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Letztes Geheimnis am Dresdner Neumarkt gelüftet

Wie das frühere Kaufhaus „Au petit bazar“ wiederaufgebaut wird, war bis jetzt unbekannt. Der Entwurf greift Altes auf.

© Visualisierung: Arte4D

Von Lars Kühl

Dresdens erstes Kaufhaus stand an dieser Stelle. Architekt Heinrich Hermann Bothen ließ das „Au petit bazar“ zwischen 1850 und 1851 direkt am Neumarkt bauen. Seine Ladenfront war damals hochmodern und galt als bahnbrechend. Kaufmann Joseph Meyer bot Parterre und im ersten Obergeschoss Damenmode an. Um einen rechteckigen Lichthof mit Glasdach gelangte die Kundschaft durch Rundbogenarkaden in die galerieartigen Verkaufsräume. Es gab sogar ein „dunkles Cabinet“, wo Ballkleider bei effektvollem Kunstlicht anprobiert werden konnten. Kaufmann Meyer wohnte selbst in dem fünfgeschossigen Haus, es gab weitere Unterkünfte. 1945, bei den Bombenangriffen auf die Stadt im Februar, wurde auch das „Au petit bazar“ zerstört. Bis heute ist die Parzelle unbebaut.

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So fügte sich das Kaufhaus „Au petit bazar“ am Neumarkt vor seiner Zerstörung in die Bebauung ein.
So fügte sich das Kaufhaus „Au petit bazar“ am Neumarkt vor seiner Zerstörung in die Bebauung ein. © Visualisierung: Arte4D

Doch inzwischen sind Bagger angerückt. Das Grundstück gehört als kleiner, eigenständiger Teil eines Vierseithofes dem Nobelpreisträger Günter Blobel. Jener Professor, der als Neunjähriger auf seiner Flucht aus Schlesien im Januar 1945 das noch unzerstörte Dresden durchquerte. Die Bilder dieser schönen Stadt ließen ihn nie wieder los, ihre Verwüstung kurz darauf hat Blobel zeitlebens geschmerzt. Als der Biochemiker 1999 den Nobelpreis erhält, spendet er 820 000 Euro des Preisgeldes für den Wiederaufbau der Frauenkirche. Blobel hat große Erwartungen für das „Au petit bazar“ geweckt. Viele, die sich für den Wiederaufbau des alten Dresdens starkmachen, darunter auch die Gesellschaft Historischer Neumarkt, hoffen auf eine möglichst originale Rekonstruktion. Doch während das künftige Aussehen der neun anderen Häuser des Karrees vom Bauherrn Unser Schönes Dresden (USD) bekannt ist, war der Entwurf des Blobel-Objektes bisher ein gut gehütetes Geheimnis.

Jetzt lüftet es die SZ. „Der Bauherr setzt auf eine Anlehnung an die historische Fassade des Vorgängerbaus, ohne die Mängel in den Proportionen zu übernehmen“, erklärt Michael Kaiser, der als Architekt den Entwurf zusammen mit Blobel erarbeitet hat. Die aus ihrer Sicht zu „wuchtige Schaufensterfront über gleich zwei Geschosse“ werde ebenso neu gestaltet wie die „zu hoch liegenden Balkonbänder und die kraftlose, zu geduckte Dachlandschaft“. Mit dem Ergebnis soll „ein Beispiel für den schöpferischen Umgang mit den Architekturhandschriften der vergangenen Epochen“ geliefert werden und damit dem „starren Entweder-Oder“ von Rekonstruktion beziehungsweise zeitgenössischer Architektur, das den Wiederaufbau des Neumarktes in der Diskussion von Anfang an begleitet, entgegentreten.

Das „Au petit bazar“ zählt nicht zu den Leitbauten. Das Stadtplanungsamt hätte deshalb einen kompletten Neubau vorgezogen, sagt Kaiser. Das, was jetzt genehmigt wurde, gilt als Kompromiss. Blobel will damit eine Hommage an die Neostil-Epoche des 19. Jahrhunderts schaffen, an den „sicheren Umgang mit den Elementen der Antike, der Gotik, der Renaissance“, erklärt Kaiser. Die Fassade sei meisterhaft der venezianischen Palastarchitektur im italienischen Renaissance-Stil nachempfunden gewesen. Das „großartige Fassadendekor“, welches „an reichhaltigen Ausprägungen am Neumarkt seinesgleichen sucht“, soll rekonstruiert werden. Den Auftrag dazu hat die Firma Stuck Art aus Bannewitz. Eine Besonderheit sind sechs Figuren über den Schaufenstern, die die untersten Balkone „abstützen“. Diese sogenannten Karyatiden sollen bedeutende Frauen aus der Kunst und Wissenschaft zeigen.

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Insgesamt investieren Blobel und sein Partner Kondor Wessels acht Millionen Euro, berichtet Kaiser. Derzeit wird die Baugrube ausgehoben. Richtfest soll am Jahresende gefeiert werden, sodass der Innenausbau 2018 erfolgen kann. Die ersten Mieter könnten, ähnlich wie beim USD-Vorhaben, Anfang 2019 einziehen. Neben den acht Wohnungen in den Obergeschossen plant der Bauherr eine Galerie im Erdgeschoss. Dort soll zeitgenössische Kunst ausgestellt und verkauft werden.