchte eine „Gegenöffentlichkeit“ herstellen. Also eine Öffentlichkeit, die nicht dominiert ist von den angeblich unwahren Wahrheiten westlicher Politiker – insbesondere der USA und der Nato – und den Berichten der „Mainstream-Medien“. Eine, der es vielmehr um die Suche nach der wahren Wahrheit geht. Treffender gesagt: einer alternativen Wahrheit.

Zu dieser alternativen Wahrheit gehört für den 47-Jährigen etwa: Der Anschlag auf das New Yorker World Trade Center am 11. September 2001 wurde nicht von al-Qaida-Terroristen durchgeführt. Denn ein drittes Gebäude neben den Twin Towers, das „WTC 7“, sei zunächst unbeschädigt geblieben, dann aber durch Sprengung zerstört worden, höchstwahrscheinlich im Auftrag der US-Regierung, als Vorwand für deren „Krieg gegen Terror“. Nur ein Beispiel von etlichen, die belegen: Ganser ist das, was viele einen Verschwörungstheoretiker nennen. Sein Vortrag in Dresden war erwartungsgemäß ausverkauft. Über 1.000 Gäste im Ostra-Dome lauschten gespannt.

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„Konzert kommt von concertare, und das heißt ,miteinander streiten‘“, sagte Jazztage-Chef Kilian Forster einführend als Antwort auf die Frage, was ein solcher Vortrag auf einem Musikfest zu suchen habe. „Die Vielfalt der Meinungen, seien sie auch noch so abstrus, muss gewahrt werden können.“ Und sobald jemand, „dessen Ansichten ich noch dazu schätze, vom Diskurs ausgeschlossen wird, werde ich mich dafür einsetzen, ein Forum zu bieten.“ Wobei „vom Diskurs ausschließen“ auf den akademischen Bereich abzielt, in dem Ganser wegen seiner Ansichten nicht sonderlich geschätzt wird, und die „Mainstream-Medien“, die ihn großteils ignorieren. Gern gesehen ist er hingegen bei "alternativen Medien" wie KenFM, dem Kreml-finanzierten RT Deutsch und beim Magazin Rubikon, in dessen Beirat Ganser sitzt und in dem schon mal behauptet wird, Anschläge des IS seien "inszeniert" gewesen.

Wahrt das Uno-Gewaltverbot!

Auftritt Daniele Ganser, sympathisch, jovial, ein überzeugungsstrategisch versierter Redner, zudem Historiker mit unbestrittenen Verdiensten. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit sind seit der vielfach gelobten Dissertation über Nato-Geheimarmeen und „CIA-Terror“ eben die verdeckten und offenen außenpolitischen Aktionen von Nato und USA. Sein Hauptanliegen lautet, die Uno müsse endlich konsequent ihr Gewaltverbot von 1945 durchsetzen: „Alle Mitglieder unterlassen in ihren internationalen Beziehungen jede (...) Anwendung von Gewalt.“ Warum, fragt Ganser, werde dieses Gewaltverbot so oft gebrochen?

Die Auswahl seiner Beispiele ist schlüssig choreografiert: der Sturz des iranischen Präsidenten Mossadegh 1953 durch USA und Großbritannien, motiviert durch deren Öl-Interessen. Die Bombardierung Serbiens durch die USA 1999. Der Irak-Krieg 2003, legitimiert durch die Lüge von Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen. Und 2014 die US-Bombardierung von Zielen in Syrien. Hinter jedem dieser Kriege, sagt Ganser, steckten vor allem kapitalistische Interessen, etwa der US-Rüstungsindustrie. Die Bombenangriffe Russlands auf syrische Rebellen? Für den Schweizer etwas ganz anderes, denn Assad habe Putin um Intervention gebeten, und das sei kein Verstoß gegen das UNO-Gewaltverbot.

Überhaupt sei Russland eine defensive Macht, ganz anders als die USA. Schon die Ostausdehnung und Unterdrückung Osteuropas nach 1945 durch die Sowjetunion – der Warschauer Pakte sei nötig gewesen, die UdSSR hätten eine Pufferzone gebraucht. Und wer habe seine Truppen nach 1989 aus Deutschland abgezogen, wer sei noch hier? Wer habe den Nato-Bereich trotz gegenteiliger Beteuerungen weiter nach Osten ausgedehnt? Ein Fazit von Daniele Ganser: George W. Bush, Barack Obama, General Powell, Tony Blair – alles geisteskranke Kriegsverbrecher.

