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Einzelhändler mit Zweitjob

In Frankenthal gibt es ihn noch: den Tante-Emma-Laden. Doch das geht nur stundenweise – und mit viel Kampfgeist.

Die Regal in Silko Pietschs Tante Emma Landen sind gut gefüllt. Trotzdem lässt sich eines jedoch nicht verheimlichen: Das Geschäft lief schon mal besser.
Die Regal in Silko Pietschs Tante Emma Landen sind gut gefüllt. Trotzdem lässt sich eines jedoch nicht verheimlichen: Das Geschäft lief schon mal besser. © Steffen Unger

Frankenthal. Wurst, Batterien, Waschmittel, Konserven, Brot, Eier, Getränke, Süßigkeiten, Zeitschriften, Zigaretten, Obst und Gemüse – an der Frankenthaler Hauptstraße gibt es auf etwa 65 Quadratmetern fast alles, was zum Leben nötig ist. Silko Pietsch führt den kleinen Tante-Emma-Laden seit gut 20 Jahren. 1998 sattelte er auf den Einzelhandel um und übernahm das Geschäft von seiner Mutter. In Familienbesitz ist es nun bereits in vierter Generation.

In seinem Lädchen sind die Möglichkeiten des Einkaufs noch auf einen einzigen Raum – und zwar einen angenehm überschaubaren – beschränkt. Die Regale sind gut gefüllt. Wer das Reich des 48-Jährigen betritt, findet sich in einer längst vergessen geglaubten Einkaufsidylle wieder. Mit Theke und uralter – aber dank Eichsiegel bis zum Jahr 2020 noch immer funktionstüchtiger – Waage, fühlen sich Kunden ein wenig in die Vergangenheit versetzt.

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Allerdings müssen sich die Frankenthaler und auch die Laufkundschaft jetzt an neue Öffnungszeiten ihres Dorfladens gewöhnen. Denn der Geschäftsinhaber öffnet sein Geschäft nur noch stundenweise – sonnabends von 7 bis 10 Uhr, in der Woche morgens bis 9 Uhr und nachmittags von 16 bis 18 Uhr. In der Zeit dazwischen arbeitet der gelernte Elektronik-Facharbeiter in der Firma Michel im Ort. Als dort ein langjähriger Mitarbeiter in den Ruhestand wechselte und sich die Gelegenheit bot, dessen Nachfolge anzutreten, überlegte Silko Pietsch nicht lange.

„Von meinem Laden kann ich nicht existieren. Die Kosten steigen, die Umsätze gehen zurück“, erklärt der Einzelhändler, der zum großen Teil auch von der Laufkundschaft lebt. Und die blieb vor ein paar Jahren fast komplett aus. Als die Hauptstraße im Ort gebaut wurde brach der Umsatz dramatisch ein. Während die nahe der Kirche gelegenen Handwerker wie Bäcker und Fleischer die ganze Zeit über weitgehend zu erreichen waren, blieb das kleine Lebensmittelgeschäft von Silko Pietsch ein ganzes Jahr lang vom Verkehr abgeschnitten. „Da muss man sich dann schon überlegen, ob und wie man weitermacht.“

Die meisten kaufen in den Städten ein

Er entschied sich fürs Weitermachen. Auch, weil er für die Frankenthaler da sein will. Das Geschäft, dessen Wurzeln bis ins 19. Jahrhundert reichen, war in der Vergangenheit mal Fischladen, mal Gemischtwarenhandel, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch Kolonialwarengeschäft. Privat ist es immer gewesen, nicht nur bei seinem Opa Paul Huhle, sondern auch zu DDR-Zeiten. Wer den kleinen Laden kennt, der weiß: Das Sortiment ist bunt gemischt.

Eigentlich wird in jedem Dorf so ein Tante-Emma-Laden gebraucht – auch wenn die Tante ein Onkel ist. Und dennoch gibt es sie fast kaum noch. Silko Pietsch weiß, woran das liegt. Reich werden könne man mit Einzelhandel nicht.

Im Gegenteil. Kleine Händler haben es unendlich schwer, sich am Markt zu behaupten. Denn das uralte Prinzip von leben und leben lassen greife heute nicht mehr. Obwohl es auch bei ihm – genauso wie bei Supermärkten und Discountern – Angebote gebe, stünden viele auf dem Standpunkt, er sei zu teuer. Da wird beispielsweise der in der Werbung befindliche Kasten Bier wegen zwei Cent Preisunterschied eben im kilometerweit entfernten Großmarkt gekauft und nicht beim Händler vor Ort. „Die Leute haben es doch selbst in der Hand“, sagt er. Würden sie in den Geschäften in den Dörfern einkaufen, könnten die auch überleben. Doch das würden die wenigsten tun, so der Einzelhändler. Die meisten Frankenthaler kaufen in den Städten ein und holen bei ihm nur, was sie vergessen haben. Davon könne er seine Familie nicht ernähren. „Die Altersgruppe zwischen 18 und 35 Jahren erreiche ich eigentlich gar nicht.“ Und die Älteren lassen sich oftmals ihre Einkäufe von den Kindern mitbringen, wenn die Kaufland, Lidl und Co. ansteuern. Dieses Einkaufsverhalten habe schon viele Tante-Emma-Läden zum Aufgeben gezwungen.

Dabei mache ihm das Verkaufen durchaus Spaß. Es gebe ja auch Frankenthaler, die ihm die Treue halten und regelmäßig ihren Einkauf bei ihm machen. „Die sagen, wir sind schon früher zu Huhle, Paul einkaufen gegangen und da machen wir das heute auch so“, erzählt der Einzelhändler. Der 48-Jährige erzählt auch, dass gelegentlich Schulkinder vorbeikommen und ihr Taschengeld bei ihm umsetzen. Doch zum Überleben reicht das alles eben nicht.

Ob es seinen Laden in fünf Jahren noch geben wird, da ist sich der Einzelhändler nicht sicher. „Meiner Tochter würde ich es jedenfalls ausreden, wenn sie ihn übernehmen wöllte“, sagt er. Den Stress müsse sie sich nicht antun. Denn neben dem im-Laden-stehen gebe es auch noch Einkauf, Buchhaltung und diversen Papierkram zu bewältigen. Letzteres erledigt Silko Pietsch sonntags, von halb sechs bis acht. „Da kann ich alles in Ruhe abarbeiten. Und danach mache ich Frühstück für meine Familie“, erzählt er verschmitzt.

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