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Apothekensterben ist nicht ausgeschlossen

Das elektronische Rezept wird kommen. Welche Risiken und Nebenwirkungen es gibt, erklärt Jurist Erik Hahn von der Hochschule Zittau/Görlitz.

Der Jurist Erik Hahn hat an der Hochschule Zittau/Görlitz die Professur für Zivilrecht, Wirtschaftsrecht und Immobilienrecht inne und ist Mitglied im Institutsrat des Instituts für Gesundheit, Altern und Technik.
Der Jurist Erik Hahn hat an der Hochschule Zittau/Görlitz die Professur für Zivilrecht, Wirtschaftsrecht und Immobilienrecht inne und ist Mitglied im Institutsrat des Instituts für Gesundheit, Altern und Technik. © Archiv: Matthias Weber

In diesem Jahr wird die Bundesregierung die Weichen stellen, damit Apotheken-Kunden ihre Rezepte künftig auch digital einlösen können. Das birgt Vorteile für die Patienten, aber hat auch Tücken, erklärt Prof. Dr. Erik Hahn vom Institut für Gesundheit, Altern und Technik an der Hochschule Zittau/Görlitz:

Herr Professor Hahn, das elektronische Rezept oder das Rezept nach Fernbehandlung ist dieses Jahr großes Thema. Wird sich für Apothekenkunden im Kreis Görlitz was ändern?

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Erik Hahn: Ja, mit dem elektronischen Rezept wird sich einiges ändern. Der Patient bekommt dann nicht mehr unbedingt etwas in die Hand, sondern erhält das Rezept auch aufs Handy, auf seine Gesundheitskarte oder vielleicht schickt es der Arzt auf Wunsch des Patienten auch gleich an eine bestimmte Apotheke. Bisher geht das nicht, bislang müssen Ärzte immer die bekannten grünen oder rosafarbenen Formulare nutzen. Nur so kann der Apotheker gegenüber den Krankenkassen abrechnen. Das wird mit dem E-Rezept anders sein - aber meiner Einschätzung nach frühestens ab 2020. Eng damit verbunden ist die momentan geplante Freigabe von Verschreibungen nach einer ausschließlichen Fernbehandlung. Apotheker sollen Medikamente auch dann wieder abgeben dürfen, wenn vor der Rezeptausstellung kein direkter Kontakt zwischen dem Arzt und dem Patienten stattgefunden hat.

Wo sehen Sie Vorteile?

Hahn: Zunächst ist es die logische Konsequenz aus den neuen Möglichkeiten der Telemedizin und ihrer stärkeren Legalisierung im vergangenen Jahr: Seit Beginn diesen Jahres gibt es auch ein neues Vergütungsrecht für Ärzte, nach dem sie telemedizinische Behandlungen künftig leichter abrechnen können. Wenn ein Arzt dabei etwas verschreiben möchte, soll das daher bald ebenfalls elektronisch möglich sein.

Wer ohnehin zum Mediziner vor Ort geht, hat davon doch eigentlich nichts, oder?

Hahn: Rezepte in digitaler Form zu erhalten und einlösen zu können, bietet auch für all jene einen Vorteil, die keine Apotheke um die Ecke haben und bisher weite Wege auf sich nehmen mussten. Zwar gibt es auch jetzt schon Rezeptbriefkästen, wo man sein Formular einwerfen kann und dann ein Medikament geliefert bekommt. Die rechtlichen Hürden für ihre Aufstellung sind aber ziemlich hoch und es gibt sie natürlich nicht überall. Außerdem kann auch ein Patient, der normalerweise immer zum Arzt geht, mit dem elektronischen Rezept nach einer Fernbehandlung - zumindest bei leichteren Beschwerden - lange Wartezeiten vermeiden und einer zusätzlichen Ansteckung in der Praxis aus dem Weg gehen.

Das heißt aber, dass die Apotheken mehr Online-Konkurrenz fürchten müssen, denn wenn der Kunde einmal im Netz ist, kann er gleich noch andere Präparate vielleicht günstiger einkaufen!

Hahn: In der Tat ist die Gefahr des Apothekensterbens nicht ganz unberechtigt: Ob sich der Patient seine vom Arzt verschriebenen Tabletten - zum gleichen Preis - von der niedergelassenen Apotheke holt oder ganz bequem von einer Online-Apotheke schicken lässt, ist für ihn auf den ersten Blick egal. Das gilt vor allem für nicht so beratungsintensive Medikamente. Ob dabei der eigene Beratungsbedarf vom Patienten aber immer richtig eingeschätzt wird, ist natürlich eine ganz andere Frage. Problematisch ist die Onlinekonkurrenz für niedergelassene Apotheken aber gerade wegen der vor Ort angebotenen Beratungsleistungen, die zwangsläufig höhere Personalkosten verursachen als der reine Onlineversand. Kommen die Kunden dann künftig nur noch wegen dieser Leistung in die niedergelassene Apotheke und verlagern ihren sonstigen Konsum in das Internet, kann das den Apotheker wirtschaftlich vor sehr große Herausforderungen stellen.

Glauben Sie, dass das digitale Rezept sich so schnell durchsetzt?

Hahn: Da sehe ich zwei Probleme: Zum einen die technische Infrastruktur, die noch nicht überall gegeben ist. Zum anderen das Alter von Patienten und auch Ärzten, die vielleicht nicht mehr gewillt sind, solche Veränderungen mitzumachen. Andererseits könnten gerade immobile Patienten auch einen besonders großen Nutzen aus der Fernverschreibung und dem digitalen Rezept ziehen.

Apropos Ärzte: Bringt ihnen das elektronische Rezept Vorteile?

Hahn: Möglich ist, dass auf diese Weise auch der Anreiz zur Online-Sprechstunde wächst. So wie sich etwa ein Patient aus Obercunnersdorf dann eben leichter von einem Berliner Arzt behandeln lassen könnte, geht das auch umgekehrt. Nun sind die Ärzte im Kreis gut ausgelastet und nicht unbedingt auf zusätzliche Patienten angewiesen. In jedem Fall sollte man die neuen digitalen Möglichkeiten aber nicht dazu nutzen, um die Probleme um den Hausarztmangel im ländlichen Bereich in das Internet abzuschieben.

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Hahn: Ja, das ist natürlich langfristig auch eine Frage der Bedarfsverteilung. Aber das sind Probleme, die schon drei Schritte weiter gehen als das, was momentan diskutiert wird. Fakt ist aber: So weit wie jetzt waren wir beim Thema Fernbehandlung noch nie. Noch fehlen aber wichtige Details wie etwa die konkrete digitale Infrastruktur für das elektronische Rezept.

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