SZ +
Merken

Eine ganze Schule nur für Astronomie

Wo jetzt? „Na, da vorn.“ Da ist nichts. „Doch, gleich links über der Venus.“ Tatsächlich: Mars. Ganz schwach. Mit einem fünf Kilo schweren Fernglas sind die drei Planeten, die der Erde am nächsten stehen, zu erkennen: Venus (die Liebe), Mars (der Krieg) und Merkur, der himmlische Bote.

Teilen
Folgen

Von Christine Keilholz

Wo jetzt? „Na, da vorn.“ Da ist nichts. „Doch, gleich links über der Venus.“ Tatsächlich: Mars. Ganz schwach. Mit einem fünf Kilo schweren Fernglas sind die drei Planeten, die der Erde am nächsten stehen, zu erkennen: Venus (die Liebe), Mars (der Krieg) und Merkur, der himmlische Bote. Allein für diesen Moment hat sich der Abend gelohnt. Tagsüber war es wolkig, dann kam der Regen, jetzt steht der Himmel klar.

Zu dritt hocken wir auf nasser Teerpappe, gucken durch die Linse und reden über die kleine Sternwarte im Verhältnis zur Unendlichkeit des Kosmos. „Die Sterne behalten ihre Position“, sagt Stefan Schwager. Das ist die wichtigste Lektion. „Planeten bewegen sich zwar auf Wendekreisen. Aber im kleinen Zeitfenster des menschlichen Lebens fällt das gar nicht auf.“ Was für ein Satz!

Der Anfang jeder Wissenschaft

Wer das All über Riesa erkunden will, muss dem alten Städtischen Gymnasium aufs Dach steigen. Früher lernten hier in Weida die schönsten Mädchen, sagen manche, heute stehen hier die besten Teleskope. Unten drückt man die Klingel, dann scheppert es durch den Plattenbau. Und meistens kommt dann Stefan Schwager gelaufen, um Besucher mit Astronomiemacke durch das alte Gymnasium zu führen, in dem nur noch Sternenkunde gelehrt wird. Seit 2007 ist die Schule geschlossen. Vielleicht wäre das Gebäude längst abgerissen, gäbe es einen anderen Ort in der Stadt mit ähnlich unverstelltem Blick nach oben.

Immerhin 70 Vereinsmitglieder

In freien Klassenzimmern haben sich die Sternenfreunde breit gemacht. „Eigentlich beginnt jede Wissenschaft mit einer astronomischen Frage“, sagt Sternenwart Schwager. Also informieren im Treppenhaus Plakate über Solarenergie, Technik, Ethik. Dazwischen hängt alles, was über die Sternenfreunde in der Zeitung stand. Auf jedem Foto: Stefan Schwager. Mit Kindergesicht, mit Jungengesicht, als Erwachsener. Als 13-Jähriger wurde er Sternenfreund, jetzt ist er 29.

Der Verein hat 70 Mitglieder mit einem Altersdurchschnitt von 35 Jahren. Sie teilen die Erkenntnis, dass die Misslichkeiten der menschlichen Existenz nicht mehr wiegen als ein Nanogramm im Angesicht des 150-fach vergrößerten Saturn. Klingt pseudophilosophisch, aber auf solche Gedanken kommt man auf dem Teerdach. Im Lehrerzimmer stapeln sich Bücher, Zeitschriften, Astrokrempel. Der Infopool des Vereins, nutzbar für Enthusiasten, die mehr wissen wollen, als in einen Stundenplan passt. Als Schätze präsentieren die Sternenfreunde „Sachen, die schon mal geflogen sind“, so Schwager. Eine Ganzkörper-Druckunterwäsche, durchtränkt mit echtem Kosmonautenschweiß. Gleich neben der Uniform eines Startreck-Commanders. Das Sternegucken an sich bietet nicht viel Action, aber die Science-Fiction-Welt drumherum liefert genug Zeugs, mit dem sich eine Sternwarte möblieren lässt. Der Verein ist sozusagen sexy aber arm. Schulklassen führen

Teure Technik haben Mitglieder zur Verfügung gestellt. Da sie sich nicht scheuen, bei Unternehmen der Region „ein bisserl zu betteln“ um Ausstellungsstücke, ist ihr altes Gymnasium inzwischen ein feines Ausflugsziel geworden. Ein Ort, an dem sich für Kinder ein bunter Zugang zum Wissen öffnet. Schwager hat ein abgeschlossenes Pädagogikstudium, anderswo hätte er bessere Chancen. Aber er hängt an Riesa - deshalb wird er Schulklassen durch die Sternwarte führen, bis ihm das Gymnasium unterm Hintern weg bricht. Hoffen wir, dass es hält.