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Fachärztin muss Patienten abweisen

Neurologin Kyra Ludwig ist mit ihrer Praxis von Seifhennersdorf nach Zittau gezogen. Sie kann sich vor Arbeit nicht retten - und erhebt schwere Vorwürfe.

Neurologin Kyra Ludwig in ihrer neuen Praxis im Zittauer Gewerbegebiet in der Weinau.
Neurologin Kyra Ludwig in ihrer neuen Praxis im Zittauer Gewerbegebiet in der Weinau. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

In der ersten Woche haben die Patienten vor der neuen Praxis Schlange gestanden: 40 Neuanmeldungen an einem einzigen Tag! "Wir schaffen es nicht - beim allerbesten Willen nicht", sagt Kyra Ludwig und wirkt sehr resigniert.

Dabei ist die Neurologin glücklich über ihre neuen Praxisräume im Zittauer Gewerbegebiet in der Weinau, die sie Mitte August bezogen hat: Hell und freundlich ist das ehemalige Firmengebäude am Hirschfelder Ring, vor allem aber barrierefrei und rollstuhlgerecht. Und die Räume erfüllen alle hygienischen Anforderungen an eine Arztpraxis, erklärt Kyra Ludwig. Das habe in den gemieteten Räumen in Seifhennersdorf alles nicht gewährleistet werden können. Die Eigentümer dort hätten auch nicht weiter investieren wollen.

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Aber Ludwigs Freude über die neue Praxis in Zittau ist getrübt: Zum ersten Mal in den Jahren als niedergelassene Fachärztin muss sie jetzt Patienten abweisen. "Das ist für einen Arzt, der mal einen Eid geschworen hat, richtig bitter", sagt sie. Vor Kurzem ist die langjährige Zittauer Fachärztin Heidemarie Lautenschläger in den Ruhestand gegangen.

Rund 700 neurologische Patienten, vor allem mit Parkinson und Epilepsie, waren bei Dr. Lautenschläger in Behandlung und müssen sich jetzt einen neuen Facharzt suchen. Zwar hat sie ihre Praxis an ihren Nachfolger Dariusz Dalek übergeben, er ist aber Psychiater und kein Neurologe. Die Suche nach einer Nachfolge in dieser Fachrichtung ist bisher erfolglos geblieben.

Große Versorgungslücke im Landkreis

Kyra Ludwig kann die entstandene Versorgungslücke aber nur zu einem kleinen Teil schließen, denn die 45-Jährige bringt bereits ihren kompletten Patienten-Stamm aus Seifhennersdorf mit nach Zittau. Und der allein ist bereits überdurchschnittlich groß: 1.300 Patienten hat sie im letzten Quartal behandelt.

"Und das Versorgungsproblem wird sich weiter verschärfen", ist Kyra Ludwig sich sicher. Zwar wird im Oktober eine Fachärztin für Neurologie als Angestellte im Herrnhuter Ärztehaus beginnen. Aber schon zum Jahresende wollen sich gleich zwei Fachärztinnen in Bautzen und Görlitz in den Ruhestand verabschieden. Auch deren Patienten suchen bereits nach einem neuen Facharzt. 

"Diese Situation ist sehr unbefriedigend", sagt Kyra Ludwig, "und sie macht mich richtig traurig." Die Neurologin macht vor allem der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Sachsen den Vorwurf, das Dilemma mit verursacht zu haben. "Statt uns niedergelassene Fachärzte zu unterstützen, macht die KV uns das Leben schwer", sagt sie. 

Die Bedarfsplanung der KV spiegele den tatsächlichen Bedarf an neurologischer Facharztbehandlung nicht im Ansatz wieder, kritisiert Ludwig. Laut jüngsten Berechnungen der KV sind die neurologischen Patienten im Landkreis Görlitz mit einem Versorgungsgrad von über 100 Prozent sogar überversorgt. Für die Region Bautzen liegt der Versorgungsgrad demnach bei 83 Prozent. Hier könnten sich noch zwei Neurologen niederlassen. Im Landkreis Görlitz hingegen gibt es demnach keine weiteren Zulassungsmöglichkeiten mehr. 

Regress-Fall noch immer nicht geklärt

Auch Kyra Ludwigs Regress-Fall, mit dem sie im vergangenen Jahr bundesweit Schlagzeilen geschrieben hatte, ist noch immer nicht geklärt. Zur Erinnerung: Die KV hatte die Abrechnungen der Neurologin aus den Jahren 2011 bis 2015 geprüft und einen Teil der von ihr abgerechneten Leistungen als "nicht plausibel" eingeschätzt. Nach Meinung der Prüfer könne Ludwig in der ihr zur Verfügung stehenden Arbeitszeit gar nicht so viel geleistet haben wie angegeben. Kyra Ludwig weist den Vorwurf entschieden zurück und erklärt ihre Arbeitsweise mit einem guten Praxis-Management.

Es geht um eine horrende Summe: Fast eine Viertelmillion Euro verlangt die KV von der Ärztin zurück. Das Geld bekommt Ludwig seit über einem Jahr bereits ratenweise vom monatlichen Honorar abgezogen - einschließlich hoher Zinsen. Mit dem Honorar aber muss sie alle Kosten für ihre Praxis decken. Wegen der Abzüge musste sie ihr Personal reduzieren und hat jetzt nur noch eine Arzthelferin, die ihr in der Sprechstunde zur Hand geht. Auch aus diesem Grund kann sie nicht mehr so viele Patienten behandeln wie bisher.

Gegen den Regress hat Kyra Ludwig vor dem Sozialgericht in Dresden geklagt. Das Gericht hatte ihr schon im Vorhinein grundsätzlich Recht gegeben und schon vor Monaten zu einem außergerichtlichen Vergleich geraten. "Die KV hat sich lange Zeit gelassen und mir schließlich ein Angebot über eine Summe von 150.000 Euro gemacht", sagt die Neurologin. Das könne und wolle sie so aber nicht akzeptieren. 

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Kyra Ludwig fühlt sich auch aus einem anderen Grund bestärkt: Seit April hat die KV ihre Prüfzeiten geändert. Seitdem ist es jetzt ohne weiteres möglich, so viele Patienten in einer bestimmten Zeit zu behandeln, wie sie das bereits in den Jahren 2011 bis 2015 getan hat. Eine Anfrage der SZ bei der Kassenärztlichen Vereinigung ist bisher unbeantwortet geblieben. 

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