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Eine kleine Universität an der Spree

Vor 200 Jahren begann in Bautzen die Ausbildung angehender Dorfschullehrer – im Landständischen Seminar.

© Uwe Soeder

Von Miriam Schönbach

Bautzen. Ein wenig spitzbübisch schauen die sechs Knirpse in die Kamera. Vielleicht ist es auch Neugier. Schließlich gibt es 1892 noch nicht so viele Fotografen in Bautzen. Festgehalten hat er die Schar in der Mönchsgasse 7. Damals wohnen in dem Haus ein Fleischermeister, ein Kutscher, ein Stuhlbauer, ein Privatier, ein Altwarenhändler sowie eine Kinderwärtin, wie das historische Adressbuch berichtet. Bekannt wird das inzwischen weggerissene Gebäude gegenüber dem Restaurant Mönchshof als Brüsewitzianum. Ab 1817 erhalten dort Dorfschullehrer ihren Unterricht. Mit dem Landständischen Seminar entsteht so eine kleine Universität an der Spree.

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Dieses historische Foto vom Seminargebäude in der Mönchsgasse 7 stammt aus dem Jahr 1892. Aufgenommen hat es damals der Fotograf Curt Herbrig.
Dieses historische Foto vom Seminargebäude in der Mönchsgasse 7 stammt aus dem Jahr 1892. Aufgenommen hat es damals der Fotograf Curt Herbrig. © Archivverbund Bautzen
Im Seminargebäude in den Schilleranlagen befindet sich heute das Berufliche Schulzentrum für Wirtschaft und Technik.
Im Seminargebäude in den Schilleranlagen befindet sich heute das Berufliche Schulzentrum für Wirtschaft und Technik. © Uwe Soeder

Die ersten Seminaristen beginnen zu Michaelis 1817, dem 29. September, ihre Ausbildung. Doch die Geschichte dieser Bildungsanstalt beginnt schon vor 285 Jahren – und sie hängt eng mit den Salzburger Exulanten im Jahr 1732 zusammen, weiß Anja Moschke vom Staatsfilialarchiv in Bautzen. „Für die Glaubensflüchtlinge wurde am 1. Pfingsttag in der Oberlausitz eine Landeskollekte gesammelt. Doch die von Erzbischof Anton von Firmian vertriebenen Protestanten haben die Region Richtung Norden schneller durchquert, als das Geld überhaupt zusammen war“, sagt die Mitarbeiterin des Archivverbunds Bautzen.

Das gesammelte Geld legen die Oberlausitzer Stände gut verzinst auf einer Bank an. Gleichzeitig drängt Kurfürst Friedrich August darauf, das Geld für die Verbesserung der Schulen einzusetzen. Auch die Oberlausitzer Stände geben sich seinerzeit fortschrittlich beim Thema Schule. Bereits 1765, nach Ende des Siebenjährigen Krieges, nehmen sie bei den Landtagen in Bautzen das Thema Schulwesen auf die Tagesordnung. Es wird ein Ausschuss gegründet, der ein Schulgesetz ausarbeiten soll. Schon darin halten sie „Seminarien zur Anziehung künftiger Schulhalter“ fest, um das niedere Schulwesen zu verbessern. „Dorfschullehrer wurden gar nicht ausgebildet. Die Stadtschullehrer kamen alle von Universitäten“, sagt Anja Moschke. 1770 verabschieden die Oberlausitzer Stände das erste Schulgesetz im Kurfürstentum Sachsen.

Interessierte aus allen Landesteilen

Gleichzeitig macht in gebildeten Schichten der Schweizer Reformpädagoge Johann Heinrich Pestalozzi (1746 – 1827) von sich reden. Er gilt als Schöpfer der modernen Volksschule, in der nicht der Rohrstock Wissen einprügelt. Stattdessen sollen die Lehrer Kindern im Sinne der Aufklärung Unterricht für den Kopf, Herz und Hand vermitteln. Aus allen Landsteilen reisen Interessierte an, um sich ein Bild von der neuen Erziehung der Kinder zu machen. Aus der Oberlausitz reist Oberamtskanzler Karl Gottfried Herrmann in die Schweiz. Ihn haben die Stände beauftragt, sich mit der Neu-Organisation des Schul- und Erziehungswesens der niederen Volksklassen zu beschäftigen. So kommt eins zum anderen – und gut 50 Jahre nach der ersten Idee eines Seminars für die Ausbildung von Landlehrern neue Bewegung.

Bis 1814 ist das Vermögen aus der Kollekte und Zustiftungen Oberlausitzer Persönlichkeiten, wie Melchior Heinrich August von Gersdorff, Georg Friedrich Traugott von Schönberg und dem Haus der Frau von Brüsewitz auf dem Burglehn auf 60 914 Taler gestiegen. Einen Einschnitt bringt die Teilung der Oberlausitz 1815 infolge der Napoleonischen Kriege in einen sächsischen und preußischen Teil. Die Trennung zieht die Halbierung des für das Seminar vorgesehenen Geldes nach sich. Der sächsischen Oberlausitz bleiben 38 583 Taler, zwölf Groschen und sechs Pfennig sowie das Grundstück in Bautzen.

Lehrerbedarf steigt

Danach geht es „für ständische Verhältnisse recht flott“, sagt Anja Moschke. Im November 1816 stimmt der Landtag über das Projekt ab, am 28. Februar 1817 bewilligt der Landesherr das Vorhaben. Die Seminarordnung vom 31. Mai 1817 bestimmt die Voraussetzungen für die Aufnahme: Die Seminaristen müssen 17 Jahre alt und vorgebildet sein, ein Führungszeugnis über sittliches Verhalten mitbringen und weder Behinderungen noch Missbildungen haben. Außerdem gibt es einen Eignungstest.

An der Lehranstalt werden Deutsche und Sorben, Protestanten und Katholiken ausgebildet. Unterricht bekommen sie in Lesen, Schreiben, Rechnen, Latein, in Musik und Klavierspiel, Obstbaumschnitt, Turnen und Zeichnen. Außerdem wird im Herbst 1819 eine Seminarübungsschule errichten. Dort können die künftigen Lehrer ihr Wissen an 24 Kindern ausprobieren. Doch schon bald platzt das Haus aus allen Nähten. Durch die Einführung der Schulpflicht 1835 steigt der Lehrerbedarf enorm. Lange suchen die Landstände nach einem geeigneten Grundstück, denn die Erweiterung innerhalb des innenstädtischen Areals lehnt das Innenministerium ab.

So entschließt man sich 1850 „vor die Tore“ der Stadt zu ziehen und erwirbt das Mendelsche Grundstück. Nach Bauplänen des Zittauer Architekten Carl August Schramm, einem Schüler von Karl Friedrich Schinkel, entsteht in den heutigen Schilleranlagen ein modernes Seminargebäude. Seine Einweihung feiert es vor 160 Jahren am 19. Oktober 1857. 65 Jahre werden dort Lehrer ausgebildet. Ab 1922 erfolgt – nicht ohne Widerspruch der Stände – die Umwandlung des Seminars in eine höhere Lehranstalt mit Aufbauklassen. Heute befinden sich im Haus das Berufliche Schulzentrum für Wirtschaft und Technik und die Kreismusikschule. Das Gebäude des einstigen Brüsewitzianum aber wird 1988 kurz vor der Wende gesprengt.