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„Er brannte lichterloh“

Werner Greifendorf aus Riesa zündete sich im Gefängnis an – ein Hilferuf. Für die Stasi war er einfach nur verrückt.

Von Jens Ostrowski

Die ganze Unbarmherzigkeit des Systems drückt sich in diesem Fall in einem Wort aus: „Fackel“. So nennt die Stasi im Oktober 1978 die Ermittlungsakte zu Werner Greifendorf aus Riesa. Der 28-Jährige Hilfsarbeiter hatte sich kurz zuvor auf dem Hof der Haftanstalt Cottbus mit Farbverdünner übergossen und angezündet. Ein Hilferuf, der schief geht. Werner Greifendorf stirbt drei Wochen danach an seinen Verletzungen. Zurück bleibt bis heute die Fassungslosigkeit bei den Menschen, die das brutale Geschehen miterleben mussten.

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Beweisfoto der Stasi: Diese Flüssigkeit nutzte Werner Greifendorf als Brandbeschleuniger.
Beweisfoto der Stasi: Diese Flüssigkeit nutzte Werner Greifendorf als Brandbeschleuniger.

Dieter Grau, ebenfalls aus Riesa, und wie Greifendorf aufgrund versuchter Republikflucht in Cottbus inhaftiert, steht direkt daneben, als es passiert: „Plötzlich rannte Werner brennend wie eine Fackel in unsere Richtung. Er schrie, man konnte seine Todesangst nahezu spüren. Es herrschte helle Aufregung unter den Gefangenen. Als er an mir vorbeilief, stellte ich ihm ein Bein, damit er stürzte und ihm endlich geholfen werden konnte. Ein Mitgefangener warf sich schließlich mit einer Jacke auf ihn und löschte die Flammen.“ Andere Augenzeugen wollen gehört haben, wie der brennende Greifendorf erst mehrfach „Freiheit“, dann nach seiner Mutter gerufen habe, bevor er das Bewusstsein verlor.

Laut Akten gelangte Greifendorf in einem Gefängnisflur an den Farbverdünner, in dem Malerarbeiten stattfanden. „Nach unseren Erkenntnissen handelte es sich dabei nicht um einen Selbstmordversuch von Werner Greifendorf. Viel mehr ist diese Selbstverbrennung als Hilferuf zu sehen, der tragischerweise schief ging“, betont Sylvia Wähling, Leiterin der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus. Und auch die Stasi kommt zu dem Schluss, dass er wohl bezweckte, durch diese Aktion eine Übersiedlung nach Westdeutschland zu erreichen.

Dieter Grau kann die Bilder auf dem Gefängnishof bis heute nicht vergessen: „Werner Greifendorf war nicht bewusst, wie leicht entzündbar unsere Häftlingskleidung war. Sie bestand aus Dederon, einem Kunststoff, der sofort schmolz und sich regelrecht in die Haut einbrannte.“ Der junge Greifendorf erleidet am gesamten Oberkörper Verbrennungen dritten Grades. Er stirbt am 9. November im Cottbuser Bezirkskrankenhaus.

Für die Staatssicherheit war es von Beginn an ein Sicherheitsrisiko, dass es so viele Zeugen der Selbstverbrennung gab. Allein 62 Häftlinge befanden sich zu diesem Zeitpunkt mit Greifendorf auf dem Hof, vierzig weitere konnten die Selbstverbrennung aus ihren Zellen heraus beobachten. Die Stasi wollte unter allen Umständen vermeiden, dass der Vorfall in der Westpresse erschien. Aus Cottbus vorgesehene Häftlingsfreikäufe in den Westen wurden daher auf unbestimmte Zeit verschoben. Das traf auch Dieter Grau: „Meine Haftdauer wurde aufgrund dieses Vorfalls um Monate verlängert. Das habe ich später herausgefunden. Für immer aber einsperren konnten sie uns nicht. Ihnen musste also klar gewesen sein, dass der Fall Greifendorf irgendwann publik werden würde. Wir haben auch nie wieder offizielle Informationen im Gefängnis bekommen. Der Vorfall wurde einfach totgeschwiegen. Als hätte es ihn nie gegeben“, erinnert sich Grau.

Doch Werner Greifendorf hat es gegeben. In Döbern geboren, lebte er nach der Scheidung seiner Eltern ab dem dritten Lebensjahr in verschiedenen DDR-Kinderheimen. Schon damals träumte er wohl davon, zu seinem Vater in den Westen zu ziehen. Nach der 8. Klasse kam er mit seiner Mutter nach Riesa. Hier brach er eine Malerlehre ab und schlug sich als ungelernter Arbeiter durch. Zuletzt war er als Lagerist bei der Speicherei- und Speditionsgesellschaft in Riesa tätig. Er kam immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Mal stahl er auf der Arbeit eine Flasche Whisky, dann ließ er von einer Rentnerin einen Bierkrug mitgehen. Ein ihm von der Volkspolizei auferlegtes Gaststättenverbot ignorierte er.

Daneben verfolgte er weiterhin seinen großen Traum: „Er wollte ein Leben in Freiheit – ohne Bevormundung, ohne Unterdrückung“, weiß Sylvia Wähling. Deshalb entschloss er sich im März 1977 dazu, über Tschechien in die Bundesrepublik zu flüchten. Bereits Ende der 60er Jahre war er bei einem Fluchtversuch gefasst und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Und auch diesmal schaffte es Greifendorf nicht. In einem Waldstück lief er zwei Grenzern direkt in die Arme. Vor dem Kreisgericht Dresden wurde er wegen versuchter Republikflucht zu zwei Jahren und acht Monaten Haft in Cottbus verurteilt.

Ein optimistischer Mensch

„Sein lustiges Aussehen, gepaart mit einer geradezu kindlich-naiven Ausstrahlung führte ihn zur allgemeinen Sympathie unter den Gefangenen“, erinnert sich sein Zellennachbar Andreas Schmidt später, der Greifendorf eine hohe Intelligenz attestiert. Und: „Er steckte alle mit seinem Optimismus an.“ Deshalb ist es für Schmidt bis heute unerklärlich, dass gerade er es war, der sich anzündete.

An die Selbstverbrennung erinnert heute im Hof der ehemaligen Haftanstalt ein schlichtes Holzkreuz. Gedenkstättenleiterin Sylvia Wähling hat es vor einem Jahr aufstellen lassen. „Es soll daran erinnern, was Menschen auf sich genommen haben, um für ihre Freiheit einzustehen“, sagt sie.

Die Stasi indes kann sich damals nicht vorstellen, zu welchen Reaktionen die Methoden des Staats Menschen bringen kann. Für den Geheimdienst gibt es 1978 deshalb nur eine Erklärung: Diese Selbstverbrennung war die Tat eines Verrückten.

Lesen Sie morgen im nächsten Serienteil: Welche Anstrengungen die Staatssicherheit unternahm, um die Beerdigung von Werner Greifendorf auf dem Friedhof in Riesa-Poppitz vor dem Westen und unerwünschten Journalisten geheim zu halten.

Alle Teile dieser Serie finden Sie unter: www.szlink.de/stasi