merken
PLUS Kamenz

Diese Familie ist seit 500 Jahren nicht umgezogen

Ein Hof in Großröhrsdorf wird seit 1520 immer vom Vater an den Sohn weitergegeben - und das ist nicht die einzige Besonderheit.

Seit 500 Jahren leben Hörnigs auf dem Areal an der heutigen Bandweberstraße im Osten von Großröhrsdorf. Heute sind es Christian Hörnig (l.) in 12. Generation, Sohn Gerd und seine Frau Birgit. Die Linden prägten schon vor rund 100 Jahren das Bild.
Seit 500 Jahren leben Hörnigs auf dem Areal an der heutigen Bandweberstraße im Osten von Großröhrsdorf. Heute sind es Christian Hörnig (l.) in 12. Generation, Sohn Gerd und seine Frau Birgit. Die Linden prägten schon vor rund 100 Jahren das Bild. © René Plaul

Großröhrsdorf. Zwei knorrige Linden stehen vor dem Werkstattgebäude der Karosseriebaufirma Hörnig in Großröhrsdorf. Die standen schon vor 100 Jahren dort. Das belegen alte Fotos. Aber das ist noch gar nichts. Denn die Familie selbst wohnt nun schon seit 500 Jahren genau auf dieser Scholle. Gregor Hörnig machte 1520 den Anfang. Sein Nachfahre in der 13. Generation, Gerd Hörnig, hat einen dicken Ordner mit den Beweisdokumenten.

Die Großröhrsdorfer Kirchenunterlagen seien sehr zuverlässige Quellen. Zum Glück. Denn: „Das glaubt sonst kein Mensch, es ist wie ein Wunder“, sagt der 57-jährige Karosseriebaumeister und blättert in den Auszügen. Auch die Trauregister geben Einblick in die Familiengeschichte, ebenso die Chronik des Großröhrsdorfer Heimatforschers Praßer. 

Anzeige
Trendmarken in der Centrum Galerie
Trendmarken in der Centrum Galerie

Auch die Centrum Galerie ist mit vielen internationalen Marken und lokalen Händlern bei der langen Nacht des Shoppings dabei.

Ob Gregor Hörnig einheiratete oder das Areal zuerst pachtete und dann kaufte, ist nicht ganz geklärt. Seitdem gaben die Väter den Familienbesitz immer an den Sohn weiter. Auch das sei ein Glücksumstand, denn es ist ja nicht selbstverständlich, dass immer Jungs unter den Kindern sind. Aber der feste Wille von der Weitergabe der Väter an die Söhne wurde 1556 sogar schriftlich bekundet. Gerade in früheren Jahren sorgte der Kinderreichtum dafür, dass das Versprechen eingelöst werden konnte.

Zwei der Linden, die auf diesem Foto zu sehen sind, prägen bis heute den Anblick des Grundstücks. Früher standen sie vor dem Bauernhaus. Heute befindet sich dort die neu gebaute Werkstatt. Der Junge rechts auf dem Wagen ist Christian Hörnig.
Zwei der Linden, die auf diesem Foto zu sehen sind, prägen bis heute den Anblick des Grundstücks. Früher standen sie vor dem Bauernhaus. Heute befindet sich dort die neu gebaute Werkstatt. Der Junge rechts auf dem Wagen ist Christian Hörnig. © privat

Im Büro der Karosseriebaufirma hängt ein imposanter Familienstammbaum mit ausladenden Ästen. Der gibt interessante Einblicke. So kamen in den Familien bis zu 14 Kinder zur Welt, nicht alle wurden alt. Aber es waren schon mal neun Jungen dabei und fünf Mädchen wie in der vierten Generation im 17. Jahrhundert. Da musste keine Sorge um den Stammhalter sein. Seit dem 19. Jahrhundert gingen die Kinderzahlen zurück. Sechs waren es in der neunten Generation. Gerd Hörnig hat zwei Geschwister und zwei Kinder.

Die Geschichte auf dem Familienanwesen kann also fortgeschrieben werden. Sicher war das nicht. Denn jede Generation habe ihre eigenen Lebensvorstellungen, so Hörnig. Sohn Lukas zog es eigentlich in die Ferne. Die Archäologie hatte es ihm angetan. „Es bringt nichts, das Kind zu zwingen. Es muss die eigene Entscheidung sein und von Herzen kommen“, sagt Gerd Hörnig. Und die fiel schließlich doch für den Familienbetrieb. Inzwischen ist der 23-jährige Lukas Hörnig selbst Meister. Vielleicht spielte wachsender Realitätssinn mit und vor allem der Gedanke, in der Heimat ist es doch ganz gut. Zur Freude von Vater Gerd und des 83-jährigen Großvaters Christian.

Aus Landwirtschaft wird Schlosserei

Er selbst habe nie auch nur ansatzweise mit dem Gedanken gespielt, das Gut zu verlassen: „Mich müssten sie hier raustragen“, bekräftigt Gerd Hörnig. Aber mit einer Tradition hat die Familie inzwischen gebrochen. Aus dem Landwirtschaftsbetrieb ist ein Karosseriebau geworden. Die 26 Hektar Ackerland sind verpachtet: „Damit hätten wir nach der politischen Wende 1989 auch nicht überleben können“, sagt Hörnig.

Dass er schon zu DDR-Zeiten einen anderen Beruf ergriff, hatte etwas mit der Entwicklung damals zu tun. Die sozialistische Kollektivierung ging an Hörnigs nicht vorbei. Die Gebäude seien heruntergewirtschaftet worden. Der Vater habe keine Zukunft mehr für den Sohn in der Landwirtschaft gesehen. Der leitet nun eine florierende Karosseriewerkstatt mit Lackiererei auf dem Areal.

Die 500 Jahre Familiengeschichte sind voll von Anekdoten, aber auch Tragödien. So starb ein Christoph Hörnig 1739 am Biss eines wild gewordenen Kettenhundes. Ein anderer Hörnig fiel 1744 als königlich sächsischer Musketier. Die Geschichte ist auch eine von Bränden. Der Schlimmste war wohl 1938, als ein Kurzschluss am Heuförderer den Kuhstall in Brand setzte. Damals starben der Großvater und zwei Arbeiterinnen. Auf den Fundamenten steht jetzt die Lackiererei. Bei der Sanierung seien sogar noch verkohlte Balken gefunden worden.

Ein historischer Blick auf den Hofeingang. Die Gebäude existieren heute so nicht mehr. Der Charakter des Vierseithofes ist aber erhalten geblieben.
Ein historischer Blick auf den Hofeingang. Die Gebäude existieren heute so nicht mehr. Der Charakter des Vierseithofes ist aber erhalten geblieben. © Familie Hörnig

Bei einem weiteren Brand  1779  mussten die Bewohner des Bauernhauses unbekleidet fliehen, heißt es. An dessen Stelle steht heute ein Werkstattneubau. 1899 standen das Auszugshaus und die Scheune in Flammen. Das Auszugshaus ist inzwischen saniert und modernisiert und dient als Wohnhaus für die Familie und Domizil für das Büro. Den Charakter eines Vierseitenhofes habe das Anwesen trotzdem bis heute erhalten.

Im September soll das halbe Jahrtausend auf dem Hof gefeiert werden. Dazu haben sich Vertreter der Familie Hörnig aus Österreich bis Irland angesagt. Das sind immerhin um die 40. Und auch die Erforschung der Familiengeheimnisse ist noch längst nicht abgeschlossen. Dabei geht es um das Familienwappen und einen sächsischen Hofrat Hörnig. Die verwandtschaftlichen Beziehungen sind noch nicht abschließend geklärt. In der Wappensache führt die Spur ins Staatsarchiv nach Wien.  

Mit dem kostenlosen Newsletter „Kamenz kompakt“ starten Sie immer gut informiert in den Tag. Hier können Sie sich anmelden.

Mehr Nachrichten aus Bautzen lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Bischofswerda lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Kamenz lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Kamenz