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Expedition in die Tiefe

Heimatforscher entdeckten alten Brunnen unter der Neißstraße. Ein Mordfall machte die Erkundung leichter.

Von Claus Bernhard, Zirkel Görlitzer Heimatforscher

Die Ecke Hainwald/Neißstraße 8 liegt auf jenem Gelände, von dem die Stadt Görlitz einst ihren Anfang nahm. Sie entspricht zudem jenem „Kretscham“, den schon der Stadtschreiber Johann Haß erwähnt. Dieser „Kretscham“ lag um 1500 unterhalb eines Burgwalles. Nach dem Stadtbrand von 1717 entstand ein Neubau, der sich zu Teilen nicht mehr an die ursprünglichen Grundmauern hielt und als Zusatz den noch heute so markanten gewölbten Gang zur Neißstraße hin brachte.

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Natürlich ist so ein geschichtsträchtiges Gebäude ein begehrtes Objekt des Zirkels Görlitzer Heimatforscher. Bevor der Nikolaiturm das zentrale Forschungsgebiet dieses Vereins wurde, widmeten sich die Ehrenamtlichen der Erforschung von Kelleranlagen. 1964 bestand dazu an der Hainwald-Ecke die Möglichkeit. Von März bis November wurde jeder Gang in die Tiefe erforscht. Beim Abklopfen der Kellerwände klang es in einer Nische hohl. Schnell war eine Öffnung geschlagen. Dahinter fiel der Blick in einen unbekannten Brunnenschacht. Entsprechend der aufgenommenen Maße des Kellers begann nun eine Suche im Hof des Grundstückes. Unter einer zehn Zentimeter dicken Zementschicht kam eine Granitplatte zum Vorschein, die die Brunnenöffnung abdeckte. Erste Untersuchungen des Brunnens ergaben eine Tiefe von 15 Metern, einen Durchmesser von 1,80 Metern und einen Wasserstand von 9,50 Metern. Unterhalb des Wassers sah man quer im Schacht Holzbalken.

Die Neugier war geweckt. Doch nur ein Auspumpen konnte mehr Erkenntnisse bringen. Das aber war nicht möglich. Und so kontrollierten die Heimatforscher nur regelmäßig den Wasserstand, maßen die Temperatur und ließen das Wasser vom Gesundheitsamt untersuchen.

Ein Jahr später kam unerwartet die Pump-Erlaubnis, am 30. Juli 1965 rückte dafür sogar die Feuerwehr an. Es war die Zeit, in der in Görlitz Roswitha Buder ermordet wurde. Die Suche nach der Kindsleiche erstreckte sich auch auf alle möglichen Verstecke. Makaber aber wahr: Für die Heimatforscher war es ein Glücksfall. Denn nun lüftete der zur Neißstraße 8 gehörende Brunnen sein Geheimnis. Die Expedition in die Tiefe ergab: Der obere Einstieg bestand aus Ziegeln, die teilweise Kellerwände waren. Daran schloss sich Bruchstein auf 3,90 m Länge an. Dann kamen die schon von oben gesichteten Holzbalken zum Vorschein, als Querbalken und Stempel in der Felswand verkeilt. Darunter erweiterte sich der Brunnen auf 2,85 m Durchmesser, und nach weiteren 9,70 m war der Grund erreicht. Somit ergab sich eine Gesamttiefe von 17,30 m. Zum hohen Wasserstand trugen zwei seitliche Stollen bei, welche ansteigend vom Brunnen wegführten. Der Südstollen (in der Skizze als Sechseck dargestellt) hatte eine Länge von 8,60 m, eine Höhe und Breite von je 1,50 m. Er führte bei der Untersuchung nur schwach Wasser, während dieses beim Südoststollen stärker aus den Seitenwänden drückte. Dieser Stollen hatte eine Länge von 10,20 m und eine Höhe von zwei Metern. Außer zwei Teilen eines Steigrohres einer Pumpe, zwei eisernen Ringen und einer Schelle wurde aus dem Brunnen nichts geborgen. Das war ein Zeichen, dass das Bauwerk bis in die jüngste Zeit in Betrieb war und deshalb nicht zur Müllkippe verkam.

    Während der Gesamtrekonstruktion des Hauses in den 60er Jahren erhielten der Hof und der oberirdische Teil des Brunnens die heutige, eigentlich unscheinbare Form (kleines Bild oben links).

    Im benachbarten Grundstück Neißstraße 7 befindet sich ebenfalls ein Brunnen. Der ist wesentlich breiter im oberen Durchmesser und wurde leider in eine wüste Müllkippe verwandelt. Erst 1994 ging man daran, den Brunnen wieder freizulegen. Bei zwölf Meter Tiefe wurde das Ausräumen beendet, obwohl wahrscheinlich noch genug Füllmasse vorhanden war. Während die private Neißstraße 8 für Besucher versperrt ist, kann zumindest gelegentlich über das Kreativzentrum der Volkshochschule (Eingang Hainwald) ein Blick auf den sanierten Brunnen im Hof der Neißstraße 7 geworfen werden.  (mit SZ/rs)