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Emotionen um ein verfallenes Haus

Der marode Bau nahe des Pulsnitzer Marktes sorgt für Diskussionen. Die gehen weit über das Gebäude hinaus.

© Reiner Hanke

Von Reiner Hanke

Wer den Pfennig nicht ehrt

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Pulsnitz. Es ist ein unscheinbares Häuschen an der Staatsstraße in Pulsnitz. Der Putz bröckelt von der Robert-Koch-Straße 14. Durch das schmutzige Schaufenster fällt der Blick auf Chaos und Verfall. Das Haus soll einsturzgefährdet und vom Schwamm befallen sein, was wiederum Nachbarn Sorge bereitet. Passanten ziehen die Köpfe ein aus Sorge, es könnte sich Material vom Haus lösen. Es ist nicht das einzige baufällige Haus zwischen Herrenhausplatz und Großröhrsdorfer Straße. Über diesen Zustand der Kochstraße 14 entlud sich jetzt aber der Unmut im Internet und per Leserbrief. Es war wohl einmal das Haus des Pulsnitzer Fotografen Kahle. Vielleicht bündelt sich ja deshalb gerade im Ärger über dieses Haus eine Grundstimmung?

Das widerspiegelt auch ein Brief an die SZ-Redaktion. Magnus Meier schreibt: „Da steht es das Haus , welches Wut und Trauer gleichzeitig bei den Bürgern der Stadt auslöst. ... Das Haus wurde schon vor vielen Jahren verkauft. Tatsache ist, es verfällt.“ Die Gefahren seien nicht zu unterschätzen. Und nicht weniger schlimm: Die Feuchtigkeit ziehe in die Nachbargebäude. Außerdem sei „durch den bevorstehenden Einsturz des Dachstuhles auch die Bausubstanz der Nachbargebäude gefährdet“. Davon wäre als einer der Eigentümer Magnus Meier selbst betroffen. Der Brief liest sich letztlich als Hilferuf. Er komme mit seiner Sanierung nicht voran, erklärt Magnus Meier, wegen der Baufälligkeit des Nachbarhauses. Für ihn seien die nötigen Investitionen nicht kalkulierbar und ein Förderantrag bei der Stadt derzeit nicht machbar.

Doch aus welcher Richtung soll die Hilfe kommen? Für die Behörden sei es generell schwierig und langwierig einzuschreiten, wenn Privateigentum betroffen sei, heißt es aus dem Rathaus. Bevor die Behörde selbst einschreiten kann, müsse der Eigentümer Gelegenheit bekommen, die Missstände oder in dem Fall Gefahren, selbst zu beseitigen, erklärt Bürgermeisterin Barbara Lüke. Dabei seien bestimmt Fristen einzuhalten. In dem Fall ist das Landratsamt die zuständige Bauaufsicht. Die sei zuletzt 2016 eingeschritten und inzwischen erneut über den Zustand des Gebäudes informiert worden. Auch Sanierungsauflagen können erteilt werden. Weitere Details gebe die Stadt aus Datenschutzgründen in der Sache nicht.

Vielen ein Dorn im Auge

Der Eigentümer betreibt eine Arbeitskraftvermittlung mit Sitz in Leipzig und beteuert, loslegen zu wollen. Sonst breche das Haus noch zusammen, gibt er selbst zu. Er habe jetzt aber eine Baugenehmigung, so Peter Pawlowski. Er berichtet von Steinen, die ihm in den Weg gelegt wurden. Auch die Finanzierung zusammenzubekommen, habe gedauert. Er wolle auch auf die Stadt wegen eines Fördermittelprogramms zukommen. Im Erdgeschoss plane er Gastronomie. Darüber zwei Wohnungen. Die rückwärtigen Gebäudeteile sollen abgerissen werden. Eher reserviert reagieren die Stadt und der Nachbar auf die Ankündigungen. Es habe schon viele gegeben, ohne, dass bisher etwas daraus wurde.

In der Stadt mache sich unterdessen Unmut breit lässt Hausbesitzer Meier wissen. Denn die Bruchbude sei eben nicht der einzige Flecken, „der die Augen der Bürger stört“. Die würden sich nicht ernst genommen fühlen. So zieht die Debatte auch im Internet ihre Kreise über das Häuschen hinaus und bringt einiges zutage. Die Kritik fokussiert sich auf die Bürgermeisterin. Die Bürger seien sauer über Straßen mit Schlaglöchern. Auch die verfallenen Fabrikgebäude an der Kamenzer Straße sind Ärgernis. Sollte sich dort nicht Gewerbe ansiedeln?, fragt Magnus Meier. Ebenso ist der Bauverzug an der Rietschelstraße ein Thema. Und im Gegenzug finanzielle Beiträge (sogenannte Ausgleichsbeiträge), die von Anliegern im Stadtzentrum erhoben wurden und die erhöhte Grundsteuer.

Planer beauftragt

Der Leser räumt seinerseits ein: „Die Zustände waren schon vor der Wahl von Frau Lüke bekannt.“ Aber die Erwartungen offenbar auch dementsprechend hoch, schnelle Veränderungen zu erleben. Die haben sich wohl für manchen nicht so erfüllt, entnimmt der Leser der Diskussion in Pulsnitz. Dort schreibt zum Beispiel Pedro Krisko: „Vielleicht sollte man erstmal Ursachen hinterfragen, warum der Zustand so ist.“ Und Diskussionsbeiträge nicht auf Vermutungen gründen. So räumt auch Magnus Meier ein, dass sich einiges getan hat, wie der neue Parkplatz an der Wittgensteiner Straße, der neue Kirchplatz und auch die Rietschelstraße, die sicher demnächst fertig werde.

Im Rathaus stößt so manche Kritik sauer auf: Die Einschätzung sei nicht „nachvollziehbar, dass sich in Pulsnitz nichts bewege“, schreibt die Bürgermeisterin. In der Tat gebe es an der Rietschelstraße fünf Wochen Verzug, die Weihnachtspause inklusive. Die Straße sei aber auch ein gewaltiges Projekt gewesen und an der Fertigstellung nicht zu zweifeln. „Die Ausgleichsbeiträge waren die Folge eines Stadtratsbeschlusses, der 1993 gefasst wurde und die Investition mehrerer Millionen D-Mark“ ermöglichte, erklärt Barbara Lüke. Die Rietschelstraße mit eingeschlossen. Deren Bau wäre sonst nicht möglich gewesen. Und im Übrigen seien gerade durch Vermittlung oder Eingreifen der Stadt eine Reihe Gebäude saniert worden, wie das frühere Obdachlosenheim. Am ehemaligen Konsum und dem Herren- und weiteren Häusern sei die Stadt dran. Barbara Lüke: „Nicht erwartet werden kann aber, dass alles in kurzer Zeit fertig saniert steht. Gerade weil wir die Bürger ernst nehmen, nehmen wir auch ihr Eigentum ernst und möchten, dass sie sich der Verantwortung stellen.“ Erst wenn das ausbleibe, wende die Stadt Zwang an.

Wie der Investor vom früheren Kahlehaus seine Verantwortung sieht, muss er nun beweisen. Er habe bereits ein Pulsnitzer Planungsbüro beauftragt. Es fehlten nur noch ein paar Voraussetzungen. Das Büro bestätigte die Aussage. Der Bau werde vielleicht noch nicht in diesem Jahr fertig, aber beginnen, heißt es. Und Magnus Meier hofft seinerseits, dass die anderen Schandflecken auch mal in Angriff genommen werden „und Pulsnitz ein schönes Städtchen in der Westlausitz bleibt“.