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Eine Chance für das Schloss

Seit fünf Jahren restauriert Sebastian Flämig das Gebäude in Kuppritz bei Hochkirch. Er hat darin noch viel vor.

© Robert Michalk

Von Madeleine Siegl-Mickisch

Auf den ersten Blick sieht es hier nicht nach Baustelle aus: Die Fassade des Kuppritzer Schlosses mit den eingefassten Fenstern und der funktionierenden Uhr am Giebel sieht tadellos aus. Und drinnen gibt es im ersten Obergeschoss hinter weißen Flügeltüren ein Kleinod zu entdecken: den restaurierten Blauen Saal. Trotzdem trägt Hausherr Sebastian Flämig Arbeitssachen. Denn die meisten Räume seines Schlosses sind eben doch noch Baustelle.

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Schritt für Schritt saniert Sebastian Flämig seit fünf Jahren das Schloss in Kuppritz. Einiges ist schon geschafft, jetzt steht der nächste große Schritt an.
Schritt für Schritt saniert Sebastian Flämig seit fünf Jahren das Schloss in Kuppritz. Einiges ist schon geschafft, jetzt steht der nächste große Schritt an. © Robert Michalk

Vor knapp fünf Jahren hat der Musiker und Musikpädagoge, der aus Potsdam stammt und als Mitglied des Kreuzchores lange in Dresden gelebt hat, das Schloss gekauft. Er habe schon länger eine solche Immobilie gesucht, sagt der 43-Jährige. Auf Schloss Kuppritz, das zur Zwangsversteigerung ausgeschrieben war, wurde er im Internet aufmerksam. Als er es zum ersten Mal besichtigte, war er sofort angetan. „Man konnte erahnen, wie es hier einmal ausgesehen hat“, erinnert er sich. Damals konnte er jedoch nur ansatzweise vermuten, welche Mammutaufgabe ihn erwartet.

Ein Zuhause für zehn Familien

Das Schloss, in dem nach dem Krieg zehn Wohnungen eingebaut worden waren, schien in gar keinem so schlechten Zustand. Lange Jahre hatte es die Gemeinde bewirtschaftet und nach der Wende an einen Investor verkauft. Der ließ unter anderem Sanitärzellen einbauen, um für die Mieter mehr Wohnkomfort zu schaffen. Denn bis dahin mussten sie sich jeweils auf einer Etage Toilette und Bad teilen. Doch die Modernisierung war nur ein kurzer Lichtblick. Wegen unbezahlter Rechnungen drehten die Versorger Strom und Gas ab. Nach und nach zogen die Mieter aus, schließlich ging die Heizung kaputt.

Das erste Jahr sei er nur mit dem Herausreißen von Einbauten beschäftigt gewesen, blickt Sebastian Flämig auf seinen Start in Kuppritz zurück. Und immer noch warten in einigen ehemaligen Wohnungen die Sanitärzellen auf den Abriss. Doch zwischenzeitlich war ein viel größeres Problem zu lösen: An einer Gebäudeecke ging ein Riss durch das meterdicke Mauerwerk. Flämig vermutet, dass dieser Schaden schon 1945 entstanden war, und zwar durch die Erschütterung, als zum Ende des Zweiten Weltkrieges alle Brücken der Bahnlinie zwischen Görlitz und Bautzen, so auch bei Kuppritz, gesprengt wurden. Fast 70 Jahre später wurde der Schaden endlich mit viel Aufwand beseitigt. Von Höhen und Tiefen spricht Flämig, wenn er auf die vergangenen Jahre zurückblickt, und dass er es in dieser Zeit manchmal schon bereut habe, sich auf das Schloss eingelassen zu haben. Aber mittlerweile überwiegt die Zuversicht, dass er sein „Liebhaber-Projekt“ weiter verwirklichen kann. Es ist ja auch schon einiges geschafft. So zeigt die Uhr am Giebel nach vielen Jahren Stillstand wieder die aktuelle Uhrzeit – sofern das restaurierte Uhrwerk aller zwei Tage aufgezogen wird. Auch die über der Uhr befindliche Glocke schlägt wieder.

Holzdecke wurde restauriert

Besonderes Schmuckstück ist der Blaue Saal, der seinen Namen wohl von einer überwiegend in Blau gehaltenen Biedermeier-Tapete erhielt, die bis 1945 existierte. Heute sind die Wände weiß. Dafür entfaltet eine bemalte Holzdecke ihre ganze Pracht. Sie muss laut Einschätzung des Restaurators zwischen 1600 und 1650 entstanden sein. An die 200 Jahre war sie unter einer – ebenfalls aufwendig bemalten – Zwischendecke verborgen, nach ihrer Wiederentdeckung wurde sie 2013 restauriert.

In einer Ecke des Saals steht ein prächtiger Sekretär. Es ist ein Nachbau eines barocken Schreibschrankes, den der spätere königlich-sächsische Hoflieferant Johann Christoph Hesse 1740/42 als sein Meisterstück fertigte. Zwischen 1816 und 1930 stand das Original in Kuppritz, dann ging es im Zuge eines Erbausgleichs innerhalb der Familie des letzten Rittergutsbesitzers nach München. 2007 wurde das Möbelstück beim berühmten Auktionshaus Sotheby’s in London für umgerechnet über eine Million Euro versteigert. Allein angesichts unzähliger Arbeitsstunden, in denen ein Möbelrestaurator 2014 den Nachbau anhand von Fotos und Beschreibungen geschaffen hat, ist auch dieser sehr wertvoll.

Platz für Kino und Konzerte

„Ein Geschenk meiner Familie“, sagt Sebastian Flämig, der im Blauen Saal bereits einige „Konzerte auf der Baustelle“, wie er sie nennt, veranstaltet hat. Mit seinem im vorigen Jahr gegründeten Freundeskreis Schloss Kuppritz möchte er das Gebäude zu einer kulturellen Begegnungsstätte machen. Neben Konzerten könnten hier Lesungen, Vorträge und Ausstellungen stattfinden. Auch ein kleines Kino und eine Musik-Akademie sind geplant sowie Gästezimmer, in denen zum Beispiel Musiker übernachten können, die sich im Schloss zum intensiven Proben treffen. Dafür will Sebastian Flämig, der später mal im Obergeschoss wohnen möchte, bis Mitte nächsten Jahres Eingangsbereich, Küche und Toiletten sowie die Räume in der ersten Etage mit Hilfe von Fördermitteln hergerichtet haben. Dann wäre der größte Teil der Sanierung geschafft.

www.schloss-kuppritz.de