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Frauenpower unter Atemschutz

Brände löschen, gefährliche Stoffe bergen - Andrea Kern von der Frankenthaler Feuerwehr beweist, dass Frauen das ebenso können wie Männer.

Andrea Kern ist Feuerwehrfrau mit Leidenschaft. Sie rückt auch mit schwerem Atemschutzgerät aus, um Brände zu löschen. Und sie ist die einzige Frau im ABC-Erkundungszug der Frankenthaler Wehr.
Andrea Kern ist Feuerwehrfrau mit Leidenschaft. Sie rückt auch mit schwerem Atemschutzgerät aus, um Brände zu löschen. Und sie ist die einzige Frau im ABC-Erkundungszug der Frankenthaler Wehr. © Foto: Steffen Unger

Frankenthal. Andrea Kern ist immer auf dem Sprung. Ertönt ihr Pieper, lässt die junge Frau alles stehen und liegen und macht sich auf den Weg. Meist weiß sie nicht, was sie erwartet. Doch eins weiß sie genau: Sie kann Leben retten. Denn die 23-jährige Frankenthalerin engagiert sich mit Leidenschaft in der Feuerwehr. Trotz ihrer Jugend hat sie dabei schon so einiges an Erfahrung und Qualifikationen zu bieten.

Nicht familiär vorbelastet

Schon mehr als ein Jahrzehnt ist die attraktive junge Frau mit den langen rötlich schimmernden Haaren bei der Frankenthaler Wehr. Und das, obwohl sie nicht familiär vorbelastet ist. Ihr Interesse weckte nicht - wie oft üblich - jemand aus der Verwandtschaft, sondern der Jugendwart der  freiwilligen Feuerwehr. „Der ging damals von Haus zu Haus und hat für die Wehr geworben“, erinnert sich Andrea Kern.  

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Scheinbar mit sehr guten Argumenten. Denn die damals Zehn- oder Elfjährige sagte sich: „Das guck' ich mir mal an.“ Schließlich war sie seinerzeit in dem Alter, in dem man sich erste Hobbys sucht. Das Reinschnuppern begeisterte sie. Und diese Begeisterung hält bis heute an. Dass bei ihr die Feuerwehr an erster Stelle kommt, akzeptiert auch ihr Freund. „Er hat mich schließlich kennengelernt, als ich schon dabei war", sagt sie mit schelmischem Augenzwinkern.

Und auch die Arbeitskolleginnen haben Verständnis, berichtet die Erzieherin. Wenn es die personelle Situation zulässt, rückt sie  mit aus. Zumindest mit der Nachhut. Denn vom Arbeitsort in Ohorn schafft sie es nicht, beim ersten Einsatztrupp dabei zu sein. 

Keine Männerdomäne mehr

Als es vor ein paar Jahren um die Berufswahl ging, gab es für sie nur zwei Varianten. Die Arbeit als Erzieherin oder bei der Berufsfeuerwehr. Durch die Mitgliedschaft in der ehrenamtlichen Wehr kann sie ihre beiden Träume leben.  

Dass die Arbeit der Feuerwehr schon lange keine reine Männerdomäne mehr ist, zeigen  all jene Frauen, die vielerorts bei Alarm zu Hilfe eilen. In Frankenthal gibt es davon so viele wie sonst in kaum einem Ort. Unter den 29 aktiven Mitgliedern sind acht Frauen, erzählt Tom Höhne, Mitglied der Wehrleitung und Atemschutz-Gerätewart. „Feuerwehrfrau war früher etwas sehr Exotisches, heute dagegen ist es ganz normal.“ 

Andrea Kern ist trotzdem eine Ausnahme. Sie ist eine von 15 Geräteträgern in der Wehr. Das heißt, sie darf sogar mit einer knapp 20 Kilo schweren Ausrüstung unter Atemschutz in brennende Häuser – genauso wie drei weitere Kameradinnen. Außerdem ist sie die einzige Frau im ABC-Erkundungszug der Frankenthaler Wehr. 

Anfwändige Prozedur

 In den unförmigen grünen Chemikalienschutzanzug darf sie nur steigen, weil die 23-Jährige zusätzlich zur Feuerwehr-Grundausbildung spezielle Lehrgänge und Trainings absolviert hat. Denn Gefahrgut-Einsätze sind anspruchsvoll. Schon das Anlegen der gasdichten und chemikalienbeständigen Anzüge ist eine aufwändige Prozedur. Und demnächst will Andrea Kern auch noch den Lkw-Führerschein machen. „Dann wird sie unsere erste Maschinistin sein“, erklärt Tom Höhne. Die Gemeinde und der Freistaat stellen für diese Ausbildung Fördergeld bereit. 

Nachwuchssorgen haben die Frankenthaler Feuerwehrleute nicht. Auch dank der sehr guten Jugendarbeit. Wie Tom Höhne und Andrea Kern finden viele über die Nachwuchswehr zum aktiven Dienst. Kein Wunder also, dass Frankenthal mit 36 Jahren Durchschnittsalter eine recht junge Wehr hat. 

Keine Extra-Wurst

Die weiblichen Brandschützer in der Frankenthaler Wehr bekommen dabei keine Extra-Wurst. „Das möchten wir auch gar nicht. Wir wollen und können die gleiche Leistung bringen wie die Kameraden“, betont Andrea Kern nachdrücklich. Das zu zeigen, war für die 23-Jährige auch ein Beweggrund, sich für den aktiven Dienst zu entscheiden. Letztlich nehme das Feuer auch keine Rücksicht auf Geschlechterfragen.

Ob sie Angst hat? „Nö!“, sagt sie. „Dann würde ich das nicht machen.“ Leichtsinnig sei sie aber trotzdem nicht. Schließlich bekomme man in Lehrgängen und wöchentlichen Diensten das nötige Rüstzeug. Die Geräteträger müssen zudem auf entsprechenden Übungsstrecken regelmäßig ihre Fitness unter Beweis stellen. Denn die ist überlebenswichtig. Erst vor wenigen Wochen fand die jüngste Überprüfung im Feuerwehrtechnischen Zentrum statt. 

Große körperliche Belastung

Denn Löschen, Bergen und Retten unter schwerem Atemschutz ist eine enorm große Belastung. Dass sie der gewachsen sind, müssen die Feuerwehrleute beweisen. Zur Belastungsprobe gehöre unter anderem das Klettern auf einer sogenannten Endlosleiter. Was Andrea Kern gar nicht mag, ist das Oberarm-Ergometer. „Aber auch da muss ich durch.“ Die eigentliche Atemschutzstrecke kann man sich wie einen großen Abenteuerspielplatz vorstellen. Man krabbelt über und durch Hindernisse, durch Öffnungen auf andere Ebenen und wieder zurück. Das alles in kompletter Dunkelheit und bei Hitze. 

Derzeit sind Dienste, Aus- und Weiterbildungen wegen der Corona-Krise allerdings bis auf Weiteres auf Eis gelegt. Doch wenn ihr Pieper ertönt, dann macht sich Andrea Kern natürlich auch in diesen Zeiten sofort auf den Weg 

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