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Familientradition endet – Name bleibt

Die Kamenzer Fleischerei Kretzschmar wird seit 2017 von Frank Rost geführt. Er knüpft dennoch an eine lange Historie an.

© privat

Von Norbert Portmann

Als Fleischerei kann das heutige Fleisch- und Wurstwarengeschäft auf der Kamenzer Nordstraße auf eine mehr als 100-jährige Geschichte zurückgreifen. Somit ist die Fleischerei mit einer der ältesten in Kamenz noch existierenden Fleischereien. Mit der Bebauung des Stadtviertels in der Nord-Ost-Vorstadt um die heutige Rathenaustraße und dem August-Bebel-Platz, war auch da der Bedarf an Versorgungseinrichtungen gegeben. Es ist nicht bewiesen, aber möglich, dass der Fleischer Wehner seine Fleisch- und Wurstprodukte der böhmischen und schlesischen Küche anpassen musste. Dies war der Tatsache geschuldet, dass im Einzugsbereich der Fleischerei viele Glasarbeiter aus Böhmen und Schlesien hier eine neue Heimat fanden. Die „Sachsentreue“ existierte bereits schon als Gaststätte. Ansonsten war es ziemlich ruhig in dieser Gegend. Nur das Militär des Königlich-Sächsischen Infanterieregiment Nr.178 belebte in dieser Zeit langsam das Straßen- und Stadtbild.

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Die Veranstaltung findet am Mittwoch, dem 20. Januar 2021, in virtuellen Räumen statt.

Übrigens zählte das Militär auch zu den Großkunden der Fleischer und Bäcker. Das hing damit zusammen, dass die Kompaniefeldwebel bei Geländeübungen oder während der Schießausbildung ihre Einheit in Eigenregie versorgen mussten. Mit dem zur Verfügung stehenden Geld suchten sich die Kompaniefeldwebel den günstigsten Bäcker und Fleischer aus.

Erster Nachweis von 1901

Das heutige Fleischergeschäft Kretzschmar muss so um 1900 errichtet worden sein. Im Adressbuch von 1901 existiert die heutige Rathenaustraße noch nicht. Die hier gebauten Grundstücke gehörten zur Nordstraße. Das Fleischergeschäft Wehner gehörte unter Nordstraße 20 dazu und erhielt ab 1903 das Adressat Moltkestraße 2. Im Jahre 1901 war Emil Edwin Wehner der erste nachweislich dokumentierte Fleischermeister. Gebaut wurde das Haus mit zwei Geschäften, links die Fleischerei und rechts eine Bäckerei. Zunächst war Martin Fritzsche seit 1901 der Bäckermeister. Paul Richard Wehner, der Bruder vom Fleischer Wehner, hat so von 1910 bis um 1930 herum die Bäckerei geführt. Für den, der es sich leisten konnte, war es bestimmt eine schöne Zeit: Rechts ein frisches Brötchen und links eine Scheibe frische Blut- oder Leberwurst oder vielleicht ein Kamenzer Knackwürstchen? Wie köstlich! Übrigens bestand die Bäckerei noch bis zu DDR-Zeiten, und Bäcker Lorenz war der letzte Privatbäcker, ehe daraus ein HO-Backwarengeschäft wurde.

Familiäre Tradition unterbrochen

In den Jahren der Weimarer Republik musste aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen Fleischer Wehner sein Gewerbe aufgeben. Richard Thomschke war dann bis 1936 Inhaber der Fleischerei. Ziemlich jung an Jahren, gerade 24, übernahm Willi Kretzschmar, der wie seine Gattin aus Dresden stammte, 1936 die Fleischerei. Übrigens wurde mit Thomschke die familiäre Tradition unterbrochen. Es bestanden verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den Familien Wehner und Kretzschmar. Willi Kretzschmar führte 36 Jahre seine Fleischerei. Im Jahre 1972 übernahm sein Sohn Günter dann das Geschäft nebst Fleischerei. Günter Kretzschmar legte 1962 seinen Meisterbrief ab. Im Jahre 2012 erhielt er den Goldenen Meisterbrief. Interessant ist auch die Tatsache, dass der männliche Nachwuchs der Kamenzer Fleischer, wenn sie den Beruf des Fleischers erlernten, meistens bei anderen Meistern in Ausbildung gingen. In der Regel war es bei allen anderen Handwerken genauso.

Die Familientradition wurde bei Kretzschmars aufrechterhalten. Willi Kretzschmars Enkel und Günter Kretzschmars Sohn Maik übernahm dann die Fleischerei. Maik Kretzschmar machte 1988 seinen Meister. Im Jahre 2017 übergab Maik Kretzschmar an Frank Rost die Fleischerei. Eine 81-jährige Familientradition endete. Jedoch wurde der Name „Fleischerei Kretzschmar“ beibehalten – und die für so Kamenz typische eigene Würstelkreation des jeweiligen Meisters. Nach altem Brauch wurde das Rezept an den Nachfolger übergeben.