Ganser versteht es, das Publikum einzunehmen. Er würzt seine Kritik an Nato und USA mit Scherzen und Anekdoten und flechtet zum Beleg der Manipulierbarkeit der Menschen durch Medien Exkurse in Neurologie wie Psychologie ein. Und immer wieder: der Aufruf zum Frieden, das Zitieren des Gewaltverbots. Ebenfalls immer wieder fordert Ganser – ein wenig im Widerspruch zu seinem Aufruf, man solle sich auch mal „digitale Auszeiten“ gönnen – die Zuhörer auf: Seid misstrauisch, überprüft Informationen selbst, denn viele Medien würden beim Kriegstreiben mitmachen.

„Man kann Gefühle täuschen“

Überprüfungen und selbstständige Meinungsbildungen sind freilich etwas aufwendiger als die Übernahme der Meinung eines überzeugenden Redners. Aber die Aufforderung Gansers verdient Gehör. Auch weil er diverse Punkte leider zu erwähnen vergaß. Etwa die Einschränkung des Uno-Gewaltverbots durch das gleichwohl umstrittene vieldiskutierte Recht auf „Humanitäre Intervention“ im Falle von Verletzungen des Völkerrechts und der Menschenrechte. 

Oder dass „WTC 7“ – anders als von Ganser per Video und Foto „belegt“ – sehr wohl vorher stark beschädigt war und auch nicht symmetrisch wie durch Sprengung zusammenbrach. Das zeigen tatsächlich andere Aufnahmen, die der fleißige Rechercheur Ganser kennen dürfte (mindestens durch Artikel seiner Haupt-Widersprecher), aber nicht erwähnte. Ebenso wenig führt er der Vollständigkeit halber an, dass die Zahl der Gutachten, laut denen 9/11 ein Terroranschlag war, die Zahl der anders lautenden bei Weitem übersteigt. 

Abgesehen davon ließe sich logisch nur schwer erklären, dass Verschwörer für einen weltweiten Empörungs-Aufschrei nicht nur die berühmten Twin Towers sprengen, was völlig genügt hätte. Sondern sich darüber hinaus auch noch die Mühe machen, das schon damals weitgehend unbekannte kleinere WTC 7 in die Luft zu jagen. Und selbst wenn WTC 7 gesprengt worden wäre; es wäre kein eindeutiger Beweis dafür, dass auch die Twin Towers gesprengt wurden und folglich die komplette „Geschichte der Terroranschläge vom 11. September 2001 ... neu geschrieben werden muss", wie Ganser behauptet.

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So dürften manche Zuhörer auch Fragen mit nach Hause genommen haben. Es drängen sich einige auf. Nur zum Beispiel: Welche Aussagekraft haben ein manipuliertes Foto von Lady Di und die langen Ausführungen zum Spiegel-Lügenreporter Claas Relotius über den tatsächlichen Umfang gezielter Manipulationen durch „die Medien“? Ist die linksalternative taz tatsächlich „Nato-loyal", wie Ganser behauptet? Wenn man alle Aussagen auf allen Medien grundsätzlich hinterfragen sollte; gilt das dann nicht auch für die Thesen von Daniele Ganser selbst? Wird er vom akademischen Betrieb und den „Mainstream-Medien“ wegen seiner Ansichten ignoriert - oder wegen der wissenschaftlichen Qualität seiner Arbeit und seinem selektiven Umgang mit Fakten? Ist das, was er als alternative Wahrheit dem angeblich gängigen einheitlichen Schwarz-Weiß-Bild entgegenstellt, wirklich mehr als ein mindestens ebenso einheitliches und höchst manipulatives Weiß-Schwarz-Bild?

Womit Daniele Ganser zweifellos recht hat: „Man kann Gefühle täuschen.“ Und: „Passen Sie auf Ihre Hirnwindungen auf.“

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