SZ +
Merken

Eine Arche für Suchtkranke

Bernd Eichler schwor vor 20 Jahren dem Alkohol ab und gründete eine Selbsthilfegruppe. Er und sein Team wurden jetzt vom Landkreis ausgezeichnet. 

Von Constanze Junghanß
 4 Min.
Teilen
Folgen
Bernd Eichler ist Ansprechpartner bei der Selbsthilfegruppe abstinent lebender Alkoholiker in Obercunnersdorf.
Bernd Eichler ist Ansprechpartner bei der Selbsthilfegruppe abstinent lebender Alkoholiker in Obercunnersdorf. © Matthias Weber

Vor 20 Jahren war Bernd Eichler noch ganz unten, wie er sagt. Der 61-Jährige spricht ruhig und fest. Mit seiner Vergangenheit geht der Ansprechpartner der Selbsthilfegruppe (SHG) „Abstinent lebende Alkoholiker Obercunnersdorf“ offen um. Bernd Eichler ist einer, der Suchtkranke versteht, ihnen zuhört und – wenn sie das wollen – auch hilfreich unter die Arme greift, um Alkohol und Drogen den Kampf anzusagen. Ihn hatte die Sucht früher selbst fest im Griff.

Getrunken hat er extrem. Hochprozentiges. So lange und so viel, bis der Magen vom Krebs zerfressen war. Da war er gerade mal 40. „Der Alkoholkonsum fing in der Jugend an. Erst in der Lehre beim Bau, später auch während des Armeedienstes“, erzählt der Niedercunnersdorfer. Und dann immer mehr und immer weiter. „Wenn man anfängt zu trinken, um psychische Probleme zu lösen, kommt man in die Richtung, in der man sich abhängig macht“, sagt Bernd Eichler. Selber merke man das nicht. Familie, Arbeit und das Umfeld jedoch beginnen zu leiden. Auch die Ehe von Bernd zerbrach. Erst als die Bauchspeicheldrüse in Mitleidenschaft gezogen wurde und der Tod anklopfte, begann sein Aufwachen. Entgiftung im Krankenhaus, ein halbes Jahr Therapie in Großschweidnitz: Bernd gehört zu denjenigen, die es geschafft haben. Seit 1999 trocken, seitdem keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Der Mann mit dem markanten Lederhut auf den graulangen Haaren lächelt leise. „Ich bin befreit. Gottseidank“, sagt der gläubige Christ. Sein Glauben habe ihm auch geholfen auf seinem Weg in ein neues Leben. Und diesen Weg will er gemeinsam mit anderen Betroffenen gehen. Vor Jahren gründete er die Selbsthilfegruppe im heimischen Wohnzimmer. Einmal wöchentlich treffen sich die Mitglieder der SHG da. 

Zweiter Anlaufpunkt ist der Christliche Verein junger Menschen (CVJM) auf der Martin-Luther-Straße in Löbau. Jetzt im Winter finden Suchtkranke da regelmäßig am warmen Ofen zusammen. Mit dabei ist Jörg – der seinen vollen Namen zum Selbstschutz nicht nennen möchte. Plätzchen hat der schlanke Mann gebacken. Es duftet nach frisch gebrühtem Kaffee. Jörg, der den Tod der Großmutter nicht verkraftete und neben seinem Alkoholproblem auch unter einer psychischen Erkrankung leidet, knackt Walnüsse. Die werden für die Weihnachtsfeier kandiert. „Für mich ist dieser Treffpunkt meine kleine Arche“, sagt der 39-Jährige, der seit fünf Jahren suchtmittelfrei lebt. Die Gespräche, der Zusammenhalt und der Garten: das alles mache ihn froh. Der Garten ist ein außergewöhnliches Projekt der SHG. Der CVJM hat das Areal bereit gestellt. Gemüse und Obst werden angebaut und anschließend gemeinsam verarbeitet. Vom Frühjahr bis zum Spätherbst an drei Tagen in der Woche bearbeiten Bernd und sein Team sowie ihre Gäste die Scholle, kräutern mit Thymian, Basilikum und Salbei, legen Beete an, ernten. Eine Beschäftigung mit Sinn und im Einklang mit der Natur. „Um die kleine Blume am Wegesrand wieder sehen zu können“, wie Bernd Eichler formuliert. Hält die Sucht einen gefangen, sei dieser Blickwinkel nicht mehr möglich. 

Das ehrenamtliche Gartenprojekt wird auch in der „Außenwelt“ wahrgenommen. Schulklassen kamen bereits und zahlreiche Neugierige. Und Menschen, die selber ein Suchtproblem haben, gegen das sie ankämpfen wollen. So, wie Jürgen. Auch er nennt seinen vollen Namen nicht. Die Trinkerei hatte ihn in die Obdachlosigkeit katapultiert. Im Obdachlosenheim Löbau fand er Unterschlupf, lebt mittlerweile in einer eigenen kleinen Wohnung. Den Absprung hat Jürgen noch nicht geschafft, seinen Konsum – wie er erzählt - stark zurückgefahren. Im Garten und bei der SHG darf Jürgen keinen Alkohol trinken. Daran hält er sich und darum kommt er auch. Der Garten als Insel, in dem Suchtmittel absolut tabu sind. Ein simples Konzept mit großer Wirkung, wie Bernd Eichler weiß. Für manche war das der Weg nach einem Klinikaufenthalt, nicht wieder in den Suchtkreislauf abzurutschen und einen Halt zu finden. 

Im Durchschnitt kommen acht bis zehn „Gärtner“ regelmäßig. Andere auf Zeit. Für dieses Projekt hat die Selbsthilfegruppe kürzlich einen der vom Landkreis ausgelobten Engagements-Preise bekommen. Die Urkunde wurde in Neugersdorf überreicht. 750 Euro Preisgeld sind damit verbunden. Arbeitsgeräte für den Garten sollen angeschafft, das Dach vom Carport repariert und ein Teil an den CVJM gespendet werden, der das Areal der Gruppe zur Verfügung stellt. 

Weitere Beiträge zum Thema:

Auszeichnungen für helfende Hände
Ein Anlaufpunkt für Drogen- und Alkoholkranke (SZ Plus